SWISSCOY: Schweizer in blockiertem Land

Seit 15 Jahren engagiert sich die Schweiz für die Friedensförderung im Kosovo. Doch ihre Aufgabe führt bei Einheimischen auch zu Missverständnissen.

Sasa Rasic, Pristina
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Zwei Swisscoy-Soldaten patrouillieren mit dem Auto durch den serbischen Teil der Stadt Mitrovica im Kosovo. (Bild: Keystone/Christophe Bott)

Zwei Swisscoy-Soldaten patrouillieren mit dem Auto durch den serbischen Teil der Stadt Mitrovica im Kosovo. (Bild: Keystone/Christophe Bott)

Gerade als das Lachen nach HD-Soldat Läpplis letzter Pointe langsam ruhiger wird, setzen sie ein. Nach und nach beginnen die Rufe der Muezzins zum Abendgebet durch die Nacht zu hallen, vermischen sich zu einem melodiösen Stimmengewirr und werden zur akustischen Konkurrenz für den gemütlichen Filmabend. Dem einen oder anderen Angehörigen der Schweizer Armee, der sich für einen Moment in den kultigen Militärfilm «HD-Soldat Läppli» aus dem Jahre 1959 vertieft hat, wird in Erinnerung gerufen, dass man nicht in einem WK in der Heimat ist, sondern im Einsatz auf einer Militärbasis «Film City» im kosovarischen Pristina.

Vermeintlich stabile Lage

Die Schweizer Armee setzt sich seit 1999 für die Friedensförderung im Kosovo ein. Die rund 210 Mitglieder des aktuellen Swisscoy-Kontingents werden noch bis Oktober im Kosovo bleiben. Das Mandat der Swisscoy läuft noch bis mindestens Ende 2017 – im Frühling dieses Jahres hat das Parlament diese Verlängerung beschlossen.

Auf den ersten Blick macht die kosovarische Hauptstadt nicht den Eindruck eines akuten Krisengebiets. Im Stadtkern wird auf futuristisch wirkende Architektur gesetzt. Sonst dominiert das Orange von Ziegelsteinen, da vielen Häusern die Fassade fehlt – aber auch dies kein ungewöhnlicher Anblick für eine grössere Stadt auf dem Balkan. Ungewöhnlich wirkt eher die imposante Menge an «Auto Larje»-Angeboten – die Autowaschstrassen sind an praktisch jeder Strassenecke zu finden.

Doch die vermeintlich stabile Lage könnte unter Umständen schnell kippen, wie etwa die Unruhen diesen Sommer in der nordkosovarischen Stadt Mitrovica zeigen. Rund um die Räumung einer Strassenblockade auf der Austerlitz-Brücke, welche die Stadt faktisch in kosovo-serbisches und kosovo-albanisches Siedlungsgebiet teilt, kam es zu Ausschreitungen. Zudem stehen im Kosovo weitere Ereignisse an, welche das Verhältnis zwischen Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben weiter belasten könnten.Mit Spannung erwartet wird etwa das internationale Sondertribunal, das mutmassliche Kriegsverbrechen der kosovo-albanischen Seite aufarbeiten soll. Doch Blockaden in der kosovarischen Politik verzögern das Projekt. Das kosovarische Parlament versucht seit den Wahlen im Sommer bisher ohne Erfolg eine Regierung zu stellen und fehlende Mehrheiten verzögern wichtige Abstimmungen. «Der ethnische Konflikt zwischen Serben und Albanern scheint weniger akut als früher zu sein», sagt der Luzerner Major im Generalstab, André Stirnimann, stellvertretender nationaler Schweizer Befehlshaber im Kosovo. Viel mehr beschäftigen die Bevölkerung die blockierte Politik und die schlechte wirtschaftliche Situation.

An veränderte Situation angepasst

Die Swisscoy hat sich auf die veränderte Situation eingestellt. Mit der entspannteren Lage sind etwa LMT-Einheiten (Liaison and Monitoring Teams) gefragt. Sie machen sich in Gesprächen mit Bevölkerung und Behörden ein Bild der aktuellen Lage. Auf Basis dieser Meldungen treffen sie Entscheide über ihre Einsätze. Ausgewählte Informationen aus diesen Gesprächen werden unter anderem als Basis für operationelle Entscheide genutzt. Ansonsten übernimmt die Swisscoy ein breites Spektrum an Aufgaben: vom Geniezug, der Bauvorhaben realisiert, über den Einsatz bei der internationalen Militärpolizei bis zu den Sprengstoff- und Minenräumungsexperten.

Die Swisscoy orientiert sich wie die Einheiten der Nato-Länder (Kfor) an zwei Grundprinzipien im Kosovo: erstens an der Schaffung einer sicheren, bedrohungsfreien Umgebung (Safe and Secure Environment, Sase). Zweitens sollen die wichtigsten Transportrouten (Freedom of Movement, FOM) frei befahrbar sein. Dies weiss mittlerweile auch die Bevölkerung im Kosovo. So kann es vorkommen, dass Bürger oder Gruppierungen, denen von den lokalen Behörden nicht weitergeholfen wird – etwa falls Angestellten staatlicher Betriebe der Lohn nicht ausgezahlt wird –, sich entschliessen, eine Strasse absichtlich zu blockieren. Dies ruft zwangsweise Soldaten der internationalen Truppen auf den Plan, die bei einer solchen Situation intervenieren müssen und sich nachher um die Ursache des Problems kümmern.

Ab und zu kommt es auch zu falschen Erwartungen aus der Bevölkerung. Die Swisscoy darf ihre Ressourcen nicht einfach für zivile Zwecke einsetzen. Der Schweizer Armee ist die zivil-militärische Zusammenarbeit untersagt. Zu Missverständnissen führt etwa, dass andere internationale Truppen Einheiten für solche Projekte vor Ort haben, wie etwa die österreichische Armee. Für die Schweiz aber fallen solche Aufgaben in den Kompetenzbereich des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA) oder der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Hinweis

Bis Ende Oktober lesen Sie in unseren Zeitungen weitere Berichte aus den kosovarischen Städten Mitrovica und Prizren.