STUDIE: Wehrpflicht ist wieder gefragt

Die Schweizer fühlen sich sicher, sind zufrieden und glücklich. Doch die unsichere Weltlage zeigt Wirkung. Die Abschaffung der Armee ist für viele heute kein Thema mehr.

Léa Wertheimer
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26. Juli 2010: Rekruten machen sich in Kehrsatz bereit für den Empfang des mazedonischen Präsidenten Gjorge Ivanov. Ein Offizier kümmert sich um den letzten Schliff für den perfekten Auftritt. (Bild: Keystone)

26. Juli 2010: Rekruten machen sich in Kehrsatz bereit für den Empfang des mazedonischen Präsidenten Gjorge Ivanov. Ein Offizier kümmert sich um den letzten Schliff für den perfekten Auftritt. (Bild: Keystone)

Die Eurokrise rüttelt an den finanziellen Säulen der EU. Krawalle erschüttern das sonst so friedlich scheinende Schweden. Vor den Toren Europas tobt ein blutiger Krieg. Das alles scheint die Schweizer nicht zu verunsichern, im Gegenteil: Sie fühlen sich so sicher wie noch selten zuvor. Sie sehen die Zukunft unseres Landes deutlich rosiger als noch im letzten Jahr.

Das zeigt die Umfrage «Sicherheit 2013» der ETH Zürich. «Die Schweizerinnen und Schweizer sind sehr zufrieden und glücklich», sagt Tibor Szvircsev Tresch, Soziologe an der Militärakademie. Jährlich fühlt er der Bevölkerung in Sachen Sicherheit den Puls. Acht von zehn Befragten beurteilen derzeit die Zukunft der Schweiz zuversichtlich. Nur 2011 sei eine noch optimistischere Sichtweise beobachtet worden, erklärt Szvircsev.

«Man will die Insel bewahren»

Deutlich düsterer sehen die Befragten die Lage in der Welt allgemein. Nur eine schwindende Minderheit von 9 Prozent erwartet eine Entspannung auf internationaler Ebene. In Europa klettert die Arbeitslosigkeit auf Rekordwerte, Unmut macht sich breit, führt zu Protestbewegungen, die EU sucht nach Lösungen für die Finanzkrise. «Das verstärkt das Sicherheitsgefühl der Schweizer», folgert Szvircsev.

Es führe vor Augen, dass es der Schweiz wirtschaftlich gut gehe und sie politisch stabil sei. Dieser Graben zwischen der ruhigen Schweiz und dem zerrütteten Europa hinterlässt Spuren in den Köpfen der Bevölkerung: «Man will sich abgrenzen, diese Insel der Glückseligen bewahren.» Noch nie sprachen sich in den Umfragen der ETH so wenige für eine Annäherung an die EU aus.

Die Wehrpflicht zieht wieder

In dieses Bild passen für den Soziologen die Resultate zur Wehrpflicht: Das Volk steht der Wehrpflicht markant positiver gegenüber, und das just im Jahr, in welchem die Bürger über die Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) abstimmen. «Wir haben im Hinblick auf die GSoA-Initiative bewusst diesen Schwerpunkt gesetzt, da wir einen Öffentlichkeitsauftrag haben», sagt Tibor Szvircsev.

Während im letzten Jahr noch knapp jeder Zweite die Wehrpflicht abschaffen wollte, war es heuer noch jeder Dritte. «Damit liegt die Ablehnung der Wehrpflicht im langjährigen Vergleich auf überaus tiefem Niveau», erläutert der Studienautor. Die Optionen Berufsarmee oder Freiwilligenmiliz schneiden deutlich schlechter ab als das aktuelle Modell. «Alle, die auf der Insel der Glückseligen wohnen, sollen einen Beitrag leisten für das Gemeinwohl», interpretiert Szvircsev dieses Resultat.

Doch er sieht auch andere Gründe für die breite Zustimmung. «Die Bevölkerung bildet sich zunehmend eine Meinung zum Thema Wehrpflicht, es sind nicht mehr so viele indifferent.» Grund dafür seien die «Monsterdebatten» im Parlament, aber auch ausgeprägte Informationskampagnen der Offiziersgesellschaften.

Tibor Szvircsev warnt davor, dies als mögliches Abstimmungsresultat zu sehen. Wenn die GSoA ihren Abstimmungskampf pointiert führe, könne die Stimmung noch umschlagen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt dies eindrücklich. Waren 2010 noch 45 Prozent der Befragten für eine Abschaffung der Wehrpflicht, sank der Wert auf 38 Prozent im Jahr 2011, um im Jahr 2012 erneut auf 48 Prozent zu steigen.

GSoA zeigt sich zufrieden

Die Zahlen sind keine guten Nachrichten für die GSoA. Doch geschlagen geben will sich Nikolai Prawdzic, Sprecher der GSoA, nicht: «Die Studie zeigt, dass ein Grossteil der Bevölkerung mit dem aktuellen Modell unzufrieden ist», kontert er. «Besonders jene, die aktuell Dienst leisten, wehren sich gegen den Zwang.» Das sei erfreulich.

Tatsächlich sind es die Jungen, welche eine Berufsarmee begrüssen würden. Die Umfrage zeigt, dass eine Mehrheit die Wehrpflicht unterstützt, aber dass 70 Prozent der Befragten die allgemeine Wehrpflicht durch eine Dienstpflicht ersetzen wollen. Dabei hätten Männer die Wahl zwischen Armee, Zivilschutz oder Zivildienst. «Es muss uns gelingen, die jungen und gesellschaftsliberalen Kreise anzusprechen, dann haben wir gute Chancen», sagt Prawdzic.

Soldaten und Schützen im Visier

Die Befürworter der Wehrpflicht blasen an diesem Wochenende zur Offensive. Während des Eidgenössischen Feldschiessens wollen die Schützenvereine den Teilnehmern neben der Munition auch den Propaganda-Flyer des Vereins für eine sichere Schweiz in die Hand drücken, wie der «Blick» gestern berichtete.

Der Verein führt die Nein-Kampagne gegen die GSoA-Initiative an und erhält nun wörtlich Schützenhilfe. Für linke Politiker eine unzulässige Aktion, schliesslich sei das Feldschiessen vom Bund subventioniert und dürfe nicht für Propaganda missbraucht werden. Nikolai Prawdzic stört das nicht, schliesslich sei die Schweiz eine Demokratie: «Das ist legitim.»

Die GSoA hat in ihrem Abstimmungskampf die Soldaten im Visier. «Wir sprechen sie gezielt an und zeigen ihnen, dass es auch Alternativen zur Wehrpflicht geben würde, wie etwa unser Modell der freiwilligen Miliz.»