Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SPRACHEN: Vom Frühfranzösisch geblendet

Der Bund drängt auf Frühfranzösisch. Dabei übersieht er: In vielen Realschulen wird kaum Französisch gelehrt. Auch garantiert ein früher Beginn keinen umfassenden Sprachunterricht.
Roger Braun
Ab welcher Stufe sollen Schüler in Französisch unterrichtet werden? In dieser Frage herrscht seit Jahren Uneinigkeit. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Ab welcher Stufe sollen Schüler in Französisch unterrichtet werden? In dieser Frage herrscht seit Jahren Uneinigkeit. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Roger Braun

Das Frühfranzösisch ist daran, die Schweiz zu spalten. Seit der Kanton Thurgau entschieden hat, dass er in der Primarschule ab 2018 kein Französisch mehr unterrichten wird, gehen die Wogen hoch. Nachdem es die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) nicht geschafft hat, den Thurgau zu disziplinieren, greift nun der Bund ein. Im Juli hat Innenminister Alain Berset (SP) drei Reformvarianten vorgelegt. Jede der drei zwingt den Thurgau, das Französisch in der Primarschule wieder einzuführen – genauso wie die Kantone Uri und Appenzell-Innerrhoden, die den Französischunterricht auf der Primarstufe gar nie kannten.

Sowohl die EDK wie auch Alain Berset sehen in der Verschiebung des Französisch auf die Oberstufe eine rote Linie überschritten. Ist das gerechtfertigt? Ein Blick auf die Praxis in den Kantonen lässt daran zweifeln.

Uri als Schlusslicht

Unsere Zeitung hat die Stundentafel aller Deutschschweizer Kantone ausgewertet, um die unterschiedliche Bedeutung des Französischunterrichts aufzuzeigen (siehe Tabelle). Was wenig überrascht: Je näher ein Kanton an der Romandie ist, desto mehr Französisch wird gelehrt. Gemessen an der Zahl der Wochenstunden schwingen die zweisprachigen Kantone Bern, Freiburg und Wallis obenaus sowie die Kantone in unmittelbarer Nähe zum französischen Sprachgebiet wie die beiden Basel oder Solothurn. Am unteren Ende der Tabelle stehen Kantone der Zentralschweiz, der Aargau, Innerrhoden und St. Gallen. Ein Spezialfall ist Graubünden, wo ein Schüler seine obligatorische Schulzeit ohne eine einzige Stunde Französisch durchlaufen kann, der Italienischunterricht allerdings einen hohen Stellenwert hat. Der Kanton Uri kann dies nur beschränkt für sich in Anspruch nehmen. Zwar wird bereits in der Primarschule Italienisch als Wahlpflichtfach angeboten, doch obligatorisch ist er nicht, das Fach wird in der Oberstufe gar zum reinen Wahlfach.

Die Realschüler vergessen

Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Nämlich jene des besseren Teils der Oberstufe, der Sekundarschüler. Kaum Erwähnung findet die Realschule für schlechtere Schüler. Hier hat sich in den letzten Jahren Bemerkenswertes getan. Mit dem Aufkommen des Englischen hat sich das Französisch immer mehr zurückgezogen – ohne dass dies in der Öffentlichkeit diskutiert worden wäre. Beispiel Kanton St. Gallen: Für die Realschüler ist nach dem 7. Schuljahr bereits Schluss mit Französisch. Das heisst, Realschüler müssen mit insgesamt acht Wochenlektionen Französisch auskommen. Noch krasser der Kanton Aargau: Hier müssen einem Realschüler insgesamt vier Wochenstunden Französisch ausreichen, um die Sprache Voltaires zu erlernen. In Appenzell Innerrhoden und in Glarus ist Französisch bestenfalls Wahlfach für schwächere Schüler der Oberstufe. In weiteren Kantonen sinkt Französisch in der Realschule zum Wahlpflichtfach ab. In manchen Kantonen können sich die Schüler in begründeten Fällen mit Unterschrift der Eltern auch vom Französischunterricht dispensieren lassen.

Augen zu und durch bei der EDK

Der gesetzliche Auftrag an die Kantone ist klar: Bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit müssen Schüler über Kompetenzen in einer zweiten Landessprache und einer weiteren Fremdsprache verfügen. Gerade in der Realschule scheinen sich die Kantone von diesem Ziel verabschiedet zu haben. Wie sollen die Schüler mit einer Handvoll Wochenlektionen dieses Ziel erreichen? Hat man die Realschüler aufgeben?

Christoph Eymann ist Präsident der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Er sagt: «Das ist ganz sicher nicht die Idee.» Das Ziel gelte für alle. «Genauso wie die Sekundarschüler sollten auch die Realschüler am Ende der obligatorischen Schulzeit die französische Sprache beherrschen, denn für viele Berufe ist die zweite Landessprache sehr wichtig.» Dass es damit viele Kantone nicht so genau nehmen, bedauert er. «Aber wir haben derzeit keine Handhabe dagegen; die Ausgestaltung des Französischunterrichtes in der Realschule war kein Thema bei der Harmonisierung.»

2004 war es den Kantonen gelungen, sich zu einem Sprachenkompromiss durchzuringen. Demnach sollen in der Primarschule zwei Fremdsprachen gelehrt werden, wovon eine eine Landessprache sein muss. Wie viele Stunden unterrichtet werden – und inwiefern die Realschule und die Sekundarschule anders behandelt werden – ist kein Thema in der Übereinkunft.

