Party im Zürcher Nachtlokal Flamingo.

Party im Zürcher Nachtlokal Flamingo.

Facebook / Flamingo Zürich

«Staat entzieht sich seiner Pflicht» – Clubbetreiber fühlen sich im Stich gelassen und wollen nicht den Sündenbock spielen

Wegen eines Coronafalls im Zürcher Club Flamingo wird die Kritik an der Nachtleben-Branche lauter. Max Reichen von der Berner Bar- und Clubkommission sagt im Interview, weshalb.

Christoph Bernet
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Herr Reichen, nach dem «Superspreader-Event» im Zürcher Partylokal Flamingo steht das Nachtleben in der Kritik. Handeln Clubs und Bars unverantwortlich?

Nein. Leider musste mit einem solchen Fall gerechnet werden. Es war klar, dass die Frage nicht ist, ob es in einem Nachtclub zu einem Fall kommt, sondern wann. Der Bundesrat hat mit dem Ende der meisten Einschränkungen eine neue Strategie eingeschlagen. Es geht nicht mehr darum, das Risiko von Ansteckungen um jeden Preis zu vermeiden, sondern allfällige Ansteckungsketten nachverfolgen und unterbrechen zu können. Die überwältigende Mehrheit der Bar- und Clubbetreiber tun alles dafür, um dieses Ziel zu ermöglichen und setzen die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) genehmigten Schutzkonzepte durch.

Im Flamingo registrierten sich Gäste mit offensichtlich ungültigen E-Mail-Adressen. Das klingt nicht nach konsequentem Schutzkonzept.

Was genau in diesem Fall ablief, weiss ich nicht im Detail. Klar ist: Bar- und Clubbetreiber haben eine Sorgfaltspflicht ihren Gästen gegenüber und müssen die Schutzkonzepte zwingend einhalten – auch wenn sie vielleicht mühsam umzusetzen und den Gästen nur schwer vermittelbar sind. Beim zweiten Punkt haben uns die Behörden das Leben zusätzlich erschwert.

Inwiefern?

Mit teilweise sehr inkonsequenter Kommunikation durch den Bundesrat und das BAG. Vor der Wiedereröffnung der Restaurants am 11. Mai hiess es zunächst, das Hinterlegen von Kontaktdaten sei verpflichtend. Dann war es wegen Datenschutzbedenken doch nur freiwillig. Das erhöht die Akzeptanz der Kontaktdatenpflicht bei den Clubbesuchern noch nicht. Oder die Tatsache, dass sie in rappelvollen öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen kaum jemand eine Maske trägt, in den Ausgang fahren, dort aber plötzlich Distanz zu anderen Besuchern einhalten sollen.

Max Reichen von der Berner Bar- und Clubkommission.

Max Reichen von der Berner Bar- und Clubkommission.

zvg

Zur Person

 Max Reichen (30) ist Geschäftsführer der Berner Bar- und Clubkommission (BuCK) und Vorstandsmitglied der Schweizer Bar- und Clubkommission (SBCK)

Wie kann die Branche sicherstellen, dass die Schutzkonzepte eingehalten werden?

Die überwältigende Mehrheit der Bar- und Clubbetreiber ist sich bewusst, dass wir nur das Vertrauen unserer Gäste gewinnen, wenn wir uns an die Regeln halten – auch wenn diese vielleicht mühsam sind. Wer das nicht tut, der schadet der gesamten Branche. Aber meiner Meinung nach reicht der Appell der Behörden an die Eigenverantwortung nicht: Es braucht auch Kontrollen durch die Gewerbepolizei, um die Regeln wirklich durchzusetzen.

Das Coronavirus scheint sich in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen besonders stark zu verbreiten. Ist da ein Clubbetrieb überhaupt verantwortbar?

Wir sind keine Virologen oder Epidemiologen. Die Risikoabwägung müssen die Behörden treffen. Wir haben unsere Pflichten wahrgenommen und ein Musterschutzkonzept erarbeitet. Die Kommunikation in den Kantonen funktioniert auch gut. Leider war ein Dialog auf Bundesebene nicht möglich. Obwohl wir aktiv den Austausch gesucht hatten, um gemeinsam mit Bundesrat Berset über die Herausforderungen für das Nachtleben zu sprechen, hatte man in Bern keine Zeit für ein Treffen.

Sie fühlen sich im Stich gelassen?

Per Ende Mai ist die Kurzarbeitsentschädigung für inhaberähnliche Angestellte ausgelaufen. In unserer Branche sind enorm viele Betriebe so aufgestellt, dass die Mitbesitzer selber im Betrieb arbeiten. Wenn sie überleben wollen, müssen sie schlicht und einfach wieder auftun, sonst haben sie keinerlei Einkommen. Der Staat zwingt uns also, den Betrieb wieder aufzunehmen. Gleichzeitig hat er eine Pflicht, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Doch dieser Pflicht entzieht er sich.

«Junge lassen sich das Feiern nicht verbieten»: Partygänger in Zürich (Archivbild 2008)

«Junge lassen sich das Feiern nicht verbieten»: Partygänger in Zürich (Archivbild 2008)

Keystone / Martin Ruetschi

Befürchten Sie, dass die Politik Bars und Nachtclubs wieder schliessen lässt?

Wir sind es uns gewohnt, als Sündenbock für allerlei Probleme verantwortlich gemacht zu werden. Doch es ist ganz simpel: Wenn wir wieder schliessen müssen, dann spriessen illegale Partys im Wald. Wenn dort eine positiv getestete Person teilnimmt, gibt es dann kein Schutzkonzept und keine Kontaktdaten. Ich kann nur hoffen, dass die «normative Kraft des Faktischen» die Politik vor einer solchen Fehlentscheidung bewahrt.

Was wäre eigentlich so schlimm daran, auf Partys zu verzichten, bis ein Impfstoff gefunden worden ist?

Das ist nicht durchsetzbar. Die jungen Leute lassen sich das Feiern nicht verbieten – oder sie wären nur dann bereit darauf zu verzichten, wenn sie die Notwendigkeit sehen. Doch Bundesrat und BAG haben in den letzten Wochen so getan, als sei das Coronavirus weitgehend besiegt. Jetzt wäre es sehr unglaubwürdig, plötzlich ein Partyverbot einzuführen. Vor allem wenn man nicht zuerst andere Massnahmen wie Maskenpflicht oder Quarantäne nach der Einreise aus Hochrisikogebieten einführt.