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STAATSBESUCH: Goldgräberstimmung im Tango-Land

Bundespräsidentin Leuthard öffnet mit ihrem Besuch in Argentinien und Peru die Türen für eine engere Zusammenarbeit. Das freut die Wirtschaft: Sie hofft auf gute Geschäfte in den beiden Ländern. Ein Trumpf im Ärmel sind die Auslandschweizer.
Maja Briner
Doris Leuthard mit Argentiniens Aussenministerin Susana Malcorra.

Doris Leuthard mit Argentiniens Aussenministerin Susana Malcorra.

Maja Briner

Über 10000 Kilometer von der Schweiz entfernt singen zwei Frauen in selbst genähten Trachten «Es Burebüebli» und «Im Aargau sind zwöi Liebi». Rund 500 Auslandschweizer, Politiker und Wirtschaftsleute tummeln sich an diesem lauen Abend im Garten der Residenz der Schweizer Botschaft in Perus Hauptstadt Lima. Eine Frau ist besonders gefragt: Bundespräsidentin Doris Leuthard. Sie schüttelt Dutzenden Auslandschweizern die Hände, diskutiert mit ihnen, lässt sich mit ihnen fotografieren.

Knapp fünf Tage verbrachte Leuthard vergangene Woche in Argentinien und Peru, mit im Gepäck handfeste wirtschaftliche und politische Interessen. Das Programm ist vollgepackt von morgens bis spätabends: offizielle Empfänge, Gespräche mit Politikern und Geschäftsleuten, Ansprachen und Reden. Bevor es in Buenos Aires mit dem offiziellen Teil losgeht, reicht es aber noch für einen kurzen Ausflug in eine touristische Ecke des Quartiers La Boca. Bunte Häuser, kleine Kaffees, sonniges Wetter – die Stadt zeigt sich hier von ihrer schönsten Seite. Nur einige hundert Meter entfernt sieht sie indes ganz anders aus. Die Häuschen sind heruntergekommen, verrostete Autos zerfallen am Strassenrand, Hunde streunen umher. Jeder dritte Argentinier lebt in Armut, in Peru ist es knapp jeder vierte.

«Der lebt jetzt unter der Armutsgrenze»

Leuthards Botschaft in Argentinien wie auch in Peru ist klar: «Zusammen können wir für das Wohl der Menschen arbeiten», sagt sie. Sie plädiert für Kooperation und Öffnung statt Abschottung. Der Moment dafür ist gut: In Peru ist seit vergangenem Sommer der Wirtschaftsliberale Pedro Pablo Kuczynski an der Macht; in Argentinien versucht Präsident Mauricio Macri das Land nach zwölf Jahren linkspopulistischer Kirchner-Regierung umzukrempeln. Mit wirtschaftlicher Öffnung will Macri, ein reicher Unternehmer, das Wachstum ankurbeln. Leuthard lobt seine Reformen ausdrücklich.

Doch diese stossen auch auf Widerstand. Eine Schweizerin, die seit längerem in Argentinien lebt, sagt, für manche Menschen seien die Reformen schlimm: «Wer bisher knapp durchkam, lebt jetzt unter der Armutsgrenze.» Der argentinische Politologe Julio Burdman sieht Macri in der Zwickmühle: «Für die einen macht er zu wenig, für die anderen zu viel.» Es sei wichtig für Macri zu zeigen, dass er ausländische Investoren suche.

Wein, Fleisch und viel Gold

Argentinien wie Peru haben natürliche Ressourcen. Die einen sieht man im üppig verzierten Präsidentenpalast in Lima: Peru ist reich an Gold und anderen ­Bodenschätzen. Die Hälfte des Goldes, das das Land exportiert, wird von der Schweiz eingeführt. In Argentinien zeigen sich die Ressourcen auf dem Teller und in den Weingläsern – im riesigen Land ist die Landwirtschaft der grosse Trumpf. Bei Bereichen wie der Infrastruktur hingegen hapert es in beiden Ländern. Bei der Schweizer Wirtschaft weckt diese Ausgangslage Interesse. Leuthard wird auf ihrem Besuch von einer über zwanzigköpfigen Wirtschaftsdelegation begleitet – mit dabei sind Vertreter von Firmen wie ABB, Holcim und Novartis. Die Bundespräsidentin öffnet den Unternehmern Türen, die sonst verschlossen blieben. Solche Reisen sind laut Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer sehr wichtig: «Man kann noch so viel über ein Land lesen, wenn man es vor Ort sieht und mit den Menschen darüber spricht, ist es etwas ganz anderes.»

