Tamara Funiciello tritt als Juso-Präsidentin zurück – «Leiser werde ich deshalb aber nicht»

Tamara Funiciello gibt in Aarau überraschend ihren Rücktritt als Präsidentin der Juso Schweiz bekannt. Leiser werde sie deshalb aber nicht, kündigt sie im Interview an.

Rolf Cavalli
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Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso Schweiz, tritt zurück. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso Schweiz, tritt zurück. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Damit hatten die wenigsten gerechnet: Nach drei Jahren an der Spitze der Jungsozialisten Schweiz (Juso) gibt Tamara Funiciello das Präsidium der Jungpartei ab. Das gab sie an der Delegiertenversammlung in Aarau am Samstagnachmittag bekannt.

Sie habe viel erreicht in drei Jahren und darum sei jetzt ein guter Moment zurückzutreten und anderen Platz zu machen. «Leiser werde ich deshalb aber nicht. Ich habe gar keine Zeit, leiser zu werden»!, sagt sie zu CH Media.

Mit ihr ist bei den Nationalratswahlen im Herbst zu rechnen. Dort tritt sie mit guten Chancen auf der Frauenliste der SP Bern an.

Geliebt und gehasst

Funiciello hatte sich als Juso-Präsidentin rasch einen Namen gemacht und gehört mittlerweile zu den bekanntesten linken Politikerinnen der Schweiz. Die Bernerin verschaffte sich mit unkonventionellen Aktionen (zum Beispiel mit einer BH-Verbrennung als feministische Protestaktion) von Anfang an viel Aufmerksamkeit und setzte mit ihrer unverblümten, teils derben Sprache neue Akzente in der politischen Debatte (Trump sei ein «rassistischer oranger Trottel», Kilchsperger ein «sexistisches Arschloch»).

Funiciello polarisiert wie kaum eine andere Politikerin in der Schweiz. Soviel Zuspruch sie bei Linken und vielen Jungen erhält, soviel Abneigung bis hin zu Hass zieht sie von politischen, meist anonymen Gegnern auf sich. Nach ihrer BH-Aktion erhielt sie Hunderte Schmähungen. Einen unrühmlichen Höhepunkt erreichten die Drohungen letzten Sommer, als Funiciello den Song «079» des Berner Duos Lo und Leduc als sexistisch bezeichnete. Funiciello musste sogar die Polizei einschalten.

Funiciello wollte sich jedoch nicht in die Opferrolle drängen lassen. Sie denke nicht daran, «die Fresse zu halten», sagte sie damals. Es brauche einiges mehr «als ein paar Hundert Trolls mit schlechter Grammatikkenntnis und ein paar Drohungen um mich zum Schweigen zu bringen».

Die 29-Jährige betont auf Nachfrage am Rande der Juso-Delegiertenversammlung, die vielen Aggressionen gegen ihre Person seien kein Grund für ihren Rücktritt als Juso-Präsidentin.

An der übernächsten Juso-DV im August wird Funiciellos Nachfolger oder Nachfolgerin gewählt.

«In 50 Jahren bin ich tot – bis dahin will ich noch einiges verändern»

Warum treten Sie gerade jetzt zurück?

Tamara Funiciello: Der Zeitpunkt passt. Ich habe mit den Juso grosse Projekte lanciert und abgeschlossen. Soeben haben wir die 99-Prozent-Initiative für mehr Steuergerechtigkeit eingereicht, am 14. Juni kommt der feministische Streik und dann gleise ich die Nationalratswahlen auf. Es ist jetzt ein guter Zeitpunkt, Platz für neue Kräfte zu machen.

Wollten Sie noch rechtzeitig den Absprung schaffen mit 29? Schliesslich heisst es bei den Jungen gerne: «Trau keinem über 30!»

(Lacht): Nein, ich habe mich nie komisch gefühlt deswegen. Aber drei Jahre sind lang. Die Juso ist dynamisch und erneuert sich ständig. Wir hatten zum Beispiel gerade ein neues Mitglied mit Jahrgang 2009.

Spielten die vielen Drohungen gegen Sie auch eine Rolle, etwas aus dem Scheinwerferlicht zu treten?

Nein, überhaupt nicht.

Das heisst, Sie werden auch in Zukunft mit auffälligen Aktionen in Erscheinung treten?

Ich mache Politik um etwas zu verändern und dazu muss man sich auch Gehör verschaffen. Das wird auch in Zukunft so sein. „Stören bis sie uns hören“ war mein Motto als Juso-Präsidentin.

Sie kandidieren für den Nationalrat. Lernt die Öffentlichkeit bei einer allfälligen Wahl dann eine etwas weniger laute Tamara Funiciello kennen?

Meine spitze Zunge war schon immer da und sie wird auch bleiben. Ich habe keine Lust leiser werden und ich habe keine Zeit leiser zu werden. In 50 Jahren bin ich tot. Bis dann will ich noch einiges verändern in dieser Gesellschaft.