Neue Regeln zum Abschuss von Wölfen und dem Herdenschutz sorgen für Unmut bei Umweltschützern

Stärkt das neue Jagdgesetz den Herdenschutz, oder wird er untergraben? Naturschützer warnen vor letzterem.

Dominic Wirth
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Nur wer seine Tiere gegen den Wolf schützt, soll künftig noch für Wolfsrisse entschädigt werden.

Nur wer seine Tiere gegen den Wolf schützt, soll künftig noch für Wolfsrisse entschädigt werden.

Bild: Mario Krpan/Getty (Wägital, 4. Juli 2020)

Der Wolf geht um im Land, in den letzten Jahren ist der Bestand stark gestiegen. Gegen 80 Tiere waren bei der letzten Schätzung im Jahr 2019 unterwegs. Insbesondere in Graubünden und im Wallis ist der Wolf ein Dauerthema. Die Frage, wie die Schweiz künftig mit ihm umgehen soll, stand am Ursprung des neuen Jagdgesetzes.

Am 27. September stimmt das Volk ab, und wenn es Ja sagt, wird sich der Umgang mit dem Wolf verändern. Der so genannte Herdenschutz ist ein wichtiger Baustein beim Umgang mit dem Grossraubtier; er ist ein Mittel, um das Zusammenleben von Wolf und Schafen oder Ziegen zu regeln. Ein anderes, ungleich radikaleres ist der Abschuss. Wie viel vom einen es braucht und wann das andere erlaubt sein soll, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Ein Anreiz, Herdenschutz zu betreiben

Das Parlament will in dieser Frage neue Wege gehen. Während Einzelabschüsse weiter nur erlaubt sind, wenn ein Tier zuvor Herdenschutzmassnahmen umgangen hat, werden Eingriffe bei Wolfsrudeln mit dem neuen Gesetz erleichtert. Unter gewissen Voraussetzungen sollen Abschüsse somit künftig früher erlaubt sein, nämlich bereits bevor Schaden durch Wölfe entstanden ist und dieser lediglich droht. Herdenschutzmassnahmen macht das Gesetz nicht zur Bedingung. Das heisst konkret: ein Abschuss ist auch möglich, wenn Herdenhunde oder Zäune die Tiere nicht flächendeckend schützen.

Entsprechende Herdenschutzmassnahmen hatte der Bundesrat, soweit zumutbar, ursprünglich ins Gesetz schreiben wollen. Das Parlament hat sich für einen anderen Weg entschieden. Es setzt stattdessen auf einen Anreiz, der den Herdenschutz stärken soll. Künftig werden nämlich bei Nutztierrissen nur noch Bauern entschädigt, die zuvor Schutzmassnahmen getroffen hatten. Heute können Bauern bei Wolfsrissen auch dann eine Entschädigung verlangen, wenn ihre Tiere ungeschützt waren.

Wie das alles wirken wird, ist umstritten. Je nach Perspektive erhält der Herdenschutz im neuen Gesetz einen ganz neuen Stellenwert und wird gestärkt. Oder er wird geschwächt – und ein funktionierendes System mit wirksamen Herdenschutz ohne jede Not aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Wirksamkeit 4zeige sich etwa darin, dass die Zahl der pro Jahr und Wolf gerissenen Schafe abnehme.

Das sehen jedenfalls die Gegner des neuen Gesetzes so. Zum Beispiel Urs Leugger-Eggimann, der Präsidenten des Trägervereins «Jagdgesetz Nein». Der Zentralsekretär von Pro Natura sagt, weil künftig auch präventiv Wölfe geschossen werden können, werde der Anreiz, Herdenschutz zu betreiben, verkleinert. «Wenn Tiere auftauchen, die Schaden verursachen könnten, kann man mit einem Abschuss eingreifen», so Leugger-Eggimann. Das untergrabe den Herdenschutz. Und verschiebe die Gewichte weg vom Herdenschutz als zentralem und erstem Mittel beim Umgang mit dem Wolf – und hin zum Abschuss.

Umso gefährlicher für den Wolf ist das in den Augen von Leugger-Eggimann, weil künftig die Kantone das Sagen haben werden bei der Regulierung – und nicht mehr, wie bis anhin, der Bund. Dieser wird zwar noch angehört, kann Abschüsse aber nicht mehr bewilligen. Ein «absolutes No-Go» für den Umweltschützer, der befürchtet, dass die Kantone viel eher die Jäger losschicken.

Schon das siebte Rudel: Not im Kanton Graubünden

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) vertritt auf seiner Website ein Ja zum Gesetz, und es argumentiert dabei unter anderem auch mit dem Herdenschutz. Dieser werde gestärkt, heisst es da – weil eben künftig nur entschädigt werde, wer Schutzmassnahmen getroffen habe. Gemäss Bafu schafft das neue Gesetz einen Anreiz für mehr Herdenschutz. Es schreibt auf Anfrage, dass die «neue Entschädigungsregelung starken Druck» aufsetze, Massnahmen zu ergreifen, weil es sonst bei Rissen kein Geld mehr gebe.

Zudem verweist das Amt auf die Verordnung zum neuen Jagdgesetz. Diese konkretisiert die Umsetzung des Gesetzes und befindet sich derzeit in der Vernehmlassung. Dort ist unter anderem festgehalten, dass die Kantone bei der Regulierung von Wolfsrudeln zwar keine flächendeckenden Schutzmassnahmen verlangen können, betroffene Bauern aber über den Herdenschutz informieren müssen, bevor sie einen Abschuss veranlassen. Dies, so das Bafu, werde Wirkung zeigen. Naturschützer hingegen finden, dass eine blosse Informationspflicht viel zu wenig weit geht.

Just gestern hat der Kanton Graubünden bekanntgegeben, dass er ein siebtes Wolfsrudel auf seinem Gebiet entdeckt hat. Für den Bündner Ständerat Stefan Engler (CVP) zeigt das, dass neue Regeln nötig sind, weil die Situation sonst «ausser Kontrolle» zu geraten drohe. Er sagt, es brauche beides, Herdenschutz, aber auch mehr Möglichkeiten zur Regulierung. «Das Gesetz ist auf Koexistenz ausgerichtet. Das Ziel muss es sein, das Zusammenleben zu ermöglichen», sagt er. Dafür ist es in den Augen von Engler notwendig, Wölfe aus Rudeln in gewissen Fällen auch schiessen zu können – um die Tiere «scheu zu halten», ihnen Grenzen aufzuzeigen.

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