SPORTPOLITIK: «Fifa steckt in ganz schwieriger Situation»

Russland wird 2018 die Fussball-WM austragen – oder am Ende vielleicht doch nicht? Alt Bundesrat und alt UNO-Sonderbotschafter Adolf Ogi (72) fordert, dass nicht nur die Fifa über die Bücher geht.

Interview Sermîn Faki
Drucken
Teilen
Alt Bundesrat Adolf Ogi fordert von der Fifa und dem Olympischen Komitee, dass sie jetzt «Führung beweisen». (Bild: Ex-Press/Stephan Bösch)

Alt Bundesrat Adolf Ogi fordert von der Fifa und dem Olympischen Komitee, dass sie jetzt «Führung beweisen». (Bild: Ex-Press/Stephan Bösch)

Herr Ogi, Russland ist in einen blutigen Territorialkonflikt in der Ukraine verwickelt. Muss man die Vergabe der Fussball-WM 2018 an Russland überdenken?

Adolf Ogi: Ganz klar, ja. Sport und Politik lassen sich nicht trennen, auch wenn die internationalen Verbände das immer behaupten. Die aktuellen Entwicklungen bringen die Fifa in eine ganz schwierige Situation, nicht nur wegen der Ukraine.

Sondern?

Ogi: Die WM-Vergaben an Russland und an Katar sind mit Unsicherheiten verbunden, die Alternativplanungen erfordern. Zweimal werden Fussballweltmeisterschaften in Staaten stattfinden, die unserem Demokratie- und Rechtsverständnis nicht entsprechen. Katar ist diktatorisch ausgerichtet, und Russland ist ebenfalls weitgehend abhängig von Wladimir Putin. Das führt vielerorts zu Kopfschütteln.

Glauben Sie, dass die Fifa sich entsprechende Gedanken macht?

Ogi: Das erwarte ich. Es gehört zur Aufgabe jedes Präsidenten, in Alternativen zu denken und wenn nötig auch zu handeln. Noch ist es allerdings zu früh für eine Entscheidung. Zuerst muss klar sein, was genau beim Abschuss des malaysischen Flugzeugs passiert ist und wer dahintersteckt. Wer hat die Boden-Luft-Raketen geliefert, wer konnte sie bedienen? Das ist noch unklar.

Und was, wenn sich bewahrheitet, dass Russland involviert war?

Ogi: Unabhängig davon, wer wie involviert war, ist der Abschuss ein beispielloser Angriff auf die Zivilluftfahrt, der 298 Menschen das Leben gekostet hat. Das ist nicht entschuldbar. Ich kann nachvollziehen, dass holländische Fussballspieler sich weigern, an der WM in Russland teilzunehmen. Weitere Forderungen sollten wir jedoch nur auf der Basis von Fakten stellen.

Bereits in drei Jahren soll der Confederations-Cup in Russland stattfinden. Einer der Austragungsorte, Rostow am Don, liegt nur 200 Kilometer vom umkämpften Donezk entfernt. Kann die Sicherheit da überhaupt gewährleistet werden?

Ogi: Eine weitere Unsicherheitssituation kann Putin sich nicht leisten. Er wird daher alles tun, dass die Sicherheit zu 100 Prozent gewährleistet ist. Wichtiger ist jedoch, dass Russland sofort das Spiel mit dem Feuer beendet und gemeinsam mit den Internationalen Organisationen und seinen Nachbarn dafür sorgt, dass wieder Frieden in der Region einkehrt. Nicht nur in der Ukraine, auch in Georgien und Moldawien, das direkt vom Ukraine-Konflikt beeinflusst wird. Denn auch in Moldawien gibt es zwei abtrünnige Bezirke, die ebenfalls Russland beitreten wollen.

Kommen wir zurück zur WM 2018. Diese wurde schon 2012 vergeben. Inwiefern kann man über so eine lange Zeitspanne überhaupt garantieren, dass die Sicherheitslage sich nicht ändert?

Ogi: Das ist ein grosses Problem für die Sportverbände, wie das Beispiel Brasilien zeigt. In zwei Jahren werden dort die Olympischen Sommerspiele stattfinden. Bei der Vergabe 2009 war das Land politisch stabil, wirtschaftlich herrschte grosse Aufbruchstimmung. Nur fünf Jahre später ist davon kaum mehr etwas zu spüren. Die Wirtschaft schwächelt, die Stimmung ist schlecht, es gab soziale Unruhen. Ich bin nicht sicher, ob das brasilianische Volk nach der WM in diesem Jahr nochmals bereit ist, so viel Geld in einen sportlichen Grossanlass zu stecken. Das zeigt, welches Risiko mit langfristigen Vergaben verbunden ist, vor allem, wenn sie so unkoordiniert erfolgen wie zwischen IOC und Fifa im Fall Brasilien. Umso weniger kann ich nachvollziehen, dass die Fifa in einem Anfall von Übermut die WM an Katar bereits zehn Jahre im Voraus vergeben hat.

Die Sportverbände vergeben Grossveranstaltungen gern an dynamische Wachstumsmärkte, die politisch jedoch nicht unseren Werten und Massstäben entsprechen. Finden Sie das richtig?

Ogi: Das entspricht dem Zeitgeist. Ich meine, Fifa und IOC sollten das überdenken. Sehr viele Leute fragen sich unterdessen, ob die zwei grössten Sportverbände noch in der Lage sind, die richtigen Entscheide zu treffen. Spielen Menschenrechte, Bürgerrecht und soziale Rechte eine Rolle? Oder vergibt man die Anlässe an jene, die sagen: Ich mache das, ich zahle das? In demokratischen Ländern ist die Bevölkerung nicht mehr bereit, das zu finanzieren. Wenn weder die Schweiz noch Deutschland, Österreich und Schweden bereit oder willens sind, Olympische Winterspiele auszurichten, müssen die Alarmglocken läuten. Denn gibt man die Anlässe in – deutlich gesagt – die Hände von Diktatoren und Despoten, wird das Interesse am Sport mittelfristig abnehmen.

Was muss dagegen unternommen werden?

Ogi: Die Verbandsspitzen müssen echte Führung beweisen. Auch gegenüber den Mitgliederverbänden, die möglichst immer die neuste und beste Infrastruktur wollen. Diesen Unsinn könnte man schnell abstellen, wenn man wollte.

Zum Beispiel?

Ogi: Zum Beispiel wird das WM-Stadion in Manaus nie wieder gebraucht werden. So wie das Ruderbecken in Athen nie wieder benutzt wurde seit den Spielen im Jahr 2004. Über die Sprungschanzen von Turin spricht man schon gar nicht mehr. Es gibt viele solcher Beispiele, die die Anlässe immer teurer machen.

Was meinen Sie: Werden die Olympischen Winterspiele 2022 in Kasachstan oder China stattfinden? Oder hat auch Norwegen noch eine wahre Chance?

Ogi: Oslo wäre ein Rettungsanker für das IOC, das zeigen könnte, dass Spiele auch in demokratischen Staaten möglich sind. Das könnte den Umschwung markieren in eine bessere Zukunft. Darum hoffe ich sehr, dass die Wintersportnation Norwegen sich durchsetzt. Was ich höre, ist allerdings nicht ermutigend. Offenbar macht sich auch in der norwegischen Bevölkerung Skepsis breit.