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Interview

SRF-Direktorin Nathalie Wappler: «Ich will hören, wo es harzt»

Die neue Direktorin von Schweizer Radio und Fernsehen, Nathalie Wappler, muss 100 Millionen Franken sparen und möchte die Regionen stärken. Wie sie das anzustellen gedenkt.
Interview: Odilia Hiller, Christian Mensch
SRF-Direktorin Nathalie Wappler wirkt seit sechs Wochen in Zürich-Leutschenbach. (Bild: Severin Bigler (Zürich, 26. April 2019))

SRF-Direktorin Nathalie Wappler wirkt seit sechs Wochen in Zürich-Leutschenbach. (Bild: Severin Bigler (Zürich, 26. April 2019))

In einem Schneideraum von Schweizer Radio und Fernsehen SRF in Zürich-Leutschenbach posiert die neue Direktorin für den Fotografen. Nathalie Wappler tut es locker und unaufgeregt. Das Interview findet im elften Stockwerk des Fernsehturms statt. Sie hat dort vor sechs Wochen das Büro ihres Vorgängers Ruedi Matter übernommen. Wappler spricht Ostschweizer Dialekt mit einem leichten hochdeutschen Einschlag.

Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF zieht von Bern nach Zürich, Leutschenbach wird stark ausgebaut. Bleiben nun die Regionen auf der Strecke?

Nathalie Wappler: Nein. Wir sind stark in den Regionen verankert. Es ist wichtig, dass in den Regionen guter Journalismus stattfindet. Wir tragen zur Medienvielfalt bei.

Ihnen ist also bewusst, dass Ihr Publikum nicht nur in Zürich sitzt.

Als Thurgauerin aus Kreuzlingen bin ich mir dessen sehr bewusst. Die Schweiz besteht auch nicht nur aus den Städten Zürich, Basel, Bern. Die meisten Menschen leben nicht dort.

Wie lässt sich der Kreuzlinger Blick im Fernsehmoloch Leutschenbach bewahren?

Ich erfahre Leutschenbach nicht so, aber meinen Kreuzlinger Blick habe ich mir bewahrt. Die Herkunft prägt. Meine Familie stammt aus Kreuzlingen und ich bin häufig dort. Da erlebe ich, wie die Leute leben, was sie interessiert. Ich lese, wann immer es geht, auch die regionalen Zeitungen. Medialer Föderalismus ist wichtig, deshalb sind auch Lokalradios wichtig. Diese Medien erfüllen auch eine Orientierungsfunktion: Was läuft vor Ort? Was geht im Gemeinderat?

Was haben Sie vor in den Regionen?

Zum einen können wir im Zusammenhang mit einem Teilumzug der Radioinformation von Bern nach Zürich die regionale Berichterstattung stärken – mit mehr Korrespondentinnen und Korrespondenten in unseren Regionalredaktionen. Ein zweiter Aspekt ist: Auf dem Campus Leutschenbach entstehen mit dem neuen Newsroom und mit der neuen Radiohall neue Arbeitsumgebungen. Diese begünstigen die mobile Arbeit von unterwegs, auch direkt aus den Regionen.

So viele Möglichkeiten ein regional differenziertes Programm auszustrahlen, hat SRF heute nicht.

Unsere Regionaljournale sind sehr stark verankert. Online gibt es aber sicher noch Möglichkeiten, die wir stärker nutzen können. Die zeitunabhängige Nutzung wird immer wichtiger. Wenn wir diesbezüglich noch mehr über unsere Nutzer wissen, werden wir sie auch noch besser bedienen können.

In den Köpfen ist aber hängen ­geblieben: SRF zieht sich aus Bern zurück.

Der geplante Teilumzug der Radioinformation ist kein Rückzug aus Bern. Im Gegenteil, Bern bleibt ein zentraler Standort für uns, und er soll neu profiliert werden, als Kompetenzzentrum Inland. Auch das Regionaljournal Bern/Freiburg/Wallis bleibt dort, wie auch das Medienzentrum Bundeshaus. Aber wir sind in der Situation, dass wir 100 Millionen Franken einsparen müssen. Das ist richtig viel Geld. In den Regionen sparen will ich nicht. Wenn ich nun mit dem Teilumzug von Bern Immobilienkosten sparen kann und dafür die Vielfalt der Berichterstattung aus den Regionen aufrechterhalten kann, ist dies für mich ein Entscheidungsgrund für den Umzug.

