TARMED-REVISION: Kinderchirurgen befürchten Notfall

Der geplante Tarifeingriff ruft die Spezialisten nicht nur aus finanziellen Gründen auf den Plan. Sie sorgen sich vielmehr um die Qualität der Versorgung der Kinder und hegen einen Verdacht gegen den Bundesrat.

Balz Bruder
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Ein Kinderchirurg am Universitätsspital Lausanne während einer Herzoperation. (Bild: Gaëtan Ball/Keystone (August 2013))

Ein Kinderchirurg am Universitätsspital Lausanne während einer Herzoperation. (Bild: Gaëtan Ball/Keystone (August 2013))

Balz Bruder

Sie gehört nicht zu den lauten ärztlichen Fachgesellschaften. Umso bemerkenswerter ist das zwischen Hilfe- und Notruf schwankende Signal, das die Schweizerische Gesellschaft für Kinderchirurgie aussendet. Zwar findet es Generalsekretär Marc Schumacher gut, dass die Kinderärzte bei der Tarmed-Revision in der Grundversorgung zu den Gewinnern gehören. «Es ging aber vergessen, dass auch Kinder Spezialisten brauchen», sagt er. Konkret: Ein Leistenbruch wird nicht von einem Kinderarzt, sondern von einem Chirurgen operiert. Und solche Eingriffe werden derzeit so abgegolten, wie wenn sie an einem Erwachsenen durchgeführt würden. Künftig gar weniger gut als heute – die geplante Anpassung der Tarifstrukturen will es so.

Das ist gar nicht im Sinn der vereinigten Kinderchirurgen. Es geht um Geld, das auch. Aber es geht für die Mediziner vor allem um das Wohl der Kinder. «Jeder und jede, die jemals mit Kindern in besonderen Situationen zu tun hatte, kann sich vorstellen, dass die Arbeit im Operationssaal viel aufwendiger ist», sagt Schumacher, «denn Kinder haben Angst, verstehen nicht, was mit ihnen geschieht, und brauchen deshalb Geduld, Zuwendung – und viel Zeit.» Zeit, die nach dem vorgesehenen Tarifeingriff nicht mehr zur Verfügung stehen wird, wie Schumacher nicht ohne Grund befürchtet. «Das kann niemand wollen», sagt der Generalsekretär der Kinderchirurgen.

Die Frage nach dem vorsätzlichen Vergessen

Oder etwa doch? Hat der Bundesrat die Kinderchirurgie vorsätzlich vergessen? Schumacher hofft es nicht, fragt sich aber gleichwohl , ob das vielleicht doch so eingeplant worden sei. Er findet denn auch deutliche Worte an Gesundheitsminister Alain Berset: «Bitte sagen Sie, dass es durch Ihren Tarifeingriff nur Verlierer geben wird, und lassen Sie uns Eltern nicht im Glauben, unsere Kinder betreffe das alles überhaupt nicht.»

Marc Schumacher, selber als Leitender Arzt Kinderchirurgie an der Kinderklinik des Stadtspitals Triemli in Zürich tätig, sagt es plastisch so: «Es ist für niemanden nachvollziehbar, weshalb die Operation eines Säuglings einem Routineuntersuch gleichgestellt werden soll.» Diese Massnahme wird dazu führen, dass die Qualität der Eingriffe sinkt, da sie in Zukunft von unzureichend ausgebildeten Ärzten durchgeführt werden.

Entsprechend wehren sich die vereinigten Kinderchirurgen dafür, dass die Parameter bei den unter 16-Jährigen nicht weiter verschlechtert werden. Das fängt bei der Absenkung der Entschädigung an und hört bei Einschränkung der Konsultationszeiten auf.

Noch weniger freie Praxen, noch mehr Spitaleingriffe

Schumacher denkt dabei nicht nur an die Arbeit in den Kinderkliniken, sondern auch an die vergleichsweise günstige ambulante Kinderchirurgie in der freien Praxis. Der Generalsekretär der Gesellschaft befürchtet, dass die letzten freien kinderchirurgischen Praxen und Ambulatorien aus wirtschaftlichen Gründen verschwinden und sich die Eingriffe in die teureren Spitäler verlagern. Und diese haben ohnehin Mühe, die Kosten für die Kinderchirurgie zu decken. Zudem: «Reine Kinderspitäler, welche die Verluste der Kindermedizin nicht aus anderen Bereichen ausgleichen können, wird es besonders treffen», sagt Schumacher. Und baut darauf, dass der Bundesrat seine Pläne revidieren wird. Die Vernehmlassung über die Tarifstrukturen wird in diesem Monat abgeschlossen, die Anpassungen sollen zu Beginn des kommenden Jahres in Kraft treten. Insgesamt sollen rund 700 Millionen Franken eingespart werden.