SPITALHYGIENE: Massive Vorwürfe: Spitäler wehren sich

Patientenschützer halten die Hygiene in Schweizer Operationssälen für ungenügend. Die Spitäler sehen keinen Grund zur Sorge – fordern aber mehr Geld.

Lukas Leuzinger und Alexander von Däniken
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Mangelnde Hygiene im Operationssaal soll in Schweizer Spitälern ein Problem sein, hat eine Umfrage ermittelt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Mangelnde Hygiene im Operationssaal soll in Schweizer Spitälern ein Problem sein, hat eine Umfrage ermittelt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Eine Umfrage unter Mitarbeitern in Operationssälen stellt den Schweizer Spitälern in Sachen Hygiene kein gutes Zeugnis aus. Fast ein Viertel der befragten Ärzte und Pfleger gab an, dass die Vorschriften nicht immer eingehalten werden (siehe Kasten). Als «erschreckend» bezeichnet der Vergleichsdienst Comparis das Ergebnis seiner Umfrage.

Luzern ist überrascht

Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz sieht sich bestätigt. «Wir haben dieses Ergebnis durchaus erwartet», sagt Geschäftsführerin Margrit Leuthold gegenüber unserer Zeitung. Es decke sich mit früheren Erfahrungen. Für Leuthold steht fest: «Die Hygiene in den Schweizer Spitälern ist ungenügend.» Die Spitäler selbst sehen das anders.Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene des Luzerner Kantonsspitals (Luks), ist ob der Comparis-Um­frage zumindest teilweise überrascht: «Grundsätzlich ist die Sterilisation der Instrumente heute weitgehend standardisiert und aus unserer Sicht unproblematisch.» Hingegen sei nachvollziehbar, dass die Befragten im OP das Hygieneverhalten in den Schweizer Spitälern als nicht perfekt beurteilen.

Am Luks werde das Hygieneverhalten regelmässig beobachtet, sagt Rossi weiter. «Vor allem ist das Team der Spitalhygiene regelmässig in Operationssälen präsent. So können Probleme rasch erkannt und verbessert werden.» Auch Schulungen hätten einen wichtigen Stellenwert. Ziel sei, das Hygieneverhalten der einzelnen Mitarbeiter zu verändern. Generell versuche das Luks mit einer offenen Fehlerkultur aus Fehlern zu lernen.

«Höchste Wichtigkeit»

Bei der Klinik St. Anna in Luzern, welche von der Hirslanden-Gruppe betrieben wird, sind die Massnahmen bezüglich Hygiene «von höchster Wichtigkeit», wie Patric Bürge, Leiter Kommunikation und Marketing, erklärt. Die Klinik habe bereits seit 2003 eine Hygieneverantwortliche – mittlerweile sei es ein Hygieneteam. Dieses definiere die Hygieneprozesse, stelle die Schulung sicher und kontrolliere die Vorgaben. «Wir legen Wert darauf, dass jeder einzelne Mitarbeiter auf Hygiene geschult ist, beginnend bei der Händehygiene», sagt Bürge. Für den OP-Bereich gebe es neben internen Schulungen und Weiterbildungen auch spezielle Hygienerichtlinien. Darüber hinaus finde ein regelmässiger Hirslanden-interner und -externer Austausch über Hygiene und Infektüberwachung statt. «Die Weiterentwicklung von Hygienemassnahmen und Hygieneschulungen ist ein laufender Prozess und unterliegt einer stetigen Entwicklung.»

Auch das Zuger Kantonsspital (ZGKS) gibt an, die Hygiene regelmässig zu überprüfen, wie Marketingleiterin Sonja Metzger auf Anfrage erklärt. «Wo nötig, werden Massnahmen zur Optimierung definiert und umgesetzt.» Dazu würden die Vorgesetzten regelmässig prüfen, ob die Hygienevorschriften eingehalten werden. Regelmässig würden Schulungen durchgeführt. «Das Ergreifen von Massnahmen mit dem Ziel, die Hygiene zu verbessern, ist ein kontinuierlicher Prozess, der im ZGKS seit Jahren etabliert ist.»

Auf hohem Niveau

Der Spitalverband H+ beurteilt die Hygiene in Schweizer Spitälern generell als gut. «Wir befinden uns auf einem hohen Niveau», sagt der Kommunikationsverantwortliche Conrad Engler. Er stellt der Comparis-Umfrage eine Umfrage unter den Patienten entgegen, gemäss der 9 von 10 angaben, zufrieden mit ihrer Behandlung zu sein. Dass es Verbesserungspotenzial gibt, sieht zwar auch Engler. Er sieht aber vor allem die Krankenkassen in der Pflicht: «Wenn unsere Leistungen zu kostendeckenden Tarifen abgegolten würden, könnten wir auch mehr in die Prävention investieren.»