In Basel wird demnächst ein neues Studio für die konvergente Kulturabteilung in Betrieb genommen. Welche Bedeutung hat der neue Studiobetrieb?

In Basel bündeln wir die Kompetenz in Kultur und Wissenschaft. Dass wir gleichzeitig auch Basel als regionalen Standort stärken, ist uns wichtig.

Wem fühlen Sie sich verpflichtet: Dem politischen Auftrag? Dem Gebührenzahler? Den Mitarbeitern? Der Bilanz? Oder der Quote?

Im Zentrum stehen die Menschen, die unser Angebot nutzen. Wir sind dem Publikum verpflichtet, dass mit der Billag-Abstimmung ein grosses Bekenntnis zu unserem Angebot abgegeben hat. Für uns ist das schön, aber auch eine Verpflichtung: Die Leute lassen sich gerne von uns durch den Tag begleiten.

Was motiviert Sie? Die Arbeit am Programm oder die Führung dieses komplexen Veränderungsprozesses?

Mich motiviert beides. Das Programm steht sehr gut da. Wir haben 32 Prozent Marktanteil beim Fernsehen und erreichen mit den Radiosendern 60 Prozent der Radiohörerinnen und -hörer dieses Landes. Ich sehe keinen Anlass, meinen Mitarbeitern zu sagen, wir hätten konkrete programmliche Baustellen. Aber: In zwei Jahren wird SRF ein ganz anderes, ein neues Unternehmen sein. Mit dem konvergenten Kulturstudio in Basel, dem Newsroom am Leutschenbach, dem Teilumzug von Bern sowie der Integration des Produktionszentrums TPC. Gesamthaft bewegen sich in den nächsten Jahren rund 1000 Leute in neue Arbeitszusammenhänge. Die Führung dieses komplexen Veränderungsprozesses ist sehr spannend.

Mit welchem Führungsverständnis gehen Sie Ihre Aufgabe an?

Ich vertrete einen partizipativen Stil. Je komplexer ein Projekt ist, desto mehr Kriterien müssen berücksichtigt werden. Um die Arbeit gut machen zu können, braucht es zwar eine starke Vision, aber ebenso die Stimmen der Mitarbeitenden. Deshalb habe ich auch meine Arbeit damit angefangen, dass ich alle Standorte besuche, um zuzuhören, welche Ideen die Kollegen haben. Ich wollte hören, was gut läuft und wo es vielleicht harzt .

Sind Sie damit schon durch?

Noch nicht, aber ich bin auch erst seit sechs Wochen im Amt. In Bern und in Basel war ich, jetzt folgen die Regionalstudios.

Bevor Sie nach Deutschland zum MDR gingen, wurden Sie als «Fallbeil» von SRF bezeichnet, das unzimperlich auch unpopuläre Entscheide treffe. Hat sich Ihr Führungsstil in der Zwischenzeit gewandelt?

Bei einem Mann würde man sagen, er sei entscheidungsstark und durchsetzungsfähig. Frauen werden in solchen Fällen als kalt beschrieben, was zeigt, dass Frauen in Führungspositionen noch nicht überall selbstverständlich sind.

Miriam Meckel, Herausgeberin der «Wirtschaftswoche», die Sie gut kennen, setzt sich für eine Frauenquote in den Medien ein. Wie stehen Sie dazu?

Wichtig ist, dass Frauen in Führungspositionen stark vertreten sind. Bei uns in der Geschäftsleitung sind immerhin drei von neun Positionen, also ein Drittel, mit Frauen besetzt. Was es braucht, ist das Verständnis aller Beteiligten, dass Frauenförderung sehr früh einsetzen muss. Es hilft nicht zu sagen, es gebe zu wenig Frauen in Führungspositionen, wenn wir sie nicht zuvor aufgebaut haben.

Und Sie machen dies?

Wir haben die Initiative «Idée femme» gestartet und planen eine entsprechende Veranstaltung. Innerhalb der SRG gründeten wir ein Netzwerk, starteten eine Umfrage und bildeten Fokusgruppen, um herauszufinden, wie unsere Unternehmenskultur diesbezüglich wahrgenommen wird. Es geht dabei nicht allein um Frauenförderung. Diversität auf Redaktionen ist ein ganz wichtiges Thema. Teams sind einfach besser, wenn sie gemischt sind. Da geht es auch um Migrationshintergrund, um Bildungshintergrund. Wir haben den Auftrag, die Gesellschaft abzubilden.

