STUDENTEN BEVORZUGEN ENGLISCH: Es geht um mehr als nur die Sprachen

Französisch oder Englisch? Sollen beide Sprachen in der Primarschule gelehrt werden? Ein Besuch in zwei Primarklassen zeigt, wie Schülerinnen und Schüler mit dieser Frage umgehen.

Christian Hodel
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Unterricht in Französisch: im Bild Andrea Fahrni vor einer 6. Klasse in Schlierbach. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

Unterricht in Französisch: im Bild Andrea Fahrni vor einer 6. Klasse in Schlierbach. (Bild: Pius Amrein/Neue LZ)

«How are you?», «Salut ça va?», steht auf der ersten Seite von «Envol», dem Französischlehrbuch der Primarschule. Frühenglisch, Frühfranzösisch oder doch beides? Die Schweiz ist gespalten in der Frage. Von «Guerre des langues» ist die Rede, vom Krieg der Sprachen. Doch wie sieht zeitgemässer Französischunterricht überhaupt aus?

Heftiger Wind in Deutschschweiz

«Bienvenue tout le monde», sagt Andrea Fahrni, Französischlehrerin der 6. Klasse in Schlierbach. «Bonjour», rufen zehn Kinder und schauen auf eine Schweizer Karte an der Wandtafel. «A Genève il fait 22 degrés» – und in der Deutschschweiz weht heftiger Wind.

Die Nidwaldner Regierung will das Frühfranzösisch abschaffen. Mittels mehr Lektionen in der Oberstufe würde die Sprache gestärkt, argumentiert sie. Experten untermauern den Entschluss mit Studien. Wer spät beginne, lerne eine Fremdsprache besser. Andere Päd­agogen zweifeln an dieser Erkenntnis, und Bundesrat Alain Berset sieht ohne Frühfranzösisch den nationalen Zusammenhalt in Gefahr.

Meistens topmotiviert

Englisch oder Französisch? Die Schlierbacher Schüler haben sich bereits entschieden: «Beides ist doch gut», sagt ein Mädchen. Aber Englisch möge sie lieber. Es sei einfacher. Dennoch: Keines der Kinder äussert sich negativ zum Frühfranzösischunterricht. Anfangs seien die Schüler topmotiviert. Auch weil sie bereits im Englisch erste Erfahrungen mit einer Fremdsprache gemacht haben, sagt Andrea Fahrni. «Ich versuche diese Motivation zu erhalten, aber das ist nicht einfach. Was den Kindern verleiden kann, ist das Wörterbüffeln.» Denn die Primarschüler müssen gemäss Lehrplan auch die korrekte Schreibweise üben.

Den hohen Stellenwert der Schrift und die Mühe der Schüler damit erkennt auch Eveline Staubli. Sie ist seit sechs Jahren Französischlehrerin, aktuell im Schulhaus Obernau in Kriens. Heute steht die achte Lektion für die 20 Fünftklässler auf dem Stundenplan. Auf dem Boden liegen Gegenstände. Eine Banane. Ein Bleistift. Ein Hut. Die Kinder sitzen im Kreis und lernen, ob es nun «un chapeau» oder doch «une chapeau» heisst. «Bis jetzt ist Französisch noch nicht so schwer», sagt Elia (10). Und Lars (12) fügt hinzu: «Manchmal sind die französischen Wörter ähnlich wie im Englischen oder im Deutschen.»

