STUDIE: Der Glaube wird zum Konsumgut

Die Kirchgemeinden verlieren immer mehr Mitglieder. Woran das liegt, ist nun im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms untersucht worden.

Aleksandra Mladenovic
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Gut gefüllte Kirchenbänke gibt es selten. Nur knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung praktiziert den Glauben regelmässig. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Gut gefüllte Kirchenbänke gibt es selten. Nur knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung praktiziert den Glauben regelmässig. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Wie religiös ist die Schweizer Bevölkerung? Dieser Frage ist eine gestern in Buchform publizierte Studie nachgegangen. Und hat überraschende Resultate hervorgebracht: Gerade einmal 18 Prozent der Schweizer Bevölkerung praktizieren den Glauben regelmässig und sind von der religiösen Lehre überzeugt (siehe Grafik). Innerhalb dieser Gruppe, die die Studie als «Institutionelle» bezeichnet, schrumpft der Anteil der Kernmitglieder der etablierten Kirchen, während es immer mehr Angehörige von charismatischen Freikirchen gibt.

Abschottung und Freizeitangebote

Studienleiter Jörg Stolz nennt drei Hauptgründe für diese Entwicklung: «Mitglieder von Freikirchen haben mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt, und es wird viel Energie in die religiöse Erziehung gesteckt, damit nicht ‹die Seelen der Kinder verloren gehen›.» Zudem würden sich freikirchliche Gemeinden besser gegen die Einflüsse der Konsumgesellschaft abgrenzen. «Sie können das besser als die katholischen oder evangelischen Kirchen. Diese verstehen sich nämlich als Volkskirchen und sind einer grossen Bandbreite und grossem Pluralismus innerhalb der Gemeinde ausgesetzt», erklärt Religionssoziologe Stolz. Und nicht zuletzt würden diese Glaubensgemeinschaften ihren Mitgliedern gute Alternativen zu weltlichen Freizeitaktivitäten bieten. «Jugendliche profitieren von attraktiven Angeboten, wie etwa Konzerten in der Kirche», sagt Stolz.

Die Inakzeptanz in der Bevölkerung für solche Gruppierungen sei ihrer Abschottung zudem dienlich: «Eine grosse Mehrheit der Befragten findet eine starke Religiosität suspekt.» Die Gefahr, dass Freikirchen gefährliche sektiererische Züge annehmen könnten, hält der Religionssoziologe allerdings für gering. «Sobald der Begriff Sekte fällt, denkt man an Gurus und Missbrauch. Das gibt es in den allermeisten Gemeinden aber nicht», erklärt Stolz und zieht einen Vergleich: «Mitglieder von Freikirchen sind eine Art religiöse Hochleistungssportler. Die Gefahr des Übertreibens ist immer da, aber im Grunde handelt es sich um Personen, denen ein bestimmtes religiöses Ziel sehr wichtig ist. Das wird von der Gesellschaft oft nicht verstanden.»

13 Prozent sind Esoteriker

Der Anteil Angehöriger von Freikirchen bleibt allerdings mit rund 2 Prozent der Schweizer Bevölkerung auch sehr klein. Die grösste Gruppe machen «Distanzierte» mit 57 Prozent aus. Sie gehören zwar meist einer Glaubensgemeinschaft an, praktizieren ihren Glauben aber kaum. «Viele von ihnen wissen nicht, was sie sich unter einem Gott vorstellen sollen», sagt Stolz. Gleichzeitig würde sich diese Gruppe aber auch vom Atheismus abgrenzen. 13 Prozent der Bevölkerung stellen gemäss der Studie die «Alternativen». Sie sehen in Gott meist eine «Licht-Kraft-Energie». 12 Prozent sind «Säkulare», die Gott für eine Illusion halten. Sie und die Gruppe der Distanzierten würden künftig wahrscheinlich wachsen, stellt die Studie fest.