Haben Sie Ihr Team schon zusammengestellt?

Ich bin in einer neuen Rolle zurückgekommen und nehme mir die Zeit, die Zusammensetzung anzuschauen.

Mit welcher Zeitperspektive?

Entscheidungen müssen gut durchdacht sein. Und diese Zeit nehme ich mir.

Sie sagten, im Programm gebe es keine Baustellen. «Glanz & Gloria» wird aber gründlich umgebaut.

«G&G» hat sich schon seit längerer Zeit stark verändert, weg vom Cüpli-, hin zu einem Gesellschaftsmagazin. Die Entscheidung des Umbaus ist noch vor meinem Amtsantritt gefallen. Ich bin ein grosser Fan dieser Sendung. Sie hat eine wichtige Funktion, indem sie zeigt, was wo los ist, auch in den Regionen. Mit der verlängerten Sendezeit ist auch mehr Raum dafür da.

Die «Arena» als weiteres Stichwort: Ist die Wahl von Sandro Brotz als Moderator auch Programm?

Die «Arena» ist immer stark vom Moderator geprägt und deshalb bin ich gespannt, was Sandro Brotz daraus machen wird. Er ist eine sehr gute Besetzung, und die Sendung wird sich mit ihm verändern.

«Arena» oder «Literaturclub» werden zu späten Sendezeiten ausgestrahlt. Ist die Primetime für die Unterhaltung reserviert?

Ich muss hier eine Lanze für die Unterhaltung brechen. Die Kolleginnen und Kollegen machen einen sehr guten Job. Um auf die Frage zurückzukommen: Viele unserer Sendungen werden immer stärker zeitversetzt genutzt, was heisst, dass es nicht mehr so wichtig ist, wann sie im Programm stehen. Die Frage ist, ob wir die Sendungen online gut genug anbieten, damit sie dort gefunden werden.

Viele schauen mehr Netflix als Fernsehen. Wie wollen Sie dem US-Streaming-Giganten begegnen?

Gegen die Grossen im Geschäft können wir nicht in einen Kampf treten. Dennoch: Wir wollen auf den relevanten Plattformen präsent sein, aber auch eigene Plattformen stark machen. Diese müssen etwa im «Feeling» konkurrenzfähig sein und mit Netflix mithalten ­können.

Gehören auch die sozialen Medien zu den relevanten Plattformen?

Ja, wir müssen auch für diese Plattformen produzieren. Was heisst Service public auf Instagram? Solchen Fragen müssen wir uns stellen. Allerdings können wir die Algorithmen von Youtube, Facebook und Instagram nicht beeinflussen. Wir brauchen deshalb auch eigene Plattformen und sind daran, einen neuen SRG-Player zu entwickeln, der das gesamte Angebot aus allen Sprachregionen bündeln wird.

Sie arbeiten seit zehn Jahren an der Konvergenz. Ihr Zwischenfazit?

Konvergenz wird umso komplexer, je länger wir uns mit ihr beschäftigen. Gleichzeitig kristallisieren sich die Eigenheiten der einzelnen Medien noch klarer heraus. Ein Medium löst nicht ein anderes ab, die Leute lassen sich immer noch vom Radio durch den Tag begleiten.

Wie lange gibt es noch das lineare TV- und Radioprogramm?

Es wird wichtig bleiben. Gerade jetzt erlebt Audio einen neuen Schub. Es gibt parallel Radios mit Live-Moderation und Streamingdienste wie Spotify. Hintergrundformate werden schon heute vor allem zeitversetzt genutzt. Das führt beispielsweise auch zu einem Revival des Hörspiels, das im linearen Programm wenig genutzt wird und nun über Audiotheken neu belebt wird.

Als in Paris die Kathedrale Notre-Dame gebrannt hat, hat SRF sein Programm nicht unterbrochen, sondern auf sein Online-Angebot verwiesen. Ein Fehlentscheid?