Stadler Rail will sich Milliardenauftrag angeln

Insbesondere von Argentiniens Regierung zeigen sich die Schweizer Wirtschaftsvertreter angetan. «Die Gespräche mit den argentinischen Ministern waren unglaublich offen und gut», sagt beispielsweise Peter Jenelten, Mitglied der Geschäftsleitung von Stadler Rail. Der Thurgauer Schienenfahrzeughersteller will sich seinen ersten Auftrag in Argentinien angeln: Stadler werde sich demnächst um einen grossen Auftrag für Züge für die S-Bahn in Buenos Aires bewerben, sagt Jenelten. Es gehe um zwei Milliarden Franken.

Auch andere Firmen sehen neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Firma Geistlich Pharma mit Sitz im luzernischen Wolhusen will in Argentinien weiter investieren, eventuell auch noch stärker die lokale Vertretung unterstützen, wie Chef Paul Note sagt. Die Firma verkauft in Argentinien über einen Partner Knochenersatz- und Regenerationsmaterialien. «Das Potenzial ist gross», sagt Note.

Doch gross sind auch die Unsicherheiten. Heinz Karrer sagt: «Wenn Macri abgewählt wird und es so weiter geht wie vorher, wird das Land wieder um Jahre zurückgeworfen.» Ein erster Stimmungstest steht Macri im Oktober bevor, wenn ein Teil des Parlaments neu gewählt wird. Zwar hat Macri bereits heute keine Mehrheit im Parlament – ein schlechtes Resultat könnte den Druck auf ihn aber erhöhen.

Korruption weit verbreitet

Auch dem peruanischen Präsidenten Kuczynski fehlt die Hausmacht im Parlament. Eine weitere Gemeinsamkeit, welche die beiden Länder teilen, ist der schlechte Platz auf dem Korruptionsindex von Transparency International: Sie gelten als korrupter als Länder wie China oder Indien.

Trotz der Korruption ist es der richtige Zeitpunkt für Leuthards Besuch, dem ersten eines Bundespräsidenten in den beiden Ländern, findet Bénédict de Cerjat. Der Leiter der Abteilung Amerikas beim Schweizer Aussendepartement sagt: «Es ist ein guter Moment, um die Beziehungen zu Argentinien und Peru zu verankern – bevor die Länder zu erfolgreich sind.» Dank der sehr gut integrierten Auslandschweizer habe die Schweiz gute Karten.

Präsident mit Schweizer Wurzeln

Ungefähr 16 000 Schweizer leben in Argentinien, 3000 in Peru. Selbst Perus Präsident Kuczynski hat Schweizer Wurzeln: Seine Mutter, eine Tante des Filmregisseurs Jean-Luc Godard, wanderte vor dem Zweiten Weltkrieg aus Genf nach Peru aus. Die Schweizer Gemeinschaft in den beiden Ländern ist gut organisiert, man trifft sich regelmässig, wie Daniel Hartmeier erzählt. Der Krienser wollte Argentinien eigentlich nur bereisen – und blieb vor zwölf Jahren der Liebe wegen hängen. Andere fühlen sich mit der Schweiz verbunden, obwohl sie nie dort gelebt haben. Zu ihnen zählt Johanna Boner de Dalfiume, die in Lima zusammen mit ihrer Kollegin «Es Burebüebli» sang. Auch eine ältere Frau mit Walliser Vorfahren erzählt, sie habe nie in der Schweiz gelebt – und fühle sich doch auch als Schweizerin. Sie wolle den roten Pass beantragen, «das ist einfach eine Herzenssache».

Auch Schweizer Schulen gibt es noch, so etwa das «Colegio Pestalozzi» in Lima, dem Leuthard einen Besuch abstattet. Sie ist hier die Präsidentin zum Anfassen: Sie spricht mit den bastelnden Kindern, den Lehrern – und entlockt auch den Schüchternen ein Lächeln. Gerührt zeigt sie sich selber, als sie zum Abschluss ihrer Reise das Hilfswerk der Westschweizerin Christiane Ramseyer besichtigt, in dem Kinder betreut und medizinisch versorgt werden. Zu Ehren von Leuthard führen die Kleinen zwei traditionelle peruanische Tänze auf -zur Freude der Bundespräsidentin: «Nach den vielen offiziellen Gesprächen ist das sehr schön.»

Kinder führen in einem Hilfswerk in Lima für Leuthard einen peruanischen Tanz auf. (Bild: Remo Nägeli)

Kinder führen in einem Hilfswerk in Lima für Leuthard einen peruanischen Tanz auf. (Bild: Remo Nägeli)

Leuthard diskutiert an einer Schweizer Schule in Peru mit Schülern und Lehrern. (Bild: Remo Nägeeli)

Leuthard diskutiert an einer Schweizer Schule in Peru mit Schülern und Lehrern. (Bild: Remo Nägeeli)

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