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Tamy Glauser will in den Nationalrat: von Millionären, TV-Ansagern, Volkshelden und gescheiterten Sportlern

Tamy Glauser will für die Grünen in den Nationalrat. Als Quereinsteigerin ist sie in guter Gesellschaft. Längst nicht alle nationalen Parlamentarier haben die klassische Ochsentour absolviert. Sie sind Zugpferde für die Parteien, stossen aber auch auf Argwohn. Und: Berühmtsein allein ist keine Garantie für eine Wahl.
Doris Kleck
Model Tamy Glauser ist für ihren androgynen Look bekannt. Im Bild mit Freundin Dominique Rinderknecht. (Bild: Sandra Ardizzone)

Model Tamy Glauser ist für ihren androgynen Look bekannt. Im Bild mit Freundin Dominique Rinderknecht. (Bild: Sandra Ardizzone)

Kommt schon bald ein bisschen Glamour ins Bundeshaus? Model Tamy Glauser will für die Grünen in den Nationalrat. Die Geschäftsleitung der Zürcherpartei schlägt vor, dass Glauser auf die Nationalratsliste kommt, wie der «Blick» berichtete. Die Parteibasis entscheidet am 21. Mai über die Nomination. Bereits Glausers Grossvater Walther Hofer war Nationalrat: von 1963 bis 1979 für die SVP.

Der Coup hatte sich angebahnt. Bereits bei den letzten Bundesratswahlen wurde die 34-Jährige im Bundeshaus gesichtet – auf Einladung der Grünen. Glauser, die mit der ehemaligen Ex-Miss-Schweiz Dominque Rinderknecht liiert ist, hat sich auch schon mehrfach politisch geäussert. Zusammen mit ihrer Partnerin trat Glauser etwa in der «Arena» des Schweizer Fernsehens auf. Thema: Die Ehe für alle. Vor Monatsfrist sagte Glauser in dieser Zeitung zu den Grünen: «Politisch sind wir praktisch deckungsgleich. Sie teilen die Werte, die mir am Herzen liegen.» Nebst den Rechten für LGTB + will sich Glauser auch für die Nachhaltigkeit einsetzen.

Zugpferde, aber intern unbeliebt

Die Grünen Zürich stellen derzeit mit Balthasar Glättli und Bastien Girod zwei Nationalräte. Die Partei hat aber einen guten Lauf: Bei den Zürcher Kantonsratswahlen gewannen die Grünen neun Mandate. Die Chancen sind also intakt, dass die Grünen ihren dritten Sitz im Nationalrat, den sie vor vier Jahre verloren haben, zurückerobern könnten. Tamy Glauser könnte dank ihrer Bekanntheit ein gutes Zugpferd für die Grünen sein und auch helfen, neue Wähler anzusprechen. Quereinsteiger erhalten zudem in der Regel mehr mediale Aufmerksamkeit.

Das zeigte auch der Wahlkampf vor vier Jahren, wo viel über Roger Köppel (SVP), Magdalena Martullo-Blocher (SVP) aber auch Tim Guldimann (SP) berichtet wurde.

Ex-Skifahrer Paul Accola (links) im Gespräch mit Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher. (Bild: KEY)

Ex-Skifahrer Paul Accola (links) im Gespräch mit Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher. (Bild: KEY)

Quereinsteiger sind kein neues Phänomen. Professorin Stefanie Bailer untersuchte vor vier Jahren die Lebensläufe aller Nationalrätinnen und Nationalräte. Sie stellte fest, dass 23 Prozent Quereinsteiger sind. Gemäss ihrer Definition war ein Quereinsteiger vor seiner Wahl in den Nationalrat durchschnittlich 51 Jahre alt und nur sechs Jahre lang politisch aktiv. Eine andere Studie zählte bereits im Jahr 2000 15 Prozent Quereinsteiger im ganz engen Sinn, nämlich ohne jegliche politische Erfahrung. Politologin Bailer untermauerte mit ihrer Studie wissenschaftlich, dass Quereinsteiger mehrheitlich aus grösseren Kantonen stammen. In kleineren Kantonen hingegen ist die Ochsentour entscheidender für den Wahlerfolg. Und dass Quereinsteiger kritisch gegenüber Fraktionshierarchien sind. Allerdings, so zeigen die aktuellen Querelen in der SVP, können Quereinsteiger auch innerhalb der Partei einen schweren Stand haben. In der grössten Partei des Landes werden die Martullos, Matters und Köppels hinter vorgehaltener Hand auch abschätzig «Millionarios» genannt

