STIMMBÜRGER: Wir stimmen ab, wenns uns interessiert

Eine Studie der Universität Genf widerlegt die verbreitete Ansicht, dass es Menschen gibt, die immer abstimmen, und solche, die es nie tun. Vielmehr gehen die meisten manchmal an die Urne – und manchmal nicht.

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Von wegen politikverdrossen: Viele Schweizer stimmen ab. So auch diese Menschen, die anlässlich der Kundgebung  gegen die Durchsetzungsinitiative vorletzte Woche in Zürich ihre Abstimmungsunterlagen in den Briefkasten warfen. (Bild: Keystone / Ennio Leanza)

Von wegen politikverdrossen: Viele Schweizer stimmen ab. So auch diese Menschen, die anlässlich der Kundgebung gegen die Durchsetzungsinitiative vorletzte Woche in Zürich ihre Abstimmungsunterlagen in den Briefkasten warfen. (Bild: Keystone / Ennio Leanza)

Deborah Stoffel

Die vier Studienautoren, allesamt Politologen der Universität Genf, haben die Abstimmungsdaten ihres Kantons im Zeitraum von 2004 bis 2013 ausgewertet. Das Resultat der Untersuchung zeigt, dass schon bei einer Betrachtung von 20 Abstimmungen 80 Prozent der Stimmbürger nur teilweise abgestimmt haben. Sie sind laut der Studie so genannte «selektiv Teilnehmende». Von den restlichen 20 Prozent zählt die eine Hälfte zu den «Musterdemokraten», die immer an die Urne gehen, und die andere Hälfte zu den Politikverdrossenen, die nie wählen oder abstimmen. «Die überwiegende Mehrheit überlegt sich also jeweils aufs Neue: Soll ich an die Urne gehen oder nicht?», sagt Studienautor Simon Lanz.

Information ist wichtig

Dass die Mehrheit der Stimmbürger nur gelegentlich an die Urne geht, erklären die Autoren der Studie damit, dass diese Gruppe kaum interessiert und informiert sei. «Die selektiv Teilnehmenden haben Mühe, sich im politischen Raum einzuordnen, und fühlen sich von keiner Partei vertreten», sagt Simon Lanz. Ob sie ihr Stimmrecht wahrnehmen, hänge sehr vom Abstimmungskampf ab. «Ist dieser sehr informativ und intensiv geführt, fühlen sich mehr Leute im Thema kompetent und gehen abstimmen.»

Überraschen mag, dass die selektiv Stimmenden nicht eindeutig einer sozialen Gruppe oder Altersklasse zuzuordnen sind. «Es gibt sie in allen Bevölkerungsschichten», sagt Lanz. Im Gegensatz dazu seien die Jungen in der Gruppe, die nie an die Urne geht, statistisch stark übervertreten, die älteren Stimmbürger wiederum in der Gruppe der «Musterdemokraten».

90 Prozent stimmen ab

Die Studie zeigt auch, dass die tiefe Stimmbeteiligung in der Schweiz (eidgenössische Abstimmungen 2015: 43 Prozent) nicht direkt auf eine wachsende Gruppe Politikverdrossener zurückgeführt werden kann. «Betrachtet man einen Zeitraum von fünf Jahren, gehen über 90 Prozent der Stimmberechtigten mindestens einmal an die Urne», sagt Lanz. Einmal an die Urne in fünf Jahren – das ist nicht gerade viel. Doch die Studienautoren folgern aus dieser Erkenntnis, dass die Stimmbevölkerung grundsätzlich mobilisiert werden kann. «Dass die Leute sich mehr für die Politik interessieren, kann man als Staat beeinflussen», sagt Lanz. Die politische Bildung könnte bereits in der Schule gefördert werden, ist deshalb ein Fazit der Studienautoren.

Datenmaterial kaum vorhanden

In Fachkreisen ist die Genfer Studie mit Interesse aufgenommen worden. Thomas Milic vom Zürcher Forschungsbüro Sottomo streicht heraus, dass sich die Untersuchung auf prozessgenerierte Behördendaten und nicht auf Umfragewerte stütze sowie einen längeren Zeitraum betrachte. Das steigert die Verlässlichkeit der Ergebnisse. Nur wenige Behörden, darunter auch die Stadt St. Gallen, machten Abstimmungsdaten öffentlich zugänglich, so Milic. «Es kommt darauf an, wie eng das Stimmgeheimnis ausgelegt wird.»

Die Ergebnisse aus Genf bestätigen für Milic, dass die Betrachtung des Abstimmungsverhaltens oft mit falschen Vergleichen betrieben wird. In der Schweiz habe man beispielsweise viel häufiger als in Deutschland die Gelegenheit, abzustimmen, was die Abstimmungen ein wenig entwerte. Gleichzeitig führe die grosse Zahl an Entscheiden aber auch dazu, dass sich politisch nicht stark interessierte Personen an Abstimmungen beteiligten – «dann nämlich, wenn sie das Thema interessiert oder direkt betrifft».

Im Gegensatz zu den Genfer Autoren ist Milic hingegen skeptisch, ob sich das politische Interesse durch Fördermassnahmen in der Schule wesentlich steigern lässt. «Viele Studien deuten darauf hin, dass das Elternhaus für die politische Sozialisierung enorm wichtig ist.» Wenn dort das politische Interesse nicht geweckt werde, sei es später schwierig, die Leute für politische Themen zu gewinnen.