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STUDIE: Zank um staatliche Umverteilung

Steht der Mittelstand wegen staatlicher Eingriffe am Ende schlechter da als die tiefsten Einkommensklassen? Eine Studie dazu stösst auf ­Kritik von Gewerkschaftern. Die Autorin relativiert.
Einkommen in der Schweiz (Bild: Grafik: Loris Succo)

Einkommen in der Schweiz (Bild: Grafik: Loris Succo)

Lukas Leuzinger

Am vergangenen Freitag ist die Fondation CH2048 mit einer Tagung im KKL in Luzern erstmals offiziell in Erscheinung getreten. Die Stiftung, die eine «global wettbewerbsfähige und verantwortliche Schweiz» zum Ziel hat, lud zur Diskussion über 27 Reformvorschläge zu den Themen Steuern und Transfers (Ausgabe vom Samstag).

Zu reden gab dabei eine Grafik, die auf einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur basiert. Die Ökonomin Monika Engler untersuchte darin, welche Haushalte am meisten zu staatlichen Leistungen beitragen und welche am stärksten davon profitieren. Sie versuchte dabei, sämtliche staatlichen (und staatlich verordneten) Leistungen in die Analyse einzubeziehen: von Renten über Gesundheits- und Bildungsausgaben bis zu Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Diese wurden anschliessend einzelnen Gruppen von Haushalten zugeordnet.

Die Studie kommt zum Schluss, dass die tiefen Einkommen am meisten staatliche Leistungen beanspruchen. Dieses Ergebnis entspricht durchaus der Idee staatlicher Umverteilung. Überraschender ist, dass die ärmsten Haushalte derart stark profitieren, dass sie am Ende besser dastehen als die mittleren Einkommensklassen (siehe Grafik). Wer also ein tiefes Einkommen hat und in den Mittelstand aufsteigt, wird gemäss den Zahlen unter dem Strich mit einer tieferen materiellen Ausstattung «bestraft». Erst ab einem Bruttoeinkommen von etwa 60 000 Franken geht es wieder aufwärts.

«Hetze» gegen tiefe Einkommen

Nicht nur an der Tagung sorgten die Zahlen für Diskussionen. Sie wurden auch von den Medien aufgenommen. «Der Mittelstand steht am schlechtesten da», titelte etwa der «Tages-Anzeiger». Der Artikel verzeichnete Hunderte Leserkommentare und wurde auf sozialen Medien gegen 1000-mal geteilt.

Auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) reagierte umgehend. In einem Beitrag auf seiner Webseite sprach er von einer «Hetze» gegen tiefe Einkommen, die von der wachsenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich ablenke. Der SGB kritisiert die Studie von Engler, die auf einer schwachen Datengrundlage beruhe. Zudem seien die Ergebnisse verzerrt, weil auch Renten aus AHV und Pensionskassen zu den staatlichen Transfers gezählt würden. «Hinter den ‹tiefen Einkommen› (...), die angeblich viele staatliche Leistungen erhalten, verstecken sich also hauptsächlich Rentner mit ihren rechtmässig erworbenen Renten», heisst es im Artikel.

Genauere Daten fehlen

Monika Engler ist erstaunt darüber, welche Resonanz ihre Untersuchung ausgelöst hat vor allem, weil sie bereits drei Jahre alt ist. «Offensichtlich ist seither in der Forschung zu diesem Thema nicht viel gegangen», sagt sie auf Anfrage. Das könnte auch an der schlechten Datenlage liegen. In diesem Punkt gibt Engler der Kritik des SGB Recht. Ihre Untersuchung basiert hauptsächlich auf einer Befragung des Bundes unter 3000 bis 4000 Haushalten. Genauere Daten – insbesondere auch solche auf Kantons- und Gemeindeebene – gebe es nicht.

Die Kritik, hinter den tiefen Einkommen stünden vor allem Rentner, weist Engler indes zurück. Zwar seien Renten ebenfalls in den Zahlen enthalten. Allerdings seien nur Haushalte erfasst worden, in denen sich mindestens eine Person im erwerbsfähigen Alter befinde. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Person frühzeitig in Pension ging oder dass andere Personen im Haushalt bereits das Pensionsalter überschritten haben. Dass dies die Zahlen stark verzerren würde, stellt Engler in Abrede.

Starke Umverteilung

Steht der Mittelstand also tatsächlich schlechter da als die untersten Einkommensschichten? So absolut will die Ökonomin die Aussage nicht stehen lassen. «Was man sicher sagen kann, ist, dass die Einkommen durch den Staat sehr stark ausgeglichen werden», erklärt Engler. Sie gibt aber zu bedenken, dass sich die Effekte teilweise kompensierten, wenn man die Einkommensentwicklung über eine längere Zeit im Idealfall über das ganze Leben – betrachte. Wer beispielsweise nach jahrelanger Erwerbstätigkeit invalid wird, erhält quasi Geld zurück, das er früher in die IV einbezahlt hat.

Dennoch könne man sich aufgrund der Zahlen fragen, «ob gewisse Risiken überkompensiert werden», sagt Engler. Der starke Ausgleich ist vor allem für mittlere Einkommen ein Problem: Gegen oben steigen die Einkommen auch nach staatlicher Umverteilung – relativ deutlich an. Dagegen wird die Differenz gegen unten durch staatliche Transfers zum Verschwinden gebracht – oder sogar umgekehrt.

«Wenn man merkt, dass man mit einem geringen Einkommen gleich gut dastehen kann wie mit einem mittleren, kann sich der Mittelstand nicht mehr abgrenzen», sagt Engler. Dies könne zu einem Anreizproblem werden und auch bei jenen Leuten zu Unmut führen, die grundsätzlich zur Solidarität bereit seien.

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