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STUDIE: Die Mär vom Rückgang der Jugendgewalt

Mehr Raub, mehr Gewalt, mehr Drogenhandel: Laut dem Kriminologen Martin Killias kann von weniger Jugendkriminalität keine Rede sein.
Kari Kälin
Das Problem der Jugendgewalt ist nicht gelöst, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die abgebildete Szene ist gestellt. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Das Problem der Jugendgewalt ist nicht gelöst, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die abgebildete Szene ist gestellt. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

«Jugendliche Schläger auf dem Rückzug», titelte der «Tages-Anzeiger» im Februar 2012. «Jugendgewalt: Anzahl der Delikte hat sich halbiert», berichtete «20 Minuten» im letzten November. «Die Jugendkriminalität in der Schweiz nimmt ab», konstatierte die «Neue Zürcher Zeitung» im März. Nachdem das Thema Jugendgewalt während Jahren die mediale Agenda bestimmt hatte und Experten über die Gründe des Phänomens debattierten, scheint sich die Lage plötzlich zu entspannen. In der Tat sank die Zahl der Jugendlichen, die eines kriminellen Aktes beschuldigt wurden, in den letzten Jahren bis auf 9106 (siehe Grafik). Alles bestens also? «Nein», sagt Thomas Vollmer, Leiter des Ressorts Jugendschutzprogramme beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Es gebe keinen Grund, die Hände in den Schoss zu legen, sagte er gestern anlässlich einer BSV-Tagung zum Thema Jugendgewalt in Aarau. Grund zur Sorge liefert unter anderem eine Studie von Martin Killias, der als ständiger Gastprofessor für Kriminologie an der Universität St. Gallen wirkt.

Sinkende Anzeigebereitschaft

Killias und seine Assistentin Anastasiia Lukash haben im letzten Jahr fast 3000 Oberstufenschüler im Alter von 13 bis 16 Jahren in der ganzen Schweiz befragt. Danach verglichen sie die Ergebnisse mit einer Erhebung aus den Jahren 2006 und 1992. Killias’ Befund entlarvt die Jubelmeldungen über den Rückgang der Jugendgewalt als Wunschdenken. «Wir haben starke Indizien auf einen Anstieg. Das Problem der Jugendgewalt ist nicht gelöst», sagt er. Tatsächlich: Ob Velodiebstahl, Einbruch, Raub, Körperverletzung oder Drogenverkauf: In all diesen Bereichen waren die Jugendlichen im letzten Jahr deutlich krimineller als noch 2006 und 1992 (siehe Grafik). Nur bei Gruppenschlägereien und Ladendiebstählen sank die Zahl der Täter.

Gemäss der Befragung stieg gleichzeitig die Zahl der Opfer. 2013 gaben 27,8 Prozent der Jugendlichen an, innerhalb der letzten 12 Monate bestohlen worden zu sein (2006: 22,6). 3,5 Prozent (2006: 2,3) wurden ausgeraubt, 4,4 Prozent (2,4) erlitten durch Gewalt eine derart schwere Verletzung, dass sie verarztet werden mussten. Die Bereitschaft, die Polizei einzuschalten, ist eher gesunken. Von den verletzten Jugendlichen erstatteten 2013 nur noch 29,4 Prozent eine Anzeige (2006: 32,4 Prozent).

Mehr Gewalt wegen Cannabis

Auffällig oft ist bei jugendlichen Gewalttätern Cannabis und/oder Alkohol im Spiel. Diese Erkenntnis hat nicht nur Killias gewonnen, sondern bestätigen auch Forscherkollegen, welche die exakt gleiche Untersuchung in anderen Ländern durchführten und durchführen. Offenbar schlagen die Kiffer nicht unter unmittelbarem Einfluss der Drogen zu. Schliesslich wirkt Cannabis eher entspannend. Erkenntnisse aus der Neurologie lassen aber vermuten, dass das Kiffen grundsätzlich zu einem Verlust der Affektkontrolle führen kann. Das bedeutet: Es braucht wenig, um einen Kiffer derart zu reizen, dass er zuschlägt. Das Gleiche gilt tendenziell für Konsumenten von hochprozentigem Alkohol.

Weniger Minderjährige

Doch weshalb weisen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik nach unten, während Killias eine Zunahme der Jugendgewalt feststellt? Der Grund ist höchstwahrscheinlich demografischer Natur. Gemäss Schätzungen von Killias ist die Zahl der Minderjährigen von 2006 bis heute um rund 30 Prozent gesunken. Dies erklärt, weshalb die Jugendkriminalität in absoluten Zahlen rückläufig ist. Relativ gesehen passiert das Gegenteil. Das heisst: Pro 100 Jugendliche begehen heute mehr ein Delikt als noch 2006.

Umso unerfreulicher ist die Tatsache, dass im Kanton Luzern die Jugendlichen im letzten Jahr auch in absoluten Zahlen mehr Gewaltdelikte verübten als 2012. Die Schlagzeile «Jugendliche schlagen massiv mehr zu» («Neue Luzerner Zeitung» vom 13. März 2014) wird der Realität leider gerecht.

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