STUDIE: Das falsche Bild der «neuen» Väter

Gute Väter sollen heute Teilzeit arbeiten, Kinder wickeln und die Wäsche waschen. In der Schweizer Realität tun das aber die wenigsten Männer. Kein Grund zur Sorge, sagt Familienforscherin Margrit Stamm. Ihre aktuelle Studie zeigt: Vollzeit berufstätige Väter sind besser als ihr Ruf.

Interview Katja Fischer De Santi Interview Katja Fischer De Santi
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Die Erwartungen an den modernen Vater sind sehr hoch. (Symbolbild Getty)

Die Erwartungen an den modernen Vater sind sehr hoch. (Symbolbild Getty)

Frau Stamm, gibt es die sogenannten neuen Väter überhaupt? Oder sind sie ein medialer Mythos?

Margrit Stamm*: Wenn Sie unter neuen Vätern nur jene Männer verstehen, welche Teilzeit arbeiten und zu Hause gleich viel anpacken wie die Mütter, dann sind diese in der Schweiz zwar kein Mythos, aber mit weniger als 10 Prozent eine äusserst rare Spezies.

Aber wäre es nicht gut, wenn es mehr Teilzeitstellen für Väter gäbe?

Stamm: Das wäre wünschenswert, ist aber kein Allheilmittel. Die Medien jubeln die Teilzeit-Männer gerade einseitig zu den einzig guten Vätern hoch. Gleichzeitig werden Vollzeit arbeitende Väter als rückständig und zu wenig engagiert deklariert. Unsere Studie zeigt, dass das nicht stimmt. Diese Väter wenden rund 33 Stunden pro Woche für ihre Familien auf, neben einer 45-Stunden-Woche am Arbeitsplatz versteht sich. Vor allem am Wochenende beschäftigen sie sich intensiv mit ihren Kindern und Partnerinnen.

Und doch scheint es, dass nur Frauen unter der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie leiden – während sich für die Väter nicht viel verändert hat.

Stamm: Was überhaupt nicht zutrifft. Väter haben, wie unsere Studie zeigt, sehr wohl grosse Probleme, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, aber sie reden nicht darüber. Was bewirkt, dass bislang nur wenige Arbeitgeber Verständnis für familiäre Verpflichtungen der Väter haben.

Wird von den Vätern zu viel erwartet?

Stamm: Unser Eindruck ist, dass zumindest sehr viel von ihnen erwartet wird. In vielerlei Hinsicht gelten Väter heute als ungenügend. Was mit der weitverbreiteten Sichtweise zu tun hat, welche die indirekten Beiträge, die Väter für die Familie leisten, viel zu wenig würdigt. Bei mehr als 70 Prozent der Schweizer Familien mit kleinen Kindern ist der Vater der Hauptverdiener. Das kann man bei der ganzen Diskussion nicht einfach ausser Acht lassen.

Aber Ihre Studie beweist einmal mehr, dass Frauen auch dann den grössten Teil der Erziehungs- und Hausarbeit leisten, wenn beide Eltern arbeiten.

Stamm: Ja, das stimmt. Sogar wenn beide Elternteile Vollzeit oder beide Teilzeit arbeiten, halten sich die Männer im Haushalt sehr zurück. Doch Väter erbringen viele indirekte Fürsorgearbeiten, die man bislang kaum berücksichtigt hat.

Welche Tätigkeiten sind das?

Stamm: Es sind oftmals unregelmässige Arbeiten wie Velos und Spielzeuge reparieren, Abfall entsorgen, Arbeiten rund ums Haus, aber auch Administratives wie die Steuererklärung ausfüllen, Rechnungen einzahlen. Diese Tätigkeiten werden den Männern nicht angerechnet. Was dazu führt, dass man immer nur von der Doppelbelastung der Mütter spricht.

Auch Vollzeit arbeitende Männer können gute Väter sein, ist eine der Haupterkenntnisse Ihrer Studie. Elterliche Präsenz wird also überschätzt?

Stamm: Ja, wir müssen davon wegkommen, dass wir gute Väter und Mütter allein über die Präsenz beim Kind definieren. Wie viele Stunden ein Vater zu Hause ist, hat wenig damit zu tun, wie sehr er sich bei den Kindern engagiert.