«Eine Fremdsprache wäre besser»

Bereits seit zwei Jahren lernen die Fünftklässler in Obernau in zwei Wochenlektionen Englisch. Seit dem neuen Schuljahr sind zwei Stunden Französisch hinzugekommen. Eine Überforderung? «Manchmal ist es schwierig», sagt Man­shi (10). «Nur eine Fremdsprache wäre schon besser.» Der Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverband plädiert seit Jahren für nur noch eine Fremdsprache auf Primarstufe und reicht dazu nächstens eine Initiative ein. Mit zwei Fremdsprachen seien die Primarschüler überfordert, argumentieren die Lehrer. Die Frage bleibt: Englisch oder Französisch? Diesen Entscheid überlassen die Luzerner Pädagogen lieber der Politik. Anders der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer der Schweiz. Er beschloss am Mittwoch – die erste Fremdsprache soll eine Landessprache sein (Ausgabe von gestern). Also doch nur noch Frühfranzösisch? «Für einige Schüler sind zwei Fremdsprachen sicherlich eine Überforderung», kommentiert die Krienser Französischlehrerin Eveline Staubli die aktuelle Diskussion.

«Das Gros meiner Schüler erreicht die im Lehrplan geforderten Lernziele», sagt die Schlierbacher Französischlehrerin Andrea Fahrni. Dies liege sicherlich auch daran, dass ihre Französischklasse relativ klein sei. Folglich steht Fahrni für jeden einzelnen Schüler mehr Zeit zur Verfügung. Im Unterricht setze sie vor allem auf Synergien. «Die ersten Worte, die ich jeweils anschaue, kennen die Schüler bereits.» Coiffeur. Trottoir. Portemonnaie. Chocolat. Und wenn den Schülern französische Wörter partout nicht einfallen wollen, dürfen sie sich mit Englisch helfen. «Hauptsache, in den zwei Wochenlektionen Französisch wird eine Fremdsprache gesprochen.»

Die Sprachen werden vermischt

Den Schülern ist es also freigestellt, im Französischunterricht Englisch zu reden – eine Zwitterlösung? «So ist das nicht», sagt Fahrni. Sie versuche aber, im Fremdsprachenunterricht Deutsch weitgehend zu vermeiden. Und weil die Schüler bereits in der 3. Klasse Englisch lernen, sei ihr Wortschatz in dieser Sprache einfach grösser. Englisch und Französisch in derselben Lektion: Sieht so zeitgemässer Fremdsprachenunterricht aus? «Zentral am Fremdsprachenunterricht auf Primarstufe ist es, den Kindern die Freude an der Sprache zu vermitteln», sagt Hans-Peter Hodel, Fachkoordinator Französischdidaktik Primarstufe an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Ein paar Brocken Englisch im Französischunterricht seien unproblematisch. Für ihn ist klar: «Die beiden Sprachen werden in der aktuellen Diskussion zu stark gegeneinander ausgespielt.» Beide hätten ihre Berechtigung. Aber welche soll zuerst gelernt werden? «Man hat bei der Einführung des Frühenglisch die Auswirkungen auf das Französisch unterschätzt», sagt er. Dennoch glaubt Hodel: «Das heutige System mit zwei Fremdsprachen auf Primarstufe ist das richtige, wenn man es verbessert.» Man müsse mehr Lektionen zur Verfügung stellen, den Austausch zwischen den Fremdsprachen fördern, Synergien nutzen.

Staubli sieht dies anders. Eine Fremdsprache auf Primarstufe reiche, sagt sie. «Fraglich ist, ob diese schon ab der 3. Primarklasse unterrichtet werden soll.» Viele Kinder hätten in diesem Alter noch zu grosse Probleme mit dem Deutschen. Klar ist für Staubli jedoch: Die erste Fremdsprache soll eine Landessprache sein. Es gehe beim Französischunterricht ein Stück weit auch um Schweizer Kultur. Dies zeigt auch ein Blick ins Lehrbuch «Envol»: In einer Lektion erfahren die Schüler etwas über die Primarschule in Fribourg, in einer anderen begegnen sie traditionellen Haustypen im Wallis, Kantonswappen und dem Springbrunnen «Jet d’eau».

