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SUBVENTIONSMISSBRAUCH: Wie die Post auf Abwege geriet

Überrissene Gewinnziele führten zum Postauto-Skandal. Alle wussten genau, was sie taten, erzählen ehemalige Kadermitarbeiter. Und sie verdienten gut daran.
Andreas Maurer, Lorenz Honegger und Doris Kleck
Rudolf Kollers «Die Gotthardpost» verziert ein Postauto. (Bild: Benjamin Manser (Flumserberg, 08. September 2016))

Rudolf Kollers «Die Gotthardpost» verziert ein Postauto. (Bild: Benjamin Manser (Flumserberg, 08. September 2016))

Von Andreas Maurer, Lorenz Honegger und Doris Kleck

Die Postkutsche in Rudolf Kollers Gemälde von 1873 rast den Gotthardpass hinunter – und kippt fast. Der technische Fortschritt bringt die Post an die Leistungsgrenze. Damals war es ein Pferdegespann, heute sind es Glasfasern und selbstfahrende Autos. Das Problem ist dasselbe: Wie kann das Unternehmen mit der Entwicklung schritthalten? Die Post wurde vom Kutschenbetrieb zu einem Mischkonzern, der den grössten Gewinn mit Finanzdienstleistungen erzielt und den Personenverkehr als Nebengeschäft betreibt. Er ist ein Fremdkörper, ein Überbleibsel aus der Geschichte, das zu einem System gehört, das nach anderen Regeln funktioniert.

Post-Konzernchefin Susanne Ruoff versuchte, alle Geschäftsfelder in den Gewinnbereich zu peitschen. Ihre Tochterfirma Postauto Schweiz AG macht 85 Prozent des Umsatzes im subventionierten Regionalverkehr. Deshalb darf sie kaum Gewinne machen. Nach der Enthüllung, wonach die Postauto AG 78 Millionen Franken Gewinn in der Buchhaltung versteckt hat, verteidigte sich Ruoff, persönlich nichts Verbotenes verlangt zu ­haben. Die Gesetzesverstösse hätten die Untergebenen der Tochterfirma begangen. So stellte sie Postauto-Chef Daniel Landolf und Finanzchef Roland Kunz per sofort frei. Gegenüber unserer Zeitung äussert sich erstmals Landolf selber. Er schweigt zu den Vorwürfen, zu seiner privaten Situation sagt er: «Für mich und meine Familie ist die Situation sehr belastend.»

Landolf und Kunz, zwei Bauernopfer?

Seine juristische Verteidigungsschrift machte der «Blick» publik. Der geschasste Manager dokumentierte darin, wie er die Konzernleitung regelmässig auf die mit legalen Mitteln unerfüllbaren Zielvorgaben hingewiesen hatte. Zwei ehemalige Kadermitarbeiter sind bereit, das System Postauto zu erklären. Sie bestätigen, dass ihr früherer Chef mit seinen Bedenken abgeblitzt sei. Der eine sagt: «Landolf und Kunz sind die Bauernopfer.» In der Geschäftsleitung von Postauto hätten alle gewusst, dass die Ziele nur mit Buchhaltungstricks erreicht werden könnten: «Der Finanzchef war einfach der arme Siech, der sie irgendwie umsetzen musste.» Der andere Ex-Postauto-Manager lobt Landolf. Er sei bei den Mitarbeitern beliebt gewesen und habe eine tiefe Fluktuation in seinem Bereich erreicht. Doch der Insider hat eine wenig schmeichelhafte Erklärung, weshalb Landolf tat, was man von ihm verlangte: «Boni waren ein Motivator, einen möglichst hohen Ebit zu erreichen. Sie sind wie das Rüebli vor der Nase des Esels.»

Landolf sass in der Konzernleitung, in der ein Mitglied durchschnittlich 650000 Franken kassiert. 180000 Franken sind Boni, wovon 20 Prozent an den Ebit des Konzernbereichs gekoppelt sind, den Gewinn vor Zinsen und Steuern. Der Ex-Postauto-Manager kritisiert: «Ich finde Ebit-bezogene Leistungsanreize falsch in einem Unternehmen, das zum grossen Teil keinen Gewinn erzielen darf. Was wir jetzt sehen, sind möglicherweise die Konsequenzen dieses Anreizsystems.» Verglichen mit dem Gesamtlohn ist der gewinnabhängige Anteil von etwa 30000 Franken klein. Er genügt aber, um sich am Jahresende einen Zweitwagen zu beschaffen. Es sind vier bis sechs Monatslöhne eines Postauto-Chauffeurs. Ein Busfahrer und Kontrolleur, der nach dreissig Dienstjahren kurz vor der Pensionierung steht, erinnert sich an seine Lohnverhandlungen. Die Verantwortlichen hätten immer gesagt: «Wir müssen Gewinne machen, sonst können wir nicht innovativ sein.» Wenn er darauf hingewiesen habe, dass im Regionalverkehr Gewinne nicht erlaubt seien, habe sein Chef gesagt: «Du kommst nicht draus.» Die aktuelle Situation sei verrückt: «Wir sitzen am Steuer, während unsere Passagiere auf den Bildschirmen die Schlagzeilen lesen.» Wenn er den Passagieren Zuschläge für ungültige Billette verrechnen müsse, heisse es: «Mich hängen Sie auf wegen einer Kleinigkeit, und Ihre Chefs tricksen mit meinen Steuergeldern.»

Nicht nur an der Basis ist das Unverständnis gross. Auch in den Chefetagen der ÖV-Branche hat Ruoff den Rückhalt verloren. Ueli Stückelberger, Direktor des nationalen Dachverbands der ÖV-Unternehmen, sagt: «Es ist für Postauto gar nicht möglich, mit legalen Mitteln im Regionalverkehr grössere Gewinne zu erzielen.» Die Gewinnziele der Post würden sich mit den gesetzlichen Vorgaben für den regionalen Personenverkehr von Postauto beissen. Er hinterfragt die von Ruoff verfügten Freistellungen: «Es sind sicher nicht diese beiden Personen, welche die gesamte Schuld tragen.»

SBB zeigen, dass es auch anders geht

Muss Postauto nun aus dem Postkonzern herausgebrochen werden, um das Geschäft den regionalen ÖV-Unternehmen zu übergeben? Stückelberger sagt: «So weit würde ich nicht gehen. Die SBB zeigen, dass man das gewinnorientierte und das subventionierte Geschäft sauber trennen kann.» Andere ÖV-Unternehmen hätten diese Probleme nicht, weil keines in ein derartiges System eingebunden sei: «Bei den meisten ist der regionale Personenverkehr das Kerngeschäft.»

Der Vertreter der Schweizer ÖV-Betriebe kritisiert zudem, wie der Skandal nun von einigen für die eigene Agenda ausgenützt werde. Preisüberwacher Stefan Meierhans forderte etwa eine Tarifsenkung. Stückelberger: «Das ist populistisch. Der Postauto-Bschiss geht nicht zu Lasten der Kunden, sondern der Kantone und des Bundes.»

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