Daher Ihre Schlussfolgerung, dass die Väter gar nicht erst versuchen sollten, sich am Idealbild einer Mutter zu messen?

Stamm: Auf keinen Fall. Es wäre ein Rückschritt für alle, wenn wir die Dauerpräsenz und Selbstaufgabe vieler Mütter jetzt auch noch auf die Väter übertragen. Die Frauen beginnen doch gerade, sich davon zu lösen. Wir müssen von den hinreichend guten Müttern und den hinreichend guten Vätern ausgehen und nicht von den perfekten.

Und was macht einen hinreichend guten Vater aus, wenn nicht Präsenz?

Stamm: Engagement, eine gute Partnerschaft, die Lust am Vatersein, das Interesse für seine Kinder und seine eigene Art, mit ihnen umzugehen. Herausfordernder, spielerischer, körperlicher, als es die Mütter oftmals tun.

Wie stehen Sie zu einem längeren Vaterschaftsurlaub?

Stamm: Wenn wir von einer Vaterzeit von mehreren Monaten sprechen, dann besteht für mich kein Zweifel, dass eine solche für eine gleichberechtigte Partnerschaft von grossem Vorteil wäre. Mütter lernen, das Kind abzugeben, und Väter bekommen die Chance, ihren eigenen Umgang mit den Kindern zu finden. Aber die Schweizer Diskussion um einen oder fünf Tage Vaterschaftsurlaub ist fast etwas lächerlich.

Ein in Ihrer Studie beschriebener Vorwurf an die Mütter lautet, dass sie ihre Männer daran hindern, eigenverantwortliche Väter zu sein. Wie das?

Stamm: Gemeint ist, dass es Muttertypen gibt, welche den Vätern den Zugang zu ihren Kindern verwehren. Sie sind überzeugt, besser zu wissen, wie man mit Kindern umgeht. Und bestimmen klar den Spielraum, in welchem der Vater agieren darf. In dieser Assistentenrolle fühlen sich viele Männer nicht wohl und ziehen sich noch weiter zurück.

Was raten Sie den Vätern?

Stamm: Sie sollten sich im Umgang mit ihren Kindern nicht so schnell entmutigen lassen. Und es ist an der Zeit, dass sie für sich selbst zu sprechen beginnen, zu Hause und in der Öffentlichkeit.

 

*Margrit Stamm (65) ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg. Sie ist Direktorin des Swiss Education Instituts mit Sitz in Bern.
 

Traditionell, begeistert und distanziert

Vatertypenkaf. Die Tarzan-Studie der Universität Freiburg beleuchtet anhand von 235 befragten Eltern die Rolle der Väter. Die Forscher charakterisieren unter den voll berufstätigen Vätern drei Typen.

Traditionelle, Ambitionierte (29 Prozent)

Sie lehnen eine gleichberechtigte Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit zwischen Frau und Mann am deutlichsten ab. Sie haben eine starke emotionale Bindung zu ihren Kindern. Sie spielen und lesen von allen Vatertypen am häufigsten mit ihren Kindern, kümmern sich jedoch ansonsten wenig um die organisatorischen Belange der Familie. Väter dieses Typus erwarten viel von ihren Kindern und sind streng. Ambitionierte Väter sind eher jung und in Leitungspositionen tätig.

Egalitäre, Begeisterte (38 Prozent)

Sie finden, dass Frauen ihre Berufstätigkeit wegen der Kinder nicht einschränken sollten, und wollen sich gleichberechtigt an Erziehung und Haushalt beteiligen. Vatersein ist für sie von besonderer Freude geprägt. Sie kümmern sich intensiv um die schulischen Belange der Kinder und sind auch organisatorisch in deren Leben involviert. Solche – meist etwas ältere – Väter arbeiten oft im mittleren Kader.

Orientierungslose, Distanzierte (33 Prozent)

Ihr Engagement für die Kinder ist auf allen Ebenen bescheiden. Sie lehnen zwar die traditionelle Rolle der Ernährer ab, haben aber keine alternative Vorstellung. Sie empfinden ihr Vatersein eher als Belastung denn als Bereicherung. Die Distanzierung dieser Väter wird in der Studie mit dem Verhalten der Mütter in Zusammenhang gebracht. Diese überlassen den Vätern keine oder zu wenig Verantwortung für die Kinder.