Prävention ist freiwillig

«Die Lage ist nicht alarmierend», sagt Swissnoso-Präsident Andreas Widmer. Swissnoso ist ein Zusammenschluss von Fachärzten, die Empfehlungen zur Infektionsbekämpfung abgeben. «Man könnte die Qualität jedoch verbessern.» Das Ergebnis der Umfrage erstaunt ihn, allerdings relativiert er: «Dass viele Befragte angeben, die Vorschriften würden nicht eingehalten, dürfte auch damit zusammenhängen, dass in der Schweiz sehr strenge Vorschriften gelten. Das Problem ist die Kontrolle», sagt Widmer. «Momentan beruht die ganze Prävention in der Schweiz auf Freiwilligkeit.»

Margrit Leuthold von der Stiftung Patientensicherheit Schweiz sieht alle Akteure in der Pflicht. Die Spitalhygiene erhalte zu wenig Aufmerksamkeit. «Wichtig wäre, dass die Spitäler das Thema zur Chefsache machen, anstatt es zu delegieren.»

Spitalpersonal missachtet häufig die Hygienevorschriften

Hygienekontrollen in Schweizer Spitälern. (Bild: Grafik: Oliver Marx)

Hygienekontrollen in Schweizer Spitälern. (Bild: Grafik: Oliver Marx)

8 von 10 Ärzten oder Pflegern würden sich im eigenen Operationssaal nicht unters Messer legen. Grund dafür ist die mangelnde Beachtung der Hygienevorschriften in den Operationssälen. Das hat eine Umfrage des Internet-Vergleichsdiensts Comparis unter 350 OP-Ärzten und -Pflegern ergeben. Bereits im Mai veröffentlichte Comparis eine Umfrage zu den Hygienekontrollen in Spitälern durch die kantonalen Behörden. Das Fazit hier: Die Kontrollen würden in vielen Fällen nur lückenhaft oder gar nicht ausgeführt (siehe Grafik).

Pfleger sind kritischer

Ein Gefälle zeigt sich bei den Angaben von Ärzten und Pflegern. Pfleger stufen die Situation meist deutlich kritischer ein als das Ärztepersonal. So zeigt sich, dass sich nur 7 von 10 Pflegern im eigenen OP operieren lassen würden. Bei den Ärzten sind es hingegen 9 von 10, schreibt Comparis. Jeder dritte Pfleger gab bei der Befragung an, dass die Hygienerichtlinien nicht von allen Mitarbeitern eingehalten werden. Bei den Ärzten stellten dies 18 Prozent fest. Jede fünfte Pflegekraft sieht in ihrer Klinik «Probleme mit der Sterilisations-Qualität». Und jeder Vierte bejaht die Aussage, dass die Patientengefährdung im OP in den vergangenen beiden Jahren zugenommen habe. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass 78 Prozent der Pfleger für denselben Zeitraum eine Zunahme der Arbeitsbelastung konstatieren.

Jährlich 70 000 Menschen infizieren sich laut Comparis-Umfrage vom Mai dieses Jahres in der Schweiz während eines Spitalaufenthalts mit Krankheitskeimen. 2000 sterben daran, wie der Fachärzte-Verein Swissnoso schätzt. Mehr als jeder dritte Fall ist den Experten zufolge vermeidbar. Das heisst: Rund 20 000 Infektionen und 600 Todesfälle liessen sich durch bessere Hygiene und entsprechende Kontrollen verhindern.

Nicht überall regelmässig

Die Umfrage zeigt, dass nur gerade sechs Kantone in ihren Spitälern auch tatsächlich Hygienekontrollen durchführen. Von 26 Kantonen haben 20 an der Befragung von Comparis teilgenommen. Regelmässige Vor-Ort-Kontrollen finden in den Berner, Bündner, Luzerner, Nidwaldner, Schwyzer und Zürcher Spitälern statt. Die Kantone Glarus, Solothurn, Obwalden, Jura, Uri und Wallis gaben an, auf eigene Kontrollen in den Spitälern zu verzichten. Bei Bedarf oder aus begründetem Anlass führen die Kantone St. Gallen, Thurgau, Basel-Landschaft und Basel-Stadt ab und zu Kontrollen durch. Die anderen Kantone machten entweder keine Angaben oder nahmen an der Umfrage nicht teil.

Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte von Comparis: «Die Umfrage zeigt klar: Selbst ein nicht unbeachtlicher Teil der Klinikmitarbeiter sorgt sich um die Hygiene im eigenen Spital. Das ist erschreckend und muss von den Verantwortlichen ernst genommen werden. Die Gesundheitsämter müssen den Spitalmitarbeitern genauer auf die Finger schauen, damit die Patienten besser vor Krankenhauskeimen geschützt werden.» Der Präsident der Stiftung für Patientensicherheit Schweiz, Dieter Conen, sagt: «Um die Hygiene in den Spitälern nachhaltig zu verbessern, reichen mehr Kontrollen und scharfe Sanktionen nicht aus. Vielmehr ist es wichtig, dass die Spitäler die Schulung ihres OP-Personals verbessern. Leider wird die Hygieneprävention oft vernachlässigt. Vor allem die steigende Arbeitsbelastung in den Spitälern geht zu Lasten der Prävention.»