Nein. Wir haben ja nicht nichts gemacht in unserem Programm. In der Hauptausgabe der «Tagesschau» haben wir erste Bilder gezeigt und auf unseren Livestream im Netz hingewiesen. Bei «10 vor 10» war es dann der Schwerpunkt, und am Spätabend gab es eine «Tagesschau Spezial» anstelle des üblichen, unmoderierten News-Flashs. Aber natürlich muss man solche Spezialfälle immer wieder auch kritisch diskutieren: Waren wir zu spät? Oder aber: Haben wir die Kamera zu früh draufgehalten?

Wie falsch muss ein Programm­entscheid sein, bis Sie als Direktorin intervenieren?

Sie meinen, was es braucht, bis ich reintelefoniere? (lacht)

Ja.

Auch hier kommt mein partizipatives Führungsverständnis zum Tragen. Wir haben sehr gute Leute. Redaktionsleiterinnen, Nachrichtenchefs, Abteilungsleitende. Das heisst, dass sie die Verantwortung tragen für das Programm. Das ist richtig so. Ich stehe zu 200 Prozent hinter meinen Leuten – oder auch mal vor ihnen. Wichtig ist, dass wir diese Dinge diskutieren und uns austauschen. Aber ebenso wichtig ist, dass Verantwortung wahrnimmt, wer in einer leitenden Position ist.

Sie haben mit einer Aussage in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» nach Ihrer Wahl helle Aufregung ausgelöst, als Sie sagten, SRF solle keinen Meinungsjournalismus betreiben. Konnten Sie diese Wogen wieder glätten?

Ich stehe für einen offenen, nachvollziehbaren, transparenten Journalismus. Ich wollte mich dafür stark machen, dass diese Neugier und Offenheit erhalten bleibt in unserem journalistischen Selbstverständnis. Damit das klar ist: Damit übte ich keine Kritik an meinen Kolleginnen und Kollegen.

Man hat Sie also falsch verstanden?

Vielleicht hätte ich es anders erklären müssen. Mir geht es um das journalistische Grundverständnis. Dass man offen in eine Recherche geht, sodass eine Ausgangsthese auch mal umgestossen werden kann. Im Prinzip geht es um Offenheit und Sensibilität dafür, was man vorfindet. Nur darum. Um die Haltung, die hinter unserer Arbeit steht.

Ist es nicht auch manchmal gut, falsch verstanden zu werden, um eine Debatte auszulösen?

Ich lege es nicht aufs Provozieren an. Wir müssen vor allen unsere Orientierungsaufgabe in einer komplexer werdenden Welt wahrnehmen. Es wird auch für die Menschen komplexer. Wir dürfen nicht sagen: Es ist alles kein Problem. Unser Ansatz muss es sein, die Menschen zu unterstützen, die komplexe Welt besser zu verstehen. Simplifizierung hilft da nicht. Dann haben die Leute schnell das Gefühl: Ja, aber so stimmt das ja auch nicht.

Sie wirken sehr ruhig. Verlieren Sie auch mal die Nerven?

Natürlich bin ich nicht immer gleich ruhig. Das würde mir sowieso keiner glauben. Ich glaube, es ist wichtig, Situationen schnell zu analysieren und Lösungen zu finden. Mich interessieren in heiklen Momenten vor allem Lösungen.

Sie reden sehr leise. Tun Sie das bewusst?

Über meine Lautstärke habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Aber es stimmt wohl, ich rede eher leise. Aber dafür versuche ich, immer präzise zu sein. Also liegt mein Fokus eher auf Präzision als auf der Lautstärke.

Fernsehfrau durch und durch

Die 51-jährige Nathalie Wappler ist in Kreuzlingen TG aufgewachsen und studierte in Konstanz. Ihre Karriere startete sie als Redaktorin bei «Kulturzeit» (3 SAT). Weitere Stationen waren die Talkshow «Joachim Gauck» (ARD), «Aspekte» und «Maybrit Illner» (beide ZDF). Beim Schweizer Fernsehen war sie Kulturchefin und Mitglied der Geschäftsleitung, bevor sie im Jahr 2016 als Programmdirektorin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) nach Halle wechselte. Im November 2018 wurde sie vom SRG-Verwaltungsrat einstimmig zur SRF-Direktorin gewählt. Wappler ist verheiratet mit Medienwissenschafter Wolfgang Hagen. (oh)

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