STUDIE: «Versicherung löst kein Problem»

Bis 2045 sollen sich die Ausgaben für die Alterspflege verdoppeln. Der Bundesrat möchte dies via Pflegeversicherung lösen. Jérôme Cosandey von Avenir Suisse bevorzugt ein individuelles Pflegekapital.

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EIne Bewohnerin einer Pflegewohngruppe im Kanton Zürich. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

EIne Bewohnerin einer Pflegewohngruppe im Kanton Zürich. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Interview Tobias Bär

Jérôme Cosandey, heute werden die Kosten der Alterspflege von den Patienten, den Krankenkassen und der öffentlichen Hand getragen. Weshalb ist dieses Finanzierungsmodell nicht zukunftsfähig?

Jérôme Cosandey: Über die Hälfte der Kosten für die Alterspflege wird heute kollektiv finanziert, also mit Beiträgen der Kassen und mit Steuergeldern. Diese kollektive Finanzierung setzt einen Transfer von Jung zu Alt voraus. Durch die Alterung der Gesellschaft und die damit verbundene Kostenzunahme steigt die Belastung der aktiven Generation noch zusätzlich.

Welches Finanzierungsmodell schlagen Sie als Alternative vor?

Cosandey: Jeder Versicherte soll ein individuelles Pflegekapital bilden. Er soll also ab einem bestimmten Alter – zum Beispiel ab 55 Jahren – Geld auf ein Konto einzahlen, das er später für die eigene Alterspflege brauchen kann. Ersparnisse, die nicht gebraucht werden, können vererbt werden.

Sprechen Sie bewusst von Pflegekapital und nicht von Pflegeversicherung?

Cosandey: Ja. Eine Versicherung funktioniert nach dem Umlageverfahren. Das heisst, die Pflegeausgaben eines Jahres würden mit den Versicherungsbeiträgen des gleichen Jahres finanziert – analog zur AHV. Unser Modell richtet sich hingegen nach dem Kapitaldeckungsverfahren. Also nach demselben Prinzip wie etwa die dritte Säule – mit dem Unterschied, dass das Alterskapital obligatorisch wäre.

Der Bundesrat hält wenig vom individuellen Sparen für die Pflege. Er zieht das Modell einer Pflegeversicherung vor. «Das Ziel der Umverteilung muss klar sein», schreibt er in einem kürzlich veröffentlichten Bericht.

Cosandey: Mit einer Pflegeversicherung lässt sich das Problem des zunehmenden Drucks auf die jüngeren Generationen nicht beheben. Es verschärft sich eher noch. Ausserdem könnte das Pflegekapital eine kostendämpfende Wirkung haben. Ihr eigenes Kapital wollen Sie schützen und allenfalls vererben. Dadurch warten Sie vielleicht noch etwas zu mit dem Heimeintritt und suchen zuerst eine Lösung innerhalb der Familie.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Ideen und jenen des Bundesrates?

Cosandey: In seinem Bericht präsentiert der Bundesrat mehrere Modelle. In einem davon schlägt er vor, die heutige Trennung zwischen Pflege- und Betreuungsleistungen aufzuheben, die mit der neuen Pflegefinanzierung 2011 eingeführt wurde. Das ist auch unsere Idee.

Was versprechen Sie sich davon?

Cosandey: Müssen Sie eine pflegebedürftige Person aus medizinischen Gründen im Bett ernähren, dann gilt das heute als Pflegeleistung. Braucht die Person nur etwas Unterstützung im Speisesaal, dann handelt es sich um eine Betreuungsleistung, die vom Patienten bezahlt werden muss. Schaffen wir diese unterschiedliche Finanzierung ab, wird das Pflegepersonal administrativ entlastet.

Das Pflegekapital soll also sowohl die Pflege- wie auch die Betreuungsleistungen abdecken?

Cosandey: Ausgenommen wären nur die Kosten für die Hotellerie, also jene für den Aufenthalt im Pflegeheim. So sollen keine Anreize für einen Heimeintritt geschaffen werden.

Wie hoch müsste die monatliche Prämie sein, um die Pflege- und Betreuungskosten zu decken?

Cosandey: Wenn die Sparpflicht mit 55 beginnt und bis zum durchschnittlichen Alter des Heimeintritts – also bis 85 – dauert, dann müsste die monatliche Prämie etwa bei 250 Franken liegen.

Und das zusätzlich zu den Krankenkassenprämien. Das wäre eine erhebliche Zusatzbelastung.

Cosandey: Auf den ersten Blick mag die Zahl hoch erscheinen. Aber die Krankenkassenprämien müssten ja sinken, weil die Kassen entlastet würden. Ausserdem müsste das Pflegekapital von den Einkommenssteuern abgezogen werden können. Klar ist: Wenn jemand die Prämie nicht zahlen kann, dann muss der Staat einspringen. Es darf keine Zweiklassengesellschaft geben.

Sie haben die Idee eines Pflegekapitals erstmals vor zwei Jahren auf den Tisch gelegt. Die Debatte kommt nicht richtig in Fahrt.

Cosandey: Man hat immer noch das Gefühl, die Alterung der Gesellschaft sei nur ein Problem für die AHV. Dabei ist auch die Pflege betroffen. Das merken immer mehr Städte und Gemeinden. Sie bekommen die Demografie und die steigenden Pflegekosten zu spüren. Der Problemdruck ist also vorhanden, und er wird steigen.

Hinweis

Jérôme Cosandey ist Forschungsleiter Sozialpolitik beim liberalen Think-Thank Avenir Suisse.

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