STÄNDERAT: Wolf: Bergvertreter erleiden Niederlage

Für Älpler sei die Situation unzumutbar: Vor allem Ständeräte aus Berg- kantonen wollten deshalb gestern den Wolfsschutz auf- heben. Sie wurden überstimmt.

Kari Kälin
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Ein im Jahr 2012 im Kanton Wallis gesichteter Wolf. (Bild: Keystone/Maxime Schmid)

Ein im Jahr 2012 im Kanton Wallis gesichteter Wolf. (Bild: Keystone/Maxime Schmid)

Kari Kälin

Isidor Baumann besitzt im Sommer 200 Schafe auf der Göscheneralp. Vor zehn Jahren schlug der Wolf bei seiner Herde zu. Der Urner CVP-Ständerat verschwieg die persönliche Betroffenheit nicht, als er gestern dafür plädierte, den Wolfsschutz aufzuheben. Er unterstützte die Motion, die der Walliser Neo-Ständerat Beat Rieder (CVP) von seinem Vorgänger René Imoberdorf übernommen hatte. Das Ziel des Vorstosses: Es soll künftig erlaubt sein, den Wolf während des ganzen Jahres zu jagen.

Heute darf ein Wolf nur dann abgeschossen werden, wenn er in einem gewissen Zeitraum eine gewisse Anzahl Schafe, Ziegen oder andere Nutztiere tötet (zum Beispiel 35 innert vier Monaten). Jungwölfe eines Rudels sind auch dann nicht mehr geschützt, wenn sie regelmässig im Siedlungsgebiet auftauchen. Den Abschuss eines sogenannt Schaden stiftenden Einzelwolfes können die Kantone verfügen, bei Jungwölfen aus Rudeln braucht es den Segen des Bundesamtes für Umwelt.

Warnung vor Entvölkerung

Isidor Baumann glaubt, dass insbesondere Schollenverbundene im Berggebiet sich beim heutigen Wolfsregime die Frage stellen: «Warum soll ich noch hier bleiben?» Der Urner Ständerat gibt zu bedenken, dass sie teilweise aus Frust passiv werden und sich verweigerten, sich fürs Gemeinwohl zu engagieren. «Die Menschen fühlen sich nicht ernst genommen.» Als Mitte Juni ein Wolf in Isenthal 30 Schafe riss, dauerte es für Baumann viel zu lange, ehe die Behörden grünes Licht für den Abschuss gaben. Zuerst habe man rund zwei Wochen lang die Ergebnisse einer DNA-Analyse abgewartet, obwohl klar gewesen sei, dass ein Wolf zugeschlagen habe. Dann sei wieder Zeit verstrichen, bis die Bewilligung vorgelegen sei. Für die zwölf Älpler mit 400 Tieren in diesem Gebiet sei das eine untragbare Situation gewesen. Der Wolf, der die Tiere gerissen hatte, geriet schliesslich nicht vor einen Gewehrlauf, sondern soll in Deutschland überfahren worden sein.

«Motion will den Wolf ausrotten»

Andere Redner teilten Baumanns Argumente. Werner Hösli (SVP, Glarus) befürchtete, die Menschen würden nicht zuletzt deshalb aus den Berggebieten wegziehen, weil sie sich wegen des Wolfes nicht mehr getrauten, die Kinder allein in die Schule zu schicken. Die Bauern seien nicht mehr bereit, unter diesen Bedingungen die Alpen zu bewirtschaften, ergänzte Beat Rieder. «Mit einem Raubtier können alle gut leben, wenn man ihm nur auf Postern begegnet», sagte der Walliser Ständerat.

Seit der Wolf wieder in die Schweiz eingewandert ist, hat er jedoch noch nie einen Menschen angegriffen.

Die vorberatende Umweltkommission hatte die Aufhebung des Wolfsschutzes noch gutgeheissen. Das Plenum versenkte sie gestern mit 26 zu 17 Stimmen. Die Vertreter der Bergkantone sahen sich in die Minderheit versetzt. Die Gegner wie zum Beispiel Konrad Graber (CVP, Luzern) argumentierten, mit dem Vorstoss werde die Bundesverfassung, die den Schutz von bedrohten Tierarten garantierte, verletzt. «Ein bisschen Natur muss auch noch sein», gab Daniel Jositsch (SP, Zürich) zu bedenken. «Diese Motion will den Wolf ausrotten», warnte Thomas Minder (Schaffhausen, parteilos). Und Didier Berberat (SP, Neuenburg) meinte, auf ein gerissenes Schaf würden zehn kommen, die wegen Krankheiten oder Unfällen sterben.

Wölfe schiessen, bevor sie reissen

Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) wehrte sich derweil gegen den Vorwurf, der Bund verschleppe bereits beschlossene Lockerungen des Wolfsschutzes. Im August werde der Bundesrat einen Gesetzesentwurf zu einem erfolgreichen Vorstoss von Stefan Engler (CVP, Graubünden) vorlegen, sagte Leuthard. Konkret soll es möglich werden, einen erwachsenen Wolf bereits abzuschiessen, bevor er Schafe reisst – etwa dann, wenn er die Scheu vor dem Menschen verliert und sich dem Wohngebiet nähert.

Baumann will Fleisch am Knochen

Isidor Baumann wird den Vorschlag bekämpfen, «falls er kein Fleisch am Knochen hat», wie er sagt. Er verlangt zwar nicht die Ausrottung des Wolfes. Aber die Tierhalter sollen seiner Meinung nach bei der Ausarbeitung substanziell mitreden dürfen. Zudem sollen die Kantone bei der Abschussentscheidung das Heft in der Hand haben. Schliesslich soll zwischen dem Zeitpunkt des Wolfsrisses und der Abschussbewilligung viel weniger Zeit vergehen als heute.

35 Wölfe leben in der Schweiz

In der Schweiz leben gemäss Bundesamt für Umwelt aktuell 35 Wölfe. War der Wolf in der Schweiz zwischenzeitlich ausgestorben, so sind seit 1995 wiederholt Jungtiere aus den französisch-italienischen Alpen in die Schweiz zugewandert. Der Wolf ist hier geschützt und darf nur unter bestimmten Voraussetzungen geschossen werden. Um Herden vor den Angriffen durch Wölfe zu schützen, bezahlt der Bund knapp 3 Millionen Franken pro Jahr für Zäune, Herdenschutzhunde und andere Schutzmassnahmen. 

Abstürze und Blitzschläge

In der Schweiz weiden laut dem Bauernverband etwa 435 000 Schafe. 230 000 davon leben in den Alpen. Gemäss dem Schweizer Tierschutz sterben davon jährlich über 4000 Tiere durch Abstürze, Krankheiten, Witterungsereignisse wie Blitzschläge oder durch Stacheldraht. Die Schäden, die Wölfe anrichten, sind daran gemessen relativ gering: Jährlich werden auf Schweizer Alpen durchschnittlich 200 Schafe gerissen.

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