Allgemeinbildung und auch Kultur

Wird den Schülern im Unterricht also doch ein Stück Schweizer Kultur ennet dem Röstigraben beigebracht? Und wäre ohne Frühfranzösisch gar der nationale Zusammenhalt gefährdet? «So weit würde ich nicht gehen», sagt Fahrni. Aber: «Zeitgemässes Frühfranzösisch ist nicht nur die Sprache lernen, wie es in den früheren Lehrmitteln hauptsächlich das Ziel war.» Es gehe um weit mehr: Wetterkarten, Geografie, Allgemeinbildung. Und nicht zuletzt spielten auch Staatskunde und «un tout petit peu» ein Stück Schweizer Kultur eine Rolle.

Die Kinder in Schlierbach scheint die aktuelle Diskussion nicht zu kümmern. Sie machen, was ihnen aufgetragen wird, repetieren die Sätze, die ihnen die Lehrerin vorspricht: «Il y a du soleil à Genève.» Wetterkunde statt Sprachenkrieg. Das Lernziel der Lektion: Ich kann das Wetter beschreiben. Am Computer hören die Kinder «Météo» von Radio Télévision Suisse. Verstehen tun sie nicht alles, aber darum gehe es nicht, sagt Fahrni. «Ich will den Kindern die Hemmschwelle nehmen.» Sie sei überzeugt: «Wer bereits im frühen Alter mit einer Fremdsprache in Berührung kommt, ist später motivierter, die Sprache richtig zu lernen – etwa mittels eines Sprachaufenthalts.»

Hinweis

Am 14. Oktober findet um 18.30 Uhr im Uni-/PH-Gebäude an der Frohburgstrasse 3 in Luzern eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema Frühfranzösisch statt. Das Podium wird von der Pädagogischen Hochschule Luzern veranstaltet und von der «Neuen Luzerner Zeitung» moderiert.

Studenten bevorzugen Englisch

<span class="autor>chh. 240 Studenten haben vor wenigen Tagen begonnen, sich an der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern zum Primarlehrer auszubilden. Doch nur 95 Studenten belegen das Fach Französisch. 72 Studenten studieren zwei Fremdsprachen – deren 226 ausschliesslich Englisch.

Hans-Peter Hodel, ist Französisch bei den Studenten unbeliebt?

 

Hans-Peter Hodel*: Das kann man so nicht sagen. Wir sind mit den Zahlen zufrieden. In der Tendenz studieren im aktuellen Studienjahr leicht mehr angehende Primarlehrer Französisch als noch vor drei oder vier Jahren. Das Französisch hat Terrain gutgemacht.

Die Zahlen zeigen aber: Die Belegung im Fach Englisch ist massiv höher.

Hodel: Das ist auch gut so. Weil bereits ab der 3. Primarschule Englisch gelernt wird, braucht es auch mehr Lehrer, die diese Sprache unterrichten.

Welcher Stellenwert kommt den Fremdsprachen an der PH Luzern zu?

Hodel: Ein grosser. Für die PH-Studenten ist es Pflicht, mindestens ein Fremdsprachenfach zu belegen. Die Ausbildung ist streng. Jeder Student muss mindestens einen zehnwöchigen Fremdsprachenaufenthalt absolvieren. Bei jenen Studenten, die sowohl Französisch als auch Englisch studieren, sind es insgesamt 14 Wochen. Wir sind bezüglich der Fremdsprachen zudem laufend daran, die Ausbildung zu optimieren.

Inwiefern?

Hodel: Ab Herbst 2016 wollen wir das neue Fach «Fremdsprachen (Fremfa)» einführen. Es soll Studierende ansprechen, die sowohl Englisch als auch Französisch unterrichten möchten. In diesem Fach sollen vermehrt Synergien zwischen den beiden Sprachen genutzt werden. Mit einem eigenen Fach Fremdsprachen können wir zudem die Ausbildung vereinfachen. Denn die Unterrichtsmethoden unterscheiden sich in Englisch oder Französisch nicht wesentlich voneinander.

* Hans-Peter Hodel ist Fachkoordinator für Französischdidaktik für die Primarstufe an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Hans-Peter Hodel, Dozent Pädagogische Hochschule Luzern