Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

STAATSBESUCH: Evo Morales – Aus dem Schreckgespenst wird ein Staatsmann

Boliviens Präsident Evo Morales besucht heute die Schweiz. Der ehemalige Kokabauer und Sozialist ist eine schillernde Gestalt.
Sandra Weiss, Puebla
Der Präsident Boliviens, Evo Morales, kommt nächsten Monat in die Schweiz, um für sein Jahrhundert-Eisenbahnprojekt zu weibeln. (Bild: Juan Karita)

Der Präsident Boliviens, Evo Morales, kommt nächsten Monat in die Schweiz, um für sein Jahrhundert-Eisenbahnprojekt zu weibeln. (Bild: Juan Karita)

Ausser den Bergen dürfte Evo Morales bei seinem Staats­besuch heute in der Schweiz einiges seltsam vorkommen – und umgekehrt. Seine Koka­blätter kauenden Auftritte vor der UNO sorgten ebenso für Befremdung wie seine Sprüche über hormongepäppelte ­Hähnchen, die schuld seien an der Verweiblichung der Männer. Dreimal wurde er unangefochten gewählt, schon jetzt ist er der am längsten amtierende Staatschef Boliviens. Seine Kritiker belächeln ihn nun nicht mehr, sondern fürchten ihn als möglichen neuen Diktator. Unlängst setzte er sich über die Verfassung und ein verlorenes Plebiszit hinweg und erklärte, 2019 noch einmal an­treten zu wollen. Das von ihm kontrollierte Verfassungsgericht erklärte willfährig das Ansinnen für rechtens, denn ein Wieder­wahlverbot verletze die Menschenrechte der Politiker.

Seine Mischung aus Volkstümlichkeit, Charisma und Autoritarismus steht ganz in der Tradition der lateinamerikanischen Caudillos. Neben ihm konnte kein Konkurrent oder Nachfolger gross werden; seine Minister erreichen lange nicht seine Beliebtheit. Im Gegensatz zu den krisen­geschüttelten sozialistischen Nachbarländern wie Venezuela hat seine Regierung das Land positiv verändert, politische Stabilität, ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von fünf Prozent und mehr Gleichberechtigung für die indigene Bevölkerung gebracht. Die Jahre sind aber auch an dem 58-Jährigen nicht spurlos vor­über­gegangen. Er ist behäbiger und selbstgefälliger geworden. Klopfte er im Wahlkampf 2005 noch klassenkämpferische Sprüche hemdsärmelig oder im Strickpulli, gibt er nun Interviews als Staatsmann im edlen Ethno-Sakko.

Das Geheimnis seines Erfolgs? «Er verkörpert wie kein anderer die Mischlings-Kultur Boliviens», sagt Expräsident und Universitäts­professor Carlos Mesa. Kritiker wie der Journalist Fernando Molina sehen in ihm einen Caudillo, der zwar am Puls der Bevölkerung sei, aber auch seine Launen zur Politik erhebe. Molina zitiert als Beispiele für die «bonapartistische Tendenz» die miserablen Beziehungen zu den USA, Morales gescheiterte Kandidatur für den Friedensnobelpreis oder das in seinem Heimatort geplante, millionenteure Indigena-Museum.

Geboren am 26. Oktober 1959 in einem bitterarmen Dorf der südlichen Provinz Oruro in einer Aymara-Bauernfamilie, musste Morales die weiter­führende Schule abbrechen und stattdessen Lamas hüten. 1982 kostete ihm eine Hungersnot im Hochland fast das Leben. Von seinen sechs Geschwistern überlebten nur zwei.

Er floh in den Chapare, wo er auf die Kokabauern traf und Bekanntschaft mit den kämpferischen Gewerkschaften machte. Die Elite des Landes fürchtete ihn als Strassenblockierer, Nutzniesser des Drogenhandels und marxistischen Aufrührer. Unzählige Male sass er im Gefängnis. Gefoltert habe man ihn, sagt Morales, der in seiner Freizeit gerne Fussball spielt.

Doch das hat dem Bewunderer des kubanisch-argentinischen Revolutionshelden Ernesto «Che» Guevara seine sozialis­tischen Ideen nicht ausgetrieben und seine Popularität nur erhöht. Vor allem bei den Ureinwohnern. 1992 wurde er Vorsitzender der Kokabauern-Gewerkschaft, 1997 mit 70 ­Prozent der Stimmen seines Wahlbezirkes zum Kongress­abgeordneten gewählt. Seine linke Partei, Bewegung zum Sozialismus (MAS), hatte zuvor schon lokale Erfolge eingefahren. 2005 schaffte der zweifache ledige Vater den Coup: Er siegte bereits in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl. Von da an setzte Morales seine Ideen in die Tat um.

Sandra Weiss, Puebla

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.