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SRK: Aufruf zur Freiwilligenarbeit

Die Gewalttaten der letzten Wochen beschäftigen Annemarie Huber-Hotz stark. Die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes spricht am 1. August in Brunnen.
Jürg Auf der Maur
SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz. (Bild: Archiv Corinne Glanzmann / Neue LZ)

SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz. (Bild: Archiv Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Jürg auf der Maur

Die Schweiz feiert einen speziellen 1. August. Es scheint, rund um uns herum herrscht Gewalt. Was bedeutet Ihnen als Präsidentin des Roten Kreuzes dieser Tag?

Annemarie Huber-Hotz*: Der Nationalfeiertag gibt uns die Gelegenheit, über die Geschichte unseres Landes mit den Erfolgen und Misserfolgen sowie unsere grundlegenden Werte nachzudenken. Zu dieser Geschichte gehört auch das Rote Kreuz, ein Grundpfeiler der humanitären Schweiz. Das Schweizerische Rote Kreuz darf auf ein 150-jähriges humanitäres Engagement in der Schweiz und im Ausland zurückblicken. Darauf bin ich sehr stolz!

Kennen Sie den neuen Text der Nationalhymne? Werden Sie ihn singen?

Huber-Hotz: Ja, ich kenne ihn. Als ehemalige Präsidentin der SGG habe ich das Projekt «Neue Landeshymne» mit Interesse mitverfolgt. Und ich werde versuchen mitzusingen!

Was für Lehren kann die Schweiz heute aus ihrer Geschichte ziehen?

Huber-Hotz: Dass unsere Grundlagen und Werte erfolgreich waren und zum Wohlstand beitrugen. Wichtig ist vor allem der Einbezug aller staatlichen Ebenen in den politischen Entscheidungsprozess, die Neutralität, der Gemeinsinn, die Solidarität mit der Welt und die Offenheit für Inputs von aussen.

Muss sich die Schweiz ändern?

Huber-Hotz: Auch die Schweiz muss sich laufend den neuen Herausforderungen stellen, die sich aus den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im In- und Ausland ergeben. Es scheint mir aber wichtig, dass die Schweiz ihren Grundwerten und ihrer Identität treu bleibt und alles unternimmt, dass diese Werte auch unter veränderten Bedingungen respektiert und eingehalten werden.

Das heisst konkret?

Huber-Hotz: Die Schweiz sollte nicht nur in Bezug auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung weltweit an der Spitze sein, sondern auch in Bezug auf Menschlichkeit, Solidarität und Einsatz für die Würde jedes Menschen.

Viele Leute leiden unter dem Terror und den Schreckensmeldungen. Wie gehen Sie damit um?

Huber-Hotz: Diese Schreckensmeldungen beschäftigen mich intensiv. Irgendetwas ist in unseren Gesellschaften und in der Welt schiefgelaufen. Ursachen dafür sehe ich einerseits in einem mangelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt, der zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich – den Globalisierungsgewinnern und -verlierern – sowie der zunehmenden Vereinsamung und Ausgrenzung von Mitmenschen aufgrund von Alter, Behinderung, psychischen Belastungen und kulturellem Hintergrund. Auf der anderen Seite verführen die sozialen Medien mit ihren vielfältigen Inhalten zu Gewalt, Kriegsspielen und dubiose Netzwerke zum Nachahmen.

Haben Sie Verständnis, dass das vielen aufs Gemüt schlägt?

Huber-Hotz: Ja; auch ich bin sehr betroffen und empfinde eine gewisse Hilflosigkeit angesichts der Brutalität, mit der Leben von Unschuldigen ausgelöscht werden.

Was können wir tun?

Huber-Hotz: Wir sollten mehr in den gesellschaftlichen Zusammenhalt investieren und versuchen, alle Mitmenschen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Das würde aber auch heissen, weniger egoistisch zu sein. Und es würde heissen, freiwillig mehr zu tun, als man gesetzlich verpflichtet ist.

Hat die Willkommenskultur versagt?

Huber-Hotz: Die Migrationspolitik der Schweiz ist ein Gemeinschaftswerk von Bund und Kantonen. Der Einbezug der Kantone – und auch der humanitären Organisationen – ist für Frau Bundesrätin Sommaruga ein grosses Anliegen. Dieses föderalistische Vorgehen ist sicher mit ein Grund dafür, dass die Schweiz bis jetzt die Flüchtlingsfrage gut gemeistert hat und auch von einer grossen Zuwanderung verschont geblieben ist.

Der Ausländeranteil beträgt über 20 Prozent.

Huber-Hotz: Ja, aber nur etwa 2 bis 3 Prozent der ausländischen Bevölkerung der Schweiz zählen zur Migrationsbevölkerung. Der bei Weitem grösste Teil sind ausländische Arbeitskräfte, die unsere Wirtschaft und unser Gesundheitswesen brauchen.

Ist Integration aber überhaupt machbar? Islamisch-gläubige Schüler verweigern den Handschlag mit der Lehrerin, Mädchen gehen nicht ins Lager oder in den Turnunterricht.

Huber-Hotz: Integration setzt die Bereitschaft voraus, sich unserer Kultur und unserem Leben anzupassen. Das tun auch die allermeisten Zugewanderten, auch diejenigen islamischer Herkunft. Leider werden die wenigen Fälle, wie diejenigen, die Sie erwähnen, in den Medien hochgespielt, und es wird damit Stimmung gegen alle Migranten gemacht. Wir müssen aber Anpassung an unsere Lebensart ohne Wenn und Aber einfordern.

Das heisst, wir müssen auch härter ausschaffen, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält?

Huber-Hotz: Die Frage der Ausweisung stellt sich, vor allem bei strafbaren Handlungen. Aber dabei müssen die rechtlichen Vorgaben wie die Flüchtlingskonventionen und das humanitäre Völkerrecht berücksichtigt werden. Die Schweiz muss sich zudem dafür einsetzen, mit möglichst vielen Staaten Rückübernahmeabkommen abzuschliessen.

* Die in Baar geborene Annemarie Huber-Hotz (67) ist seit 2011 Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes mit Sitz in Bern. Am 1. August hält sie im Dorfzentrum von Brunnen die Festrede (19.45 Uhr).

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