Den Quereinsteigern gemeinsam ist, dass sie keine Ochsentour hinter sich haben: Den Weg von einem Amt auf Gemeindeebene über das Kantonsparlament bis hin zur Bundesebene kürzen sie ab. Sie haben unterschiedliche Biographien und Hintergründe. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie öffentlich bekannt sind. Eine Typologisierung.

Die Prominenten

Tamy Glauser wäre das erste Model im Nationalrat. Es ist aber gut möglich, dass sie nicht die einzige Kandidatin aus dem Show-Business bleibt. Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal hat schon vor längerer Zeit angekündigt, dass er sich für eine Kandidatur interessiert. Der Biobauer aus dem Val Lumnezia möchte für eine rechte Partei kandidieren, für welche ist unklar. Er würde seinen Schwerpunkt auf die Landwirtschaftspolitik festlegen. Traditionell gilt die SVP als Bauernpartei schlechthin. Blumenthal hat sich mit seiner Positionierung für die Juso-Initiative gegen die Nahrungsmittelspekulation und für die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen bei der SVP wohl aber keine Freunde gemacht.

Die Unternehmer

Christoph Blocher sieht ihn als Gegenstück zur «Classe Politique», den Unternehmer. Den Garanten für das Erfolgsmodell Schweiz. Alt ist das Klagelied, dass es zu wenige von ihnen im Parlament gibt. 2015 haben mit Martullo-Blocher und Digitec-Gründer und Franc-Carl-Weber-Mitbesitzer Marcel Dobler (FDP) aber zwei Unternehmer den Sprung in den Nationalrat geschafft, ohne die politische Ochsentour zu absolvieren. Auch Banker Thomas Matter sieht sich in dieser Kategorie. Ob 2019 andere berühmte Unternehmer antreten, ist unklar. Die FDP Solothurn bemüht sich, Ypsomed-Chef Simon Michel zu einer Kandidatur zu bewegen. Er politisiert sei kurzem im Solothurner Kantonsrat. Doch Michel lehnte ab. Dem «Bund»sagte er: . «Ich werde das Thema Nationalrat neu evaluieren, wenn ich 50 Jahre alt werde.» Das wird in 8 Jahren so weit sein – also rechtzeitig für die nationalen Wahlen im Jahr 2027.

Die Journalisten

Seit jeher gibt es Journalisten, die nicht nur über Politik berichten sondern auch Politik machen wollen. Waren es früher vor allem Zeitungsredaktoren, die nebenbei noch im Nationalrat sassen, wechseln seit einiger Zeit vor allem TV-Stars in die Politik. Weltwoche-Verleger Roger Köppel bestätigt als Ausnahme diese Regel. So kandidiert die in Bern bekannte Michell Renaud für die BDP für einen Nationalratssitz. Renaud arbeitete 20 Jahre lang als Moderatorin bei «TeleBärn». Nun setzt sie voll auf die Karte Politik. Vorbilder gibt es für Renaud viele: Die ehemaligen SRF-Leute Mathias Aebischer (SP/BE) und
Filippo Leutenegger (FDP/ZH) wurden ohne politische Erfahrung in das Bundesparlament gewählt. Der einstige «Tagesschau-Chef» Anton Schaller wurde von der LDU auserkoren, die Partei zu retten. Er politisierte zwar kurz im Nationalrat, wurde 1999 aber abgewählt und die Partei existiert heute nicht mehr. Quereinsteiger sind keine Erfolgsgaranten.

Die Sportler

Lange waren sie für die Parteien beliebte Zugpferde: Erfolgreiche Sportler oder Funktionäre. Der bekannteste unter ihnen, Adolf Ogi, brachte es innerhalb von neun Jahren vom Quereinsteiger zum Bundesrat. Seine Erfolge als Präsident des Schweizerischen Skiverbandes machten Ogi bekannt - verschiedenste Parteien buhlten um ihn. Ogi entschied sich für die SVP: 1979 wurde er Nationalrat, 1987 Bundesrat. Kandidaten aus dem Sport gab es immer wieder.

