TARMED: Spezialärzte befürchten Lohneinbussen bis zu 50 Prozent

Gesundheitsminister Alain Berset will das Tarifsystem der Ärzte, den Tarmed, anpassen. Die Krankenkassen freut’s, die Ärzte sprechen von einem Gesetzesverstoss.

Dominik Buholzer
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Beim Spezialarzt in der Sprechstunde. (Symbolbild Keystone)

Beim Spezialarzt in der Sprechstunde. (Symbolbild Keystone)

Dominik Buholzer

Es ist ein delikater Eingriff, den Bundesrat Alain Berset vornehmen will. Weil sich Ärzte und Versicherer nicht auf eine Gesamtrevision des Tarifsystems Tarmed einigen können, auf dem die Arztrechnungen beruhen, schickt sich der Gesundheitsminister an, die Sache an die Hand zu nehmen. Die Möglichkeit dazu gibt ihm seit 2013 das Gesetz; 2014 ist der Bundesrat erstmals eingeschritten.

Nun will er also erneut eingreifen. Vereinfacht ausgedrückt will der Bundesrat durch die Anpassungen die Transparenz erhöhen, das System sachgerechter machen, die Abrechnungen präzisieren und somit die Fehlanreize reduzieren.

Das alles hört sich wenig spektakulär an, soll aber unter dem Strich zu jährlichen Einsparungen von 700 Millionen führen. Der Fahrplan sieht vor, dass die Änderungen 2018 in Kraft treten, noch bis Mitte Juni läuft die Vernehmlassungsfrist.

Curafutura, dem die Krankenversicherer CSS, Helsana, KPT und Sanitas angehören, applaudiert erfreut. Bei den Ärzten sorgen die Pläne dagegen für rote Köpfe. Laut der Ärztevereinigung FMH führt der Eingriff zu zum Teil massiven Verzerrungen und verletzt die vom Gesetz geforderten Sachgerechtigkeit und Betriebswirtschaftlichkeit. «Der Tarifeingriff hinterlässt insgesamt ein wahres Trümmerfeld», schreibt der Verband in der «Ärztezeitung».

Spezialisten sprechen von Qualitätseinbussen

Besonders trifft es die Spezialisten. Sie haben berechnet, dass die Eingriffe in den Tarmed einen Umsatzrückgang um bis zu 30 Prozent und dadurch zu Lohneinbussen von bis zu 50 Prozent führen. Auch bei den Hautärzten ist der Ärger gross. Der Bundesrat werte die wichtigste Abrechnungsposition der Hautärzte ab, welche bis anhin die kostendeckende Arbeit gewährleistet habe. Wenn diese Position im nächsten Jahr wegfalle, sei die Zukunft vieler Hautärzte gefährdet, weil das betriebswirtschaftliche Führen einer Arztpraxis gar nicht mehr möglich sei. Hinsichtlich der Untersuchungsmethoden sei es in der Hautmedizin in den vergangenen Jahren zu keinerlei technischen Neuerungen gekommen, die eine Tarifreduktion aufgrund Zeitgewinn rechtfertigen würden, machen die Spezialärzte geltend.

Dem Luzerner Dermatologen Daniel Mahler geht es zuletzt aber nicht nur um den Lohn. Noch viel mehr stört ihn, dass die Qualität aufs Spiel gesetzt werde. Denn die Anpassungen beim Tarmed sehen zusätzlich vor, dass ein Arztbesuch auf eine Maximaldauer von 20 Minuten begrenzt werde und «unsere hautärztliche Leistung nur während 30 Minuten pro drei Monate abgerechnet werden darf». Dies wird laut Mahler dazu führen, dass schwierige und aufwendigere Fälle künftig an Spitäler delegiert werden, da der finanzielle Verlust aufgrund des Mehraufwandes durch eine Praxis nicht mehr getragen werden könne. Es werde also zu einer Kostenverlagerung kommen. «Es ist sehr, sehr frustrierend, dass man sich für die Betreuung eines kranken Menschen keine Zeit mehr nehmen darf», sagt Mahler. «Das Engagement für den Patienten sollte sich doch eigentlich noch lohnen. Aber Bundesrat Alain Berset fördert mit seinen Anpassungen genau das Gegenteil.» In der Praxis sei es heute so, dass er als Arzt bei Untersuchen immer wieder auf sogenannte Zufallsbefunde stosse.

Das heisst: Ein Arzt untersucht einen Patienten beispielsweise wegen Schuppenflechte und stellt dann beim Untersuch fest, dass der betroffene Patient auch noch an Hautkrebs erkrankt ist. Dies, so macht Mahler geltend, finde künftig nicht mehr statt. Mahler: «Der Leidtragende dieser ganzen Übung ist letzten Endes der Patient. Dies kann doch nicht im Interesse des Bundesrates sein.»