STUDIE: Nicht alle Probleme sind importiert

In ihren Heimatländern sind Jugendliche aus dem Balkan weniger kriminell als Schweizer. Dies zeigt eine neue Studie – und widerlegt die These, Ausländer würden eine Gewaltkultur importieren.

Kari Kälin
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Bezüglich der Delinquenz gibt es bei Jugendlichen in Balkanstaaten, Schweizern und jungen Secondos in der Schweiz grosse Unterschiede (gestellte Szene). (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Bezüglich der Delinquenz gibt es bei Jugendlichen in Balkanstaaten, Schweizern und jungen Secondos in der Schweiz grosse Unterschiede (gestellte Szene). (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Das Phänomen ist weit verbreitet: Ausländer kommen praktisch in allen Ländern Europas häufiger mit dem Gesetz in Konflikt als die Einheimischen. Auch in der Schweiz werden überproportional viele Ausländer wegen eines Verstosses gegen das Strafgesetzbuch verurteilt: 2014 waren es 58,7 Prozent, obwohl der Anteil an der ständigen Wohnbevölkerung nur 24,3 Prozent betrug. Auch in den Gefängnissen sind die Ausländer deutlich in der Überzahl. Haben wir hierzulande also ein importiertes Problem? Zu einem Teil trifft das zu. Schliesslich haben mehr als die Hälfte der verurteilten Ausländer ihren Wohnsitz gar nicht in der Schweiz. Es handelt sich häufig um Kriminaltouristen, die zum Beispiel für Einbruchtouren durchs Land ziehen.

Nimmt man die ständige Wohnbevölkerung zum Massstab, ist die Formel «importiertes Problem» indes falsch – gerade auch in Bezug auf Personen aus Balkanländern, die bekanntlich nicht den allerbesten Ruf haben. Martin Killias, ständiger Gastprofessor für Kriminologie an der Universität St. Gallen, hat im Rahmen einer internationalen Studie Tausende Jugendliche befragt und dabei drei Dinge untersucht. Wie kriminell sind Schweizer Jugendliche im Alter von 13 bis 16 Jahren? Wie kriminell sind Secondos mit Migrationshintergrund aus dem Balkan? Und wie kriminell sind Jugendliche in Serbien, Kosovo, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina?

Freizeitverhalten entscheidend

Die Zwischenergebnisse, die Killias mit seiner Forschungskollegin Monnet Lukash neulich an einem Vortrag in Barcelona präsentiert hat, zeigen ein interessantes Bild: In ihren Heimatländern sind die jugendlichen Serben, Kosovaren, Mazedonier und Bosnier braver als ihre Schweizer Alterskollegen (siehe Grafik und Kasten). Secondos mit Wurzeln im Balkan delinquieren hingegen häufiger als Schweizer und die Alterskollegen in ihren Herkunftsländern. «Die Jugenddelinquenz ist also nicht importiert, sondern hausgemacht», sagt Killias. «Dies widerlegt die populäre These, wonach Jugendliche aus dem Balkan eine Gewaltkultur von aussen in die Schweiz bringen.» Die Resultate der aktuellen Befragung bestätigen einen Befund, auf den Killias schon vor zehn Jahren kam. Damals zeigte sich, dass die Jugenddelinquenz in Bosnien-Herzegowina tiefer lag als jene in der Schweiz.

Killias’ Studienergebnisse rücken das Thema Ausländerkriminalität in ein neues Licht. Die weit verbreitete Erklärung, Secondos würden in der Schweiz öfter Gesetze brechen, weil sie unter Kriegstraumata litten, lässt sich laut Killias nicht aufrechterhalten. «Sonst müsste sich dieses Phänomen auch in den Heimatländern manifestieren.» Für den Kriminologen ist klar, dass sein Befund auch den Stereotyp des «kriminellen Ausländers» relativiert.

Doch weshalb geraten Jugendliche aus dem Balkan in der Schweiz häufiger auf die schiefe Bahn als in der Heimat? Ein möglicher Grund ist das Freizeitverhalten. Killias fand heraus, dass die Secondos mehr Zeit mit «Herumhängen» verbringen, weil sie weniger in Vereinen engagiert sind als Schweizer. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Dummheiten machen. Für Killias liegt hier auch der Schlüssel zur Lösung des Problems. «Wir müssen dafür sorgen, dass die Jugendlichen ihr Freizeitverhalten in den Griff bekommen», sagt er. Oder anders formuliert: Es wäre zu begrüssen, wenn die Secondos vermehrt Hobbys in Vereinen pflegen würden. Der Kriminologe hält es deshalb für falsch, dass bei Angeboten wie dem Musikunterricht gespart wird. «Die Förderung von ausserschulischen, strukturierten Freizeitaktivitäten kommt die öffentliche Hand billiger, als später delinquente Jugendliche zu therapieren», sagt Killias. Bloss: In den Heimatländern sind jugendliche Serben, Kosovaren, Mazedonier und Bosnier braver, auch wenn dort vielleicht nicht so viele Freizeitmöglichkeiten locken wie in der Schweiz. Killias vermutet den Grund in der sozialen Kontrolle. Anders als in der Schweiz würden sich im Balkan vermehrt auch andere Personen als nur die Eltern in die Erziehung einmischen und korrigierend einschreiten, wenn Jugendliche Unsinn treiben.

