Straffälle: Die Schweiz wird wieder sicherer

Seit Jahren sinkt die Kriminalität hierzulande. Sicherheitsexperten warnen jedoch davor, sich zurückzulehnen. Denn die schweren Gewaltstraftaten verharren auf vergleichsweise hohem Niveau.

Roger Braun
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Polizisten stehen bei einer Strassensperre am Dorfrand von Zizers. (Bild: Arno Balzarini/Keystone (3. Oktober 2013))

Polizisten stehen bei einer Strassensperre am Dorfrand von Zizers. (Bild: Arno Balzarini/Keystone (3. Oktober 2013))

Roger Braun

Die ETH-Umfrage dieser Woche brachte es an den Tag. Schweizerinnen und Schweizer haben sich seit Messbeginn Anfang der 1990er-Jahren noch nie so sicher gefühlt wie heute.

Ein Zufall ist das nicht, denn die Kriminalitätsrate in der Schweiz sinkt und sinkt. Seit dem Jahr 2012 haben die Verstösse gegen das Strafgesetzbuch jedes Jahr abgenommen. Im vergangenen Jahr wurden total fast ein Viertel weniger Straftaten begangen als noch 2012 (siehe Grafik). Damit gehört die Schweiz inzwischen wieder zu den zehn sichersten Ländern der Welt, wie eine Studie des Weltwirtschaftsforums ergab. Besonders eindrücklich ist der Rückgang bei den Einbrüchen, die von Psychologen als besonders wichtig für das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung eingeschätzt werden. Um nicht weniger als 40 Prozent gingen diese innerhalb von fünf Jahren zurück.

Bevölkerung ist vorsichtiger geworden

Woran liegt’s? Arbeitet die Polizei besser? Hat die Politik die Schraube angezogen? Oder fällt die Justiz klügere Urteile? Weder noch, sagen Strafrechtsprofessor Martin Killias und Stefan Blättler, Präsident der Konferenz kan­tonaler Polizeikommandanten. Beide weisen darauf hin, dass in erster Linie Vermögensdelikte wie Raub und Diebstähle abgenommen haben. Dies dürfte massgeblich auf das erhöhte Bewusstsein der Bevölkerung zurückzuführen sein, sagt Blättler. «Ob beim Schliessen der Verandatür, dem Einbau sicherer Fenster oder dem Verhalten in Menschenmengen: Die Leute sind viel vorsichtiger geworden.»

Killias führt vor allem ökonomische Gründe an, um den Rückgang zu erklären. «Einbrüche sind schlicht weniger rentabel als früher», sagt der Strafrechtsprofessor der Universität St. Gallen. «Es ist schwieriger geworden, die gestohlene Ware in der Schweiz zu verkaufen», sagt er, «denn kaum jemand will noch Occasionsware». Ob Personalcomputer, Mobilfunkgeräte, Tablets, Fotoapparate: Der technologische Fortschritt sei so rasant, dass die Konsumenten lieber neue Geräte kauften, anstatt sich bei Hehlern mit unzuverlässiger Ware einzudecken.

Blättler streicht die verbesserte Arbeit der Polizei hervor. «Auf Verkehrspatrouille legen wir heute ein spezielles Augenmerk auf das Innere der Autos», sagt der Berner Polizeikommandant. So komme die Polizei vermehrt Diebesbanden auf die Spur, die mit Einbruchwerkzeug unterwegs seien. Strafrechtsprofessor Blättler geht davon aus, dass sich heute weniger Kriminaltouristen in der Schweiz herumtreiben als noch früher.

24-Stunden-Gesellschaft führt zu mehr Gewalt

So erfreulich der Rückgang der Kriminalität ist: Sowohl für Kil­lias als auch Blättler ist es zu früh für eine Entwarnung. Killias weist darauf hin, dass in den 1990er- und 2000er-Jahren die Kriminalität stark zugenommen hatte. Gesicherten Daten von Seiten der Polizei fehlen aus dieser Zeit, doch Befragungen zeigten deutlich weniger Straftaten an als heute, sagt Killias. Verantwortlich dafür macht er das Ausgangsverhalten. Die Polizeistunde wurde in den 1990er-Jahren nach und nach aufgegeben. Als Folge nahmen die nächtlichen Konflikte markant zu – häufig unter Alkohol- und Drogeneinfluss.

Blättler bezeichnet es als beunruhigend, dass die Gewaltstraftaten wie Tötungen, Körperverletzungen oder Drohungen in jüngster Vergangenheit weit weniger gesunken sind als die Vermögensdelikte. Die Kriminalstatistik zeigt, dass diese in den letzten fünf Jahren lediglich um sieben Prozent nachgegeben haben, die schweren Gewalttaten stagnieren gar auf vergleichsweise hohem Niveau. Blättler findet das bedenklich, «denn es sind diese Taten, welche die Bevölkerung am meisten bewegen.»

Könnte dies der Grund sein, wieso in den letzten Jahren – trotz Gesamtrückgang der Kriminalität – eine Rekordzahl von Waffenerwerbsscheinen ausgestellt worden ist? Killias zweifelt an dieser Theorie, die zum Teil von Psychologen vertreten wird. Die Zahl der Erwerbsscheine widerspiegle vor allem die Pra­xis der Kantone, die Registrierung längst vorhandener Waffen durchzusetzen, sagt er. Killias verweist auf seine langjährigen Befragungen, in denen auch der Waffenbesitz abgefragt wird. «Diese Daten zeigen, dass der Waffenbesitz in der Schweiz zurückgeht», so Killias.