STUDIUM: «In vielen Familien reicht das Geld nicht»

Die Stipendien­initiative, die am 14. Juni zur Abstimmung kommt, soll das Stipendienwesen harmoni- sieren. Lea Oberholzer vom Verband der Schweizer Studierendenschaften erklärt, wieso.

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Mitglieder des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften (VSS) - in der Mitte Geschäftsleitungsmitglied Lea Oberholzer - bei einer Aktion auf dem Bundesplatz Ende April. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Mitglieder des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften (VSS) - in der Mitte Geschäftsleitungsmitglied Lea Oberholzer - bei einer Aktion auf dem Bundesplatz Ende April. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Interview Denise Lachat

Frau Oberholzer, die Stipendieninitiative steht im Schatten der anderen, kontrovers diskutierten Vorlagen vom 14. Juni. Woran liegt das?

Lea Oberholzer: Es liegt wohl daran, dass die Sache eigentlich recht simpel ist: Wir wollen mit unserer Initiative weder provozieren noch die Welt verändern, sondern schlicht einen fairen Zugang zu Stipendien gewährleisten. Das wird von den Medien weniger aufgegriffen als andere Themen. Aber wir richten unsere Kampagne ja direkt an die Familien und an die Studenten. Das Thema betrifft doch sehr viele Familien, vor allem wenn mehrere Kinder in Ausbildung sind. Diese stellen rasch einmal fest, dass das Geld Ende Monat nicht reicht, um nach der Lehre noch eine höhere Berufsausbildung oder die Meisterprüfung anzuhängen. Von der Stipendieninitiative sind viel mehr Personen betroffen, als man meinen könnte.

Sie haben also nicht nur die Uni- Studenten im Blick?

Oberholzer: Nein, es geht um den gesamten tertiären Bereich, also die Universitäten, die technischen Hochschulen ETHs, die pädagogischen Hochschulen, die Fach­hochschulen, die höhere Berufs­bildung wie beispielsweise die Meisterprüfung den ganzen Block nach Gymnasium oder Lehre also. Schätzungen der Erziehungsdirektoren zufolge sollten 15 bis 20 Prozent von diesen Personen in Ausbildung ein Stipendium erhalten. Heute liegt der Anteil bei 9 Prozent. Das ist der tiefste Wert seit 1990.

Woran liegt das?

Oberholzer: Die Kantone haben damals angefangen zu sparen, so simpel ist das leider. Dabei wurde im Hochschulbereich eigentlich viel gemacht: Das System wurde durchlässig gestaltet, und es wurde viel Geld in den dualen Bildungsweg investiert. Vergessen ging dabei aber der materielle Zugang zu diesen Ausbildungsgängen. So sind beispielsweise die verschiedenen Ausbildungen im Pflege­bereich aufgeteilt in Lehre, höhere Berufsbildung und Fachhochschule. Wenn der Zugang zur höheren Berufsbildung und zur Fachhochschule nicht gewährleistet ist, fehlt es am Ende an den Fachkräften in diesem Bereich.

Mit welchen Folgen für die Wirtschaft?

Oberholzer: Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation schätzt die Kosten des Fachkräftemangels allein im sogenannten Mint-Bereich, also bei den mathematisch-naturwissenschaft­lichen Berufen, auf 2,2 Milliarden Franken. Mit den 120 Millionen Franken, die unsere Initiative mehr kostet, wäre bereits ein schöner Beitrag geleistet, um diese Kosten zu senken.

Wo sollen diese Zusatzausgaben kompensiert werden?

Oberholzer: Hoffentlich nicht bei der Bildung. Aber es könnte ja beispielsweise im nationalen Finanzausgleich ein Topf geschaffen werden, da das Stipendienwesen auch weiterhin eine Aufgabe von Bund und Kantonen ist.

Stichwort Konkordat: Rennen die Ini­tianten nicht offene Türen ein, wo doch bereits heute 19 Kantone einen Mindestbetrag von jährlich 16 000 Franken für ein volles Stipendium ausrichten?

Oberholzer: Das Konkordat gibt zwar vor, dass die Mitgliedskantone keine unterschiedlichen Beiträge ausrichten sollen. Man muss aber nur einmal Zürich, Luzern und Waadt miteinander vergleichen, um zu sehen, dass die Unterschiede riesig sind.

Bitte erklären Sie das?

Oberholzer: In Zürich haben nur bis 25-Jährige das Recht auf ein volles Stipendium, was jene, die über eine Berufsmatura an eine Fachhochschule gelangen oder zusätzlich den pädagogischen Weg einschlagen, ausschliesst. Luzern hat diese Alterslimite nicht, begrenzt den Maximalbeitrag aber auf 12 000 Franken und verlangt von den Bezügern, den Rest über ein Darlehen zu decken. In der Waadt werden die Stipendien über die Sozialhilfe ausgerichtet und richten sich nach den effektiven Kosten die Beträge gehören zu den höchsten in der Schweiz. Das sind drei völlig unterschiedliche Systeme, aber alle sind konkordatskonform.

Der Mindestbetrag von 16 000 Franken soll Standard werden. Reicht das nicht?

Oberholzer: 16 000 Franken sind in Zürich nicht gleich viel wert wie in Freiburg, und es spielt auch eine Rolle, ob jemand zu Hause wohnen kann oder nicht. Wir gehen von einem Betrag zwischen 16 000 und 24 000 Franken aus, abhängig auch von der familiären Situation, den Ausbildungskosten und der Intensität des Studiums.

Ist das Ziel der Initiative denn, dass ein Studium ohne Nebenjob absolviert werden kann?

Oberholzer: Nein. Studenten sollen ihr Studium mit einem Nebenerwerb mit­finanzieren, es aber nicht gefährden. Gemäss Bundesamt für Statistik entspricht eine Ausbildung im Mint-Bereich einer 40-Stunden-Woche. Das ist schwer vereinbar mit einem Teilzeitjob von 50 Prozent.

Mehr Stipendien, mehr Studenten: Stimmt das wirklich? Studien zufolge hängt der Entscheid für eine höhere Ausbildung eher vom sozialen Hintergrund ab.

Oberholzer: Leider gibt es keine Erhebung dazu, wie viele Personen auf eine höhere Ausbildung verzichtet haben, weil die finanzielle Unterstützung gefehlt hat. Wir wissen aber, dass viele ihre Ausbildung abbrechen, weil das Geld nicht reicht. Es ist absurd, qualitativ hochstehende Bildung anzubieten, ohne dafür zu sorgen, dass der Zugang dazu gewährleistet ist.

Hinweis

Lea Oberholzer (27) aus St. Gallen ist Geschäftsleitungsmitglied des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS). Sie studiert an der Universität Freiburg Jus.