Warnung vor Vollzugsnotstand

Die SVP propagiert derweil die Durchsetzungsinitiative als Mittel für eine tiefere Ausländerkriminalität. Für bestimmte schwere und im Wiederholungsfall auch weniger schwere Delikte würden straffällige Ausländer automatisch des Landes verwiesen. Die SVP verspricht sich mehr Sicherheit – auch wegen des präventiven Effekts der strengen Regeln. Für Killias, Mitglied der SP, ist es plausibel, dass die SVP-Initiative auf hier wohnhafte Ausländer eine abschreckende Wirkung entfalten kann. «Aber für die grösste Problemgruppe, die Kriminaltouristen, die gar keinen Aufenthaltstitel haben, ändert die Durchsetzungsinitiative nichts», gibt der Kriminologe zu bedenken. An eine sichere Schweiz dank der Durchsetzungsinitiative glaubt Killias nicht – zumal ein Vollzugsnotstand drohe. «Schon heute können Tausende abgewiesene Ausländer nicht in ihre Heimat zurückgeführt werden. Die Durchsetzungsinitiative würde das Problem verschärfen», so Killias.

«Durch die Initiative werden nicht mehr Asylsuchende ausgewiesen»

Abstimmungsda. Die Durchsetzungsinitiative der SVP trifft gemäss Eduard Gnesa, Sonderbotschafter für Migration, Asylsuchende nicht. Wird die Initiative am 28. Februar angenommen, würden deswegen nicht mehr Asylsuchende ausgewiesen. Für die Ausweisung von Asylsuchenden, die ein schlimmes Delikt begangen haben, gebe es bereits eine Gesetzgebung, sagte Gnesa in einem am Freitag veröffentlichten Gespräch mit der Westschweizer Zeitung «Le Temps». An dieser werde sich nichts ändern.

Häufigeres «Verschwinden»

Gnesa befürchtet jedoch, dass Bagatelldelikte nach einer Annahme der Initiative zu mehr Einsprachen, mehr längeren Verfahren und häufigerem «Verschwinden» führen. Damit meint er, dass Personen für die Verwaltung nicht mehr auffindbar sind. Der Sonderbotschafter äusserte zudem Bedenken, dass sich Länder, in die straffällig Gewordene zurückgeschafft werden sollten, für die Aufnahme wenig verantwortlich fühlen würden.

Dies umso weniger, wenn es sich um Secondos handle, die nie in dem Land gelebt hätten. Im vergangenen Jahr haben die Behörden die Spur von 3000 Asylbewerbern verloren, die in ihr Heimatland hätten zurückkehren müssen. Entweder weil es nicht gelungen sei, sie zu identifizieren, oder weil sie nach dem negativen Asylentscheid abgetaucht seien, erklärt Gnesa. Einige seien wahrscheinlich in der Schweiz geblieben, andere in ein anderes europäisches Land oder zurück in ihr Herkunftsland gereist.

Bessere Akzeptanz von Entscheiden

Gnesa äusserte sich zudem zum neuen Asylgesetz. Auch wenn dieses «unkontrollierte Abgänge» nicht zu verhindern vermöge, so zeigten doch die Erfahrungen im Testzentrum in Zürich, wo seit 2014 das beschleunigte Asylverfahren erprobt wird, dass die Asylbewerber ihren Asylentscheid besser akzeptierten.

Dies läge daran, dass sie von Beginn an über die Chancen ihres Asylgesuches informiert würden und ihnen von Anfang an ein juristischer Berater zur Seite stehe. Diese Verfahrensweise werde die Rückweisungen vereinfachen, glaubt Gnesa.

Drei Arten von Delinquenz als Untersuchungsobjekt

Studie. Martin Killias von der Universität St. Gallen beteiligt sich zum dritten Mal an einer internationalen Studie, in der die Jugenddelinquenz verglichen wird.

Fünf Länder im Vergleich

Für die Studie, bei der auch der Bund engagiert ist, hat Killias rund 6000 Jugendliche (13 bis 16 Jahre) aus den vier Balkanländern Serbien, Kosovo, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, rund 4000 Schweizer und rund 400 Secondos mit Wurzeln im Balkan zu ihrem kriminellen Verhalten in den letzten zwölf Monaten befragt.

Killias vergleicht drei Arten von Delinquenz:

  • leichtere Vergehen wie Vandalismus, Ladendiebstahl, Waffentragen oder Gruppenschlägereien;
  • schwerere Vergehen wie Körperverletzung und Raub;
  • Eigentumsdelikte wie Einbrüche, Fahrzeug- und Velodiebstahl, Entreissdiebstahl oder Autoknacken.

Immer das gleiche Muster

Bei allen Kategorien zeigt sich das gleiche Muster: Secondos mit Wurzeln im Balkan weisen die höchste Delinquenzrate auf, gefolgt von den Schweizern und den Balkanjugendlichen in ihren Heimatländern.

Die grössten Unterschiede zeigen sich bei Eigentumsdelikten. 20,3 Prozent der Secondos gaben an, in den letzten zwölf Monaten solche verübt zu haben. Bei den Schweizern waren es 12,5 Prozent, bei den Balkanjugendlichen in ihrer Heimat lediglich 3,2 Prozent.

Kari Kälin