TECHNOLOGIE: Im Zweifel besser verzichten

Fitnessdaten sind heikel. Datenschützer Hanspeter Thür rät den Nutzern von sogenannten Wearables daher zu erhöhter Vorsicht.

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Technische Fitness-Hilfsmittel sind praktisch, bergen laut dem Datenschutzbeauftragten jedoch Risiken. (Bild: Getty)

Technische Fitness-Hilfsmittel sind praktisch, bergen laut dem Datenschutzbeauftragten jedoch Risiken. (Bild: Getty)

Interview Eva Novak

Hanspeter Thür, Wearables heissen die tragbaren Geräte am Handgelenk, welche die Fitness oder den Gesundheitszustand des Trägers messen. Warum beschäftigt sich der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte mit diesen praktischen Neuerungen?

Hanspeter Thür: Die Verkaufszahlen der Wearables sind im letzten Jahr geradezu explodiert. Millionen von Menschen tragen sie, und es werden ständig mehr. Je nach Anwendung und Ausgestaltung können sie die Privatsphäre gefährden. Deshalb haben wir den internationalen Datenschutztag zum Anlass genommen, um mit Experten zu diskutieren, wie weit die Sorgen berechtigt sind.

Worin liegt die Gefahr?

Thür: Die heiklen gesundheitlichen Daten, welche die Wearables sammeln, bleiben nicht auf dem Gerät und auch nicht auf dem Computer, auf die man sie überspielt. Die meisten Leute sind sich nicht bewusst, dass ihre Daten über eine Cloud zum Hersteller des Produkts übermittelt werden, zum Beispiel nach Amerika oder in ein anderes Land mit tieferem Datenschutzniveau. Oft weiss man nicht, was der Hersteller mit den Daten alles anstellt ob er sie nutzt, weiterverkauft oder anderweitig verwendet.

Haben Sie ein Beispiel, wozu das führen kann?

Thür: In den USA gibt es bereits Krankenversicherer, die Personen, die ihnen nicht alle Informationen zur Verfügung stellen, nicht mehr zu den gleichen Bedingungen versichern wollen. Wer in keinem sozialen Netzwerk präsent ist, zahlt am Schluss eine höhere Prämie mit der Begründung, man könne sein Risikoprofil nicht beurteilen, weil man das Freizeitverhalten nicht kenne.

Droht das auch bei uns in der Schweiz?

Thür: Im Moment sehe ich das eher nicht. Weil sich aber solche Trends mit einigen Jahren Verspätung auch bei uns ausbreiten, muss man wachsam sein.

Gemäss Experten spielt der Schweizer Datenschutz sonst weltweit in der obersten Liga. Wie sieht es bei den Wearables aus?

Thür: Da sind wir noch nicht so weit. Bei uns gilt ebenso wie in den übrigen Ländern Europas: Die Entwicklung verläuft dermassen rasant, dass auf gesetzlicher Ebene einiger Nachholbedarf besteht, um Missbräuche zu verhindern.

Welche neuen Gesetze braucht es?

Thür: Zunächst einmal müssen wir an die Verantwortung der Nutzer appellieren. Die meisten Konsumentinnen und Konsumenten wissen viel zu wenig darüber, was im Hintergrund dieser Geräte abgeht, und unterlassen es, sich darüber zu informieren. An sie ergeht der Appell, Verantwortung zu übernehmen und sich damit zu beschäftigen, wer mit ihren Daten was macht.

Muss ich als Nutzerin Dutzende von Seiten mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) lesen?

Thür: Das ist sehr mühsam, aber in der aktuellen Rechtslage unumgänglich. Deshalb haben wir im Datenschutzgesetz einen Paradigmenwechsel vorgeschlagen: Wenn der Nutzer ein Produkt kauft, soll er die Gewissheit haben, dass alles so eingestellt ist, dass mit seinen Daten kein Unfug betrieben wird, und dass der grösstmögliche Schutz gewährleistet ist, ohne dass er etwas unternehmen muss. Heute ist es umgekehrt: Wer sich schützen will, muss sich durch seitenlange AGB durcharbeiten.

Wann könnte ein Wechsel stattfinden?

Thür: Eine Revision des Datenschutzgesetzes ist in Vorbereitung, aber die Gesetzesmühlen mahlen langsam. Es wird also noch ein paar Jahre dauern.

Und bis dahin müssen sich die Nutzer gedulden?

Thür: Sie müssen sich wie gesagt informieren. Wenn sie danach sicher sind, dass mit ihren Gesundheitsdaten kein Unfug betrieben wird, können sie das Gadget benutzen. Sonst sollten sie besser darauf verzichten.