Alt Bundesrat Adolf Ogi. (Bild: KEY)

Alt Bundesrat Adolf Ogi. (Bild: KEY)

Mit Simon Schenk, ebenfalls SVP, sass auch einmal ein ehemaliger Trainer der Eishockey-Nationalmannschaft im Parlament. Zuletzt versuchte Judoka Sergei Aschwanden (FDP) den Wechsel in die Politik. Der Olympiabronze-Gewinner landete auf dem ersten Ersatzplatz. Zweimal gescheitert ist die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Schmidhauser. Auch der Bündner Paul Accola scheiterte 2011 kläglich. Der einstige Skifahrer kandidierte für die Liste der SVP International. Es ging also nie um eine Wahl, Accola sollte vor allem Stimmenfänger sein. Er sorgte, wie schon zu seinen Zeiten als Skifahrer für viel Unterhaltung. 2019 versucht sich nun eine Ex-Handballerin: Karin Weigelt kandidiert für die FDP St. Gallen. Die ehemalige Internationale hat einen bekannten Vater: Bereits Peter Weigelt politisierte im Nationalrat. Ebenfalls für die FDP.

Die Verbandsfunktionäre

Endlich mitentscheiden und nicht nur hinter den Kulissen lobbyieren: Für Verbände sind Funktionäre interessant, die gleichzeitig auch im Nationalrat sitzen. Ein Lobbyist vom Volk gewählt – einfach perfekt. So kandidiert dieses Jahr Stefan Brupbacher (FDP/ZH) für den Nationalrat. Die ehemalige rechte Hand von Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist heute Direktor von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinenindustrie. Brupbacher wurde auch Schattenbundesrat genannt. Er wandelt auf den Spuren von Hans-Ulrich Bigler. Der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes wurde vor vier Jahren in den Nationalrat gewählt, ebenfalls für die FDP Zürich. Margrit Kessler (GLP/SG) war bekannt als oberste Patientenschützerin, ehe sie 2011 für die GLP in den Nationalrat zog. Allerdings wählte das Volk Kessler vier Jahre später wieder ab. Die GLP, sie hat nebst der BDP die meisten Quereinsteiger, verlor damals drastisch. Unvergessen ist auch die Kandidatur von Jacques de Haller. Sie sorget innerhalb der Ärztegesellschaft FMH für böses Blut. Ein halbes Jahr nach der Nichtwahl in die grosse Kammer wählten ihn die Standeskollegen als FMH-Präsident ab. Nicht nur, aber auch wegen seiner Nationalratskandidatur für die Berner SP.

Die Unabhängigen

Er passt in keine Kategorie und ist dennoch national bekannt: Der Basler Thomas Kessler will 2019 für die Basler FDP in den Nationalrat. Kessler prägte von Basel aus die Drogen- und Integrationspolitik der Schweiz mit. Kessler trat erst 2018 in die FDP ein – dieser späte Parteieintritt ist durchaus typisch für Quereinsteiger. Ebenfalls, dass die Wahl auch auf eine andere Partei hätte fallen können. Gar keine Partei gewählt hat Thomas Minder: Der Vater der Abzocker-Initiative wurde von den Stimmbürgern des Kantons Schaffhausen bereits zwei Mal als parteiloser Ständerat gewählt und seine Chancen sind intakt, dass er dieses Jahr wieder gewählt wird. Minder hatte nie verhehlt, dass er sich nie für kantonale Politik interessiert hatte. Gewählt wurde er dennoch. Er gab sich als unbeugsamer, unerschrockener Kämpfer gegen die «Classe politique». Das Prägen einer Initiative kann ein gutes Sprungbrett für eine Politkarriere sein, muss aber nicht. Christine Bussat, Gründerin von Marche Blanche, reüssierte mit zwei Volksinitiativen an der Urne reüssiert – gegen den Willen von Bundesrat und einer Mehrheit des Parlaments. Vor vier Jahren kandidierte sie für die BDP Waadt für den Nationalrat. Scheiterte ab.

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