Prügelknabe Thurgau

Macht es Sinn, sich einseitig auf den Zeitpunkt des Sprachenerwerbs zu fixieren? Wäre es nicht besser, die Zahl der Wochenstunden – unter Berücksichtigung der Realschule – heranzuziehen, um die Qualität des Französischunterrichts zu beurteilen?

Diese Frage hat unmittelbare politische Relevanz. Der Kanton Thurgau zum Beispiel fällt mit seinen 14 Wochenstunden Französisch nicht aus dem Rahmen – umso mehr, als diese auch für Realschüler verbindlich sind. Ist es richtig, den Thurgau zum Prügelknaben zu machen, nur weil er seinen Französischunterricht auf die Oberstufe verschiebt? Die Frage stellt sich umso mehr, als dass es immer grössere Zweifel an der Theorie gibt, dass der Sprachenerwerb möglichst früh erfolgen soll.

Christoph Eymann (Liberale) räumt ein, dass ein differenzierter Ansatz mit Wochenstunden und unter Einbezug der Realschule sinnvoll wäre, doch er sagt auch: «Wir sind derzeit nicht in der Phase, neue Regeln zu definieren.» Eine neue Einigung mit verfeinerten Kriterien hält er für unrealistisch, «es ist schon genug schwierig, den beschlossenen Sprachenkompromiss durchzusetzen».

Die EDK konzentriert sich demnach darauf, dass bereits in der Primarschule eine zweite Landessprache gelernt wird. Dieselbe Stossrichtung verfolgt der Bund. Letzten Monat hat der Bundesrat eine Gesetzesanpassung in die Vernehmlassung gegeben, die genau das vorsieht. Auf den Umstand, dass heute in vielen Realschulen kaum Französisch gelehrt wird und die Zahl der Wochenstunden nur bedingt mit einem frühen Französischunterricht zusammenhängt, mochte der Bund nicht detailliert eingehen. Die Bildungspolitik sei Sache der Kantone, hiess es aus dem Innendepartement.

Nidwalden hat beim Unterricht Kurswechsel vollzogen

fremdsprachen rob. Was heute der Kanton Thurgau ist, war einst der Kanton Nidwalden. Als sich die Nidwaldner Regierung vor zwei Jahren hinter eine Volksinitiative der SVP stellte, welche nur noch eine Fremdsprache auf der Primarstufe wollte, war der Unmut in der Westschweiz gross. Arroganz und eine Gefährdung des nationalen Zusammenhalts warf man dem Kanton vor. Bildungsdirektor Res Schmid (SVP) reagierte ähnlich wie heute die Thurgauer Regierung. Mit der geplanten Verschiebung des Französischunterrichts solle die Sprache nicht geschwächt, sondern gestärkt werden, argumentierte er. Der Unterricht werde lediglich auf die Oberstufe verschoben; Umfang und Qualität blieben gleich.

Nidwalden lehnte Initiative ab

Es kam anders. Nachdem sich das Parlament gegen die Initiative ausgesprochen hatte, lehnte die Nidwaldner Bevölkerung die Volksinitiative am 8. März letzten Jahres mit über 61,72 Prozent ab. Lediglich eine einzige Gemeinde befürwortete das Volksbegehren. Das Aufatmen in der Westschweiz war gross, schliesslich war es das erste Mal, dass sich die Stimmbevölkerung in einem Kanton zur Frage geäussert hatte. Neben Englisch wird im Kanton Nidwalden also auch künftig Französisch bereits auf der Primarstufe unterrichtet. Und nicht nur das: In der Zwischenzeit hat die Nidwaldner Regierung gar beschlossen, den Französischunterricht in der Primarschule von zwei auf drei Wochenlektionen aufzustocken. Diese Stundentafel soll ab Sommer 2017 gelten und entspricht den Empfehlungen des Lehrplans 21.

Ungenügende Resultate

Ein Grund für den Ausbau sind die ungenügenden Französischkenntnisse, die viele Schüler aufweisen. Eine im März veröffentlichte Studie der Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Auftrag der Zentralschweizer Kantone kam zum Schluss, dass nur die wenigsten Achtklässler die Lernziele erreichten: Beim Sprechen war es knapp jeder Fünfundzwanzigste, beim Hören knapp jeder Zehnte, beim Schreiben immerhin knapp jeder Dritte. Aber auch beim Lesen, wo die Schüler am besten abschnitten, erfüllte nur etwas mehr als ein Drittel die Vorgaben.

Für die Nidwaldner Regierung zeigten diese Resultate, dass der heutige Unterricht ungenügend ist. Sie wagte den Sprung nach vorne. Und gesellt sich mit der Aufstockung der Stundenzahl zu Obwalden und Zug, die ebenfalls drei Wochenlektionen auf der Primarstufe kennen.

Im Kanton Luzern soll der Französischunterricht in der Primarschule mit dem neuen Lehrplan ebenfalls auf drei Lektionen ausgedehnt werden. Allerdings sind die Pläne umstritten. Derzeit ist eine Volksinitiative hängig, welche die zweite Fremdsprache aus der Primarschule verbannen möchte. Faktisch richtet sich diese Initiative wie schon jene in Nidwalden gegen das Frühfranzösisch.

Bild: pd

Bild: pd

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.