Während sich in den vier Gruppen frappante Unterschiede bezüglich der Religiosität feststellen lassen, sei eines jedoch allen gemein: «Während man früher Religion praktiziert hat, weil das erwartet wurde, entscheiden sich heute alle aus individuellen Gründen für oder gegen eine Religion. Sie wählen, was ihnen ein Wohlgefühl verschafft», erklärt Jörg Stolz. Diese Entwicklung habe seit den 1960er-Jahren ihren Lauf genommen und zu einem Mitgliederschwund in den Kirchen beigetragen. «Wenn man die verschiedenen Glaubensgemeinschaften fragt, wer ihre grösste Konkurrenz ist, nennen sie nicht eine andere Religion», so Stolz, «sondern ‹andere Freizeitangebote›.» So habe sich Religion von einer Weltanschauung zu lediglich einem unter vielen Freizeitangeboten, zu einem «Produkt» gewandelt, das bei Bedarf konsumiert werde.

Religiöse Erziehung kaum möglich

Besonders schwierig sei es deshalb geworden, Kinder religiös zu erziehen. Stolz führt aus: «Während die Kinder früher zu tun hatten, was die Eltern befahlen, müssen die Eltern heute mit ihren Kindern die Freizeitaktivitäten aushandeln. Und diese spielen eben oft lieber Fussball, als in die Kirche zu gehen.» Zudem hätten die Eltern früher der Schule mehr Autorität abgeben können – heute würde nicht mehr jede Schule Religionsunterricht anbieten, die Kinder würden nicht automatisch konfirmiert, die Religion verschwinde zunehmend aus dem Alltag.

In diesem Konkurrenzdruck sehen die Forscher auch eine Erklärung, weshalb sich das kirchliche Marketing zunehmend verbreitet. Viel bringe das jedoch nicht: 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass «Religionen eher zum Konflikt als zum Frieden führen». Und die Anzahl jener, die den Religionen distanziert und kritisch gegenüberstehen, werde immer grösser.

Hinweis

J. Stolz, J. Könemann, M. Schneuwly Purdie, T. Englberger, & M. Krüggeler (2014). Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des (Un-)Glaubens. Zürich: TVZ/NZN. Es ist die bislang umfangreichste Studie zur Religiosität und Spiritualität der Schweizer Bevölkerung.

«Glauben ist keine Ware, die man einfach erwerben kann»

Die gestern veröffentlichten Studienergebnisse werden von den Kirchenvertretern im Kanton Luzern unterschiedlich aufgenommen – wie eine Umfrage zeigt. «Die Studie zeigt einen Trend auf, wie er auch in der übrigen Gesellschaft zu beobachten ist», sagt etwa Markus Müller, Leiter der Pfarrei Nebikon und Synodalrat der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. «Die Menschen von heute sind freier. Dies ist in Fragen von Glauben und Religion nicht anders.»

Kirchen an Gewerbeausstellungen

Angesichts des grossen Angebots für die Lebens- und Freizeitgestaltung sei die Kirche heute nur noch «eine Mitspielerin auf dem grossen Markt der Möglichkeiten», sagt Müller. «Entsprechend setzt sie die Instrumente der Kommunikation so selbstverständlich ein wie andere Mitbewerber auch.» So würden die katholische und die reformierte Kirche in Willisau beispielsweise im November gemeinsam an der dortigen Gewerbeausstellung teilnehmen. Seine Pfarrei habe dies vor einem Jahr bereits gemacht, so Müller. «Einem Besucher gefiel unser Auftritt so gut, dass er mir sagte, nun habe er einen Grund, nicht aus der Kirche auszutreten.»

Kirchen müssen sich anpassen

Die Ergebnisse der Studie sind deutlich: Über die Hälfte der Bevölkerung distanziert sich von den Kirchen. «Diese Zahl erstaunt mich wenig», sagt Bruno Hübscher, Diakon in Nottwil. Viele Personen seien etwa in der katholischen Kirche, um an Ritualen wie Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten teilnehmen zu können. «An den übrigen Veranstaltungen wie etwa Gottesdiensten sind diese Personen aber nicht mit dabei.» Um dies zu ändern, müssen sich laut Hübscher die traditionellen kirchlichen Organisationen und Strukturen anpassen. «In der katholischen Kirche darf das Schwergewicht nicht nur auf die Liturgie gesetzt werden.» Es brauche auch ausserhalb der Gottesdienste Anlässe, um der Bevölkerung den Glauben näherzubringen. Geht der Trend also hin zu einer Kommerzialisierung? «Seelsorger sollen keine Showmaster sein», sagt Hübscher. Aber auf die individuellen Bedürfnisse müssten sie eingehen. «Wenn jemand an der Taufe seines Kindes ein Lied von Peter Reber wünscht, soll dieses gespielt werden, auch wenn dies nicht explizite Kirchenmusik ist.»

