STUDIE: «Der Wert von Beziehungen nimmt zu»

Neben Sicherheit, Ruhe und Ordnung wünschen sich Schweizer mehr enge Freundschaften. Der Wert des Lokalen und Erlebbaren wird immer wichtiger – auch als Gegentrend zur Globalisierung.

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Freundschaften werden immer wichtiger, laut der Studie. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Freundschaften werden immer wichtiger, laut der Studie. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Gestern stellte das Marktforschungsinstitut Demoscope die aktuelle Ausgabe ihrer Studie «Psychologisches Klima der Schweiz» (PKS-Studie) vor. Darin werden die Wertvorstellungen der Schweizer Bevölkerung erfragt. In den letzten Jahren geht der Trend eindeutig in Richtung mehr Heimatverbundenheit. Aber auch Sicherheit, Gesetzestreue und Autoritäten stehen hoch im Kurs. Dazu wünschen sich die Schweizer mehr Ruhe und tiefere Freundschaften. Rainer Wegmüller (71) begleitet die PKS-Studie schon seit fast 30 Jahren – zuerst als Studienleiter, jetzt noch als Studienautor.

Rainer Wegmüller: Der Trend zu mehr Heimatverbundenheit und der Wunsch nach mehr Beschaulichkeit und Ruhe hält an – auch und gerade bei jungen Leuten. Wie erklären Sie sich das?

Rainer Wegmüller*: Der Trend zur so genannten Verwurzelung hält schon seit der Jahrtausendwende an. Er ist der konstanteste Trend in der Werthaltung der Schweizer Bevölkerung. Die Jungen führten diesen Trend an, so wie sie fast alle Trends anführen. Auch wenn es ein konservativer Trend ist.

Ist die neue Heimatverbundenheit eine Folge der Globalisierung?

Wegmüller: Das hängt sicher zusammen. Mit der Globalisierung kamen auch Probleme, und diese werden immer sichtbarer. Im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts war alles Internationale, Globale im Trend. Inzwischen macht sich auch eine Art Ernüchterung breit.

Welche Rolle spielen dabei Ereignisse wie der 11. September 2001, Fukushima oder die globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen?

Wegmüller: Die Leute wurden darauf aufmerksam, dass es nicht ewig bergauf geht mit der Wirtschaft. Damit einher geht eine zunehmende Verunsicherung über die eigenen wirtschaftlichen Perspektiven. Gerade die jungen Leute sehen ja, wie es in umliegenden Ländern mit der Arbeitslosigkeit steht. Der Schweiz geht es vergleichsweise gut, und die Schweizer wollen ihren Wohlstand bewahren.

Kommt daher auch der Wunsch nach mehr Sicherheit und Ordnung?

Wegmüller: Die Angst vor dem Wohlstandsverlust spielt hier sicher mit. Aber man darf auch nicht vergessen, dass auch junge Leute Opfer von Gewalt werden.

Die Studie kommt zum Schluss, dass materielle Werte eine grosse Rolle spielen. Gleichzeitig werden innere Werte wie Freundschaft, Ruhe und Beschaulichkeit immer wichtiger. Der persönliche Erfolg rückt in den Hintergrund. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wegmüller: Es ist vielleicht ein kleiner Widerspruch, ja. Ich interpretiere das so: Man will den Besitzstand wahren. Aber extremer Reichtum und Erfolg sind nicht das Ziel. Alle wollen ein schönes iPhone, einen Computer und ein Auto. Aber der Ehrgeiz der jungen Leute ist nicht riesig, sie sind eher minimalistisch. Vielleicht sind sie auch einfach realistischer geworden.

Den Wohlstand sichern, zu Hause bleiben und Ruhe finden. Dazu der vermehrte Ruf nach Autoritäten. Das klingt nicht sehr revolutionär. Was ist denn los mit der heutigen Jugend?

Wegmüller: Im Moment herrscht definitiv kein revolutionärer Geist, da haben Sie recht. Es ist eher ein vorsichtiges Abwarten. Die Zeichen stehen mehr auf Anpassung. Dazu ist das private Vergnügen recht wichtig. An Partys brechen Jugendliche ja nach wie vor gerne mal aus. Aber die Revolution ist dann mehr privat und nicht politisch. Die Rebellion käme wohl erst, wenn es wirtschaftlich wirklich schlechter ginge.

Auch das Vereinsleben ist wieder vermehrt im Trend.

Wegmüller: Ja, auch hier sieht man einen Trend zum Lokalen. Je näher die globale Welt rückt – und sei es nur virtuell durch das Internet –, desto wichtiger wird das Nahe, Beeinflussbare, Erlebbare.

Stichwort Internet: Die meisten Befragten – auch die Jungen – geben an, sie hätten lieber weniger, dafür gute Freunde. Wenn man ihr Verhalten auf Facebook und anderen Social Media Plattformen anschaut, fällt es einem schwer, das zu glauben.

Wegmüller: Natürlich kann der Wunsch nach mehr tiefen Freundschaften auch auf ein Manko hindeuten. Ich glaube aber, dass wir hier vor einer dauerhaften Entwicklung stehen. Der Wert von nahen, intensiven Beziehungen hat eindeutig zugenommen. Vielleicht gerade auch als Gegentrend zu flüchtigen Bekanntschaften aus dem Internet. Social Media können ja auch zur besseren Pflege von Kontakten genutzt werden. Ich glaube, die jungen Leute lernen hier sehr schnell.

Ist die vermehrte Bedeutung von Nähe und sozialen Kontakten auch ein Gegentrend zur hedonistischen «Anything goes»-Mentalität der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre?

Wegmüller: Eindeutig ja. Das Zeitalter des Individualismus und Hedonismus hatte ja auch fast 30 Jahre angehalten. Nun gibt es eine Gegenbewegung. Ein Stück hat auch der Realismus Einzug gehalten. Von Träumereien halten die Jungen nicht mehr viel.

Realismus heisst also auch, den Wohlstand im Inneren sichern und nicht mehr die Welt retten wollen?

Wegmüller: Wenn Sie so wollen, ja. Aber die Solidarität wird immer noch gelebt, einfach mehr im Kleinen, Lokalen. Freundschaften sind wichtiger geworden als der globale Weltfrieden.

Interview Jan Flückiger