STUDIE: Es gibt einen Ohrfeigen-Röstigraben

Mehr als jeder vierte Jugendliche wird von den Eltern geschlagen. Väter und Mütter in der Romandie verlieren ­häufiger die Nerven. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln.

Kari Kälin
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In der Romandie verteilen Eltern häufiger Ohrfeigen als in der Deutschschweiz (gestellte Aufnahme). (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

In der Romandie verteilen Eltern häufiger Ohrfeigen als in der Deutschschweiz (gestellte Aufnahme). (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Das pädagogische Rezept stammt aus der Bibel. «Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald», heisst es im Alten Testament. Zwar wurden Kinder im Verlauf der Jahrhunderte durch Gesetze immer besser vor Gewalt geschützt. Doch offenbar sind brachiale Erziehungsmethoden auch hierzulande im 21. Jahrhundert noch immer gang und gäbe. 28,1 Prozent aller 13- bis 16-Jährigen wurden im letzten Jahr von ihren Eltern mindestens einmal geschlagen, geohrfeigt oder geschüttelt. Dies zeigte eine Studie, die Martin Killias, ständiger Gastprofessor für Kriminologie an der Universität St. Gallen, letzte Woche in Aarau präsentierte.

Vor allem in der Romandie scheinen Körperstrafen zum pädagogischen Repertoire zu gehören. 37,1 Prozent der Westschweizer Teenager gaben an, von ihren Eltern auf diese Weise gezüchtigt worden zu sein. In der Deutschschweiz waren es 23,4 Prozent, im Tessin 28,1. Auch bei der Kindesmisshandlung – dabei geht es um Fusstritte, Faustschläge oder Schläge mit einem Gegenstand – liegen die Romands an der Spitze (siehe Grafik).

Weshalb eine Art Ohrfeigen-Rösti­graben existiert, hat Killias nicht erforscht. Dieser Frage müssten nun Präventionsfachleute nachgehen, sagte der Kriminologe gegenüber der Zeitung «Le Temps».

Bedeutung der Tischsitten

Meinrad Perrez ist emeritierter Professor für Klinische Psychologie an der Universität Freiburg. Im Auftrag des Bundes hat er für die Jahre 1990 mit Uwe Ewert und Franz Moggi und 2004 mit Dominik Schöbi das Bestrafungsverhalten der Eltern in zwei repräsentativen Studien untersucht. Auch sie haben sprachregionale Unterschiede im Erziehungsstil festgestellt. Demnach schlagen Westschweizer Eltern nach ihren eigenen Angaben ihre Kinder signifikant häufiger als Deutschschweizer Väter und Mütter. Auch der Rechtfertigungsgrund «Ich dachte mir: Eine ordentliche Tracht Prügel ist manchmal angebracht» zieht ennet der Saane besser. Weshalb sind die Westschweizer Eltern strenger, wieso rutscht ihnen die Hand rascher aus? Ein möglicher Grund ist die sogenannte geringere «Abweichungstoleranz», die Perrez festgestellt hat. Das bedeutet zum Beispiel: In der Romandie ärgern sich die Eltern stärker, wenn ein Kind nicht schön sauber isst, über Ungehorsam oder Unhöflichkeit. Die Eltern hatten 15 unerwünschte Verhaltensweisen von Kindern zu beurteilen, in welchem Ausmass diese die Eltern ärgern. «Bei 14 der 15 Eigenschaften ärgern sich die Romands stärker als die Deutschschweizer, und die Ergebnisse zeigten sich auch in der zweiten Studie. Ärger der Eltern geht in der Regel der Körperstrafe voraus», sagt Perrez.

Opfer sind vor allem jüngere Kinder

Laut Perrez werden vor allem Kleinkinder im Alter von zwei bis drei Jahren körperlich bestraft. Gemäss der Hochrechnung der letzten Studie wurden vor zehn Jahren in der Schweiz nach den Angaben der Eltern über 1700 Kinder, die jünger als zweieinhalbjährig sind, zumindest manchmal mit Gegenständen geschlagen. Mehr als 35 000 Kinder in diesem Alter erhalten Schläge auf den Hintern, 13 000 werden geohrfeigt. Buben werden deutlich häufiger bestraft als Mädchen. «Sie sind nach dem verbreiteten Stereotyp lebendiger und frecher als Mädchen», sagt Perrez. In den meisten Fällen fällen Mütter die Sanktion. Der Grund ist banal: Sie verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern als die Väter. Ein weiterer Befund: Armut, in der Kindheit selbst erfahrene Züchtigung, Stress und enge Raumverhältnisse begünstigen die Gewaltanwendung. Befindet sich in unmittelbarer Nähe des Kindes ein Spielplatz, rutscht den Eltern seltener die Hand aus.

«Bis weit ins 20. Jahrhundert galt hierzulande in der Erziehung das Primat der körperlichen Bestrafung», sagt Perrez. Das ausdrückliche Recht auf Ohrfeigen und dergleichen verschwand erst 1978 aus dem Zivilgesetzbuch. Anders als in zahlreichen europäischen Ländern stellen Körperstrafen in der Schweiz aber keinen eigenen Straftatbestand dar. Dabei trat bereits 1997 der UNO in Kraft, die ausdrücklich ein Recht auf gewaltfreie Erziehung garantiert. Für Perrez ist deshalb klar: Körperliche Züchtigung muss als eigener Straftatbestand geahndet werden. Dabei gehe es nicht darum, einmalige Ausrutscher strafrechtlich zu verfolgen, es sei denn, es handle sich um eine Körperverletzung. Werde ein Kind jedoch regelmässig geschlagen, so ist das Kindesmisshandlung, genauso wie bei psychischer Misshandlung oder Vernachlässigung. «Wir müssen die körperliche Unversehrtheit von Kindern genauso schützen wie jene von Erwachsenen», sagt Perrez. Heute bestehe da zwischen Kindern und Erwachsenen eine rechtliche Ungleichheit.

Bund gegen Gang vor Strafrichter

Der Bundesrat hingegen sieht keinen Handlungsbedarf. Im Sinne des Kindeswohls sei es zwar verboten, Gewalt als Teil elterlicher Erziehungsmethoden zu betrachten, schrieb er vor zwei Jahren in einem Bericht zum Thema Gewalt in der Familie. Es sei aber nicht wünschenswert, jede Tätlichkeit – wie zum Beispiel einen Klaps –, die Eltern in einem Moment der Überforderung begingen, strafrechtlich zu verfolgen. Stattdessen müsse man die Eltern in diesen Fällen zu einer gewaltfreien Erziehung motivieren. Ob der Gang vor den Strafrichter solche Eltern diesem Ziel näherbringen würden, erscheine «mehr als fraglich.» Dazu Perrez: «Einverstanden, der Gang vor den Richter allein würde diesen Eltern nicht helfen. Aber das Verbot würde diesen Gang vielen Eltern ersparen durch seine präventive Wirkung und durch seinen Beitrag zu einer gewaltfreieren Kultur.»