«Glauben ist keine Ware»

Die katholische Kirche müsse wieder das Wesentliche in den Mittelpunkt stellen, sagt hingegen Giuseppe Gracia, Mediensprecher des Bistums Chur, zu dem etwa die Kantone Nid- und Obwalden, Uri und Schwyz zählen. «Wir müssen den Menschen wieder klarmachen, dass Glaube mehr ist als Kultur oder Wellness.» Das Wesentliche, die Kernkompetenz der Kirche, sei die Botschaft Jesu, sagt Gracia.
Glaube und Religiosität sei für viele Personen eine persönliche Angelegenheit, sagt Adrienne Suvada, Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, zu dem etwa die Kantone Luzern und Zug gehören. «Glauben ist keine Ware, die man einfach erwerben kann.» Die Studienergebnisse seien Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen. «Die Individualität wird von der heutigen Gesellschaft sehr hoch eingestuft, gleichzeitig wächst auch der Stress», sagt Suvada. «Junge Erwachsene erwähnen immer wieder, dass sie gerne beten würden, aber die Zeit dafür nicht finden.» Und was ist gegen die Negativspirale zu tun? Man müsste das Leben manchmal etwas entschleunigen, sagt Suvada. «Gerade Kirchen würden eine Gelegenheit für einen Moment der Stille und des Innehaltens bieten.»

Bild der Kirchen «ist zwiespältig»

Das Bild der Kirchen in der Öffentlichkeit sei zwiespältig, sagt Stefan Sägesser, Beauftragter Öffentlichkeitsarbeit der Reformierten Kirche Kanton Luzern. «Die vielen sozialen Dienstleistungen werden positiv wahrgenommen, konkrete Glaubensvorstellungen aber abgelehnt.» Die reformierte Kirche versuche darum, die Menschen bei ihren Bedürfnissen abzuholen. «Wir fragen nicht, was sie glauben, sondern was sie brauchen, und versuchen so, nah bei den Menschen zu sein», sagt Sägesser. «Wenn Sie wollen, sind wir ein grosses Warenhaus und kein Discounter mit einem beschränkten Angebot.» Es stimme aber, dass die Angebote in einer Konkurrenzsituation mit säkularen Angeboten stünden, sagt Sägesser. «Die Werte, welche die Menschen heute abholen und faszinieren können, haben sich verändert.»

Kritisch beurteilt Ioan Livius Jebelean, Pfarrer der Christkatholischen Kirchgemeinde Luzern, die Ergebnisse der neuesten Studie. «Zwar haben viele Personen ein eher distanziertes Verhältnis zu den Kirchen. Jedoch findet ein Grossteil der Bevölkerung bei Problemen zum Glauben zurück», sagt er. Auch solche, die aus einer Landeskirche ausgetreten seien, würden oftmals bei Krankheiten, Problemen oder Sorgen die Dienste der Kirchgemeinden in Anspruch nehmen.

Doch wie kann erreicht werden, dass die Bevölkerung auch im Alltag mehr die Kirchen besucht? «Das geht nur über den persönlichen Kontakt», sagt Jebelean. «Durch gezielte Werbeaktionen und Kampagnen hat man vielleicht vorübergehend ein paar Personen mehr. Doch diese gehen so schnell wieder, wie sie gekommen sind.»

Christian Hodel

Die Religiosität der Schweizer Bevölkerung. (Bild: Quelle: Schweizer Nationalfonds / Grafik: Oliver Marx)

Die Religiosität der Schweizer Bevölkerung. (Bild: Quelle: Schweizer Nationalfonds / Grafik: Oliver Marx)