TERRORANSCHLAG IN BERLIN: Amris Waffe gibts ab 100 Franken

Die Justiz klärt ab, ob der mutmassliche Attentäter von Berlin seine Pistole in der Schweiz beschafft hatte. Die parlamentarische Aufsicht will nun Auskunft.

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Die Polizei untersucht das abgesperrte Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. (Bild: Michael Kappeler/Keystone)

Die Polizei untersucht das abgesperrte Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. (Bild: Michael Kappeler/Keystone)

Ab 100 Franken ist sie gebraucht in Schweizer Internetshops zu finden, die Pistole Erma 552 mit Holzgriffen, eine kleinere Kopie der bekannten Walther PPK, der sich der fiktive Geheimdienstagent James Bond bediente.

Traurig ist die jüngere Geschichte der Erma 552. Mit ihr dürfte Anis Amri am 19. Dezember einen polnischen Chauffeur erschossen haben. Mit dessen Lastwagen fuhr der Tunesier danach den Justizbehörden zufolge auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin und tötete elf Passanten.

In der Schweiz prüfen nun die Bundesanwaltschaft und das Bundesamt für Polizei Hinweise über die Pistole, wie sie dem Fernsehsender ZDF am Freitag bestätigten. Dessen Bericht zufolge könnte sich Amri die Waffe in der Schweiz besorgt haben. Die These ist plausibel. Amri könnte auf Kontakte in der Schweizer Islamistenszene zurückgegriffen haben: Rund 400 Personen stehen hierzulande unter Beobachtung des Nachrichtendienstes, weil sie als potenzielle Dschihadisten gelten. Das Überschreiten der Landesgrenze erschwert zudem die Überwachung. Das hatten sich auch die islamistischen Attentäter in Frankreich und Belgien zu Nutze gemacht.

Alex Kuprecht, Schwyzer SVP-Ständerat und Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation, des parlamentarischen Aufsichtsorgans über den Geheimdienst, sagt indes: «Der Informationsfluss zwischen unserem Nachrichtendienst und dem Partnerdienst in Deutschland funktioniert sehr gut.» Das wisse er von früheren Fällen und Hinweisen, über die er keine Auskunft geben könne. «Wie die Informationen im Fall von Anis Amri ausgetauscht wurden, werden wir anschauen», sagt Kuprecht. «Es ist allerdings denkbar, dass die deutschen Dienste selbst nicht über alles Wissen verfügten.» Nachdem die Bundesanwaltschaft ein Verfahren eröffnet habe, sei nun ohnehin nicht mehr primär der Nachrichtendienst dafür zuständig. Die Geschäftsprüfungsdelegation will sich aber weiterhin informieren lassen, sagt Kuprecht: «Wir werden den Fall bei unserem nächsten Treffen mit dem Bundesanwalt besprechen.» Die Tatwaffe von Berlin ist in der Schweiz für wenig Geld zu haben, wie die Preise in den Internetshops zeigen. Diese beziehen sich zwar auf legal gehandelte Pistolen. Für diese ist in der Schweiz ein Erwerbsschein nötig, den die kantonalen Behörden spezifisch für die zu kaufende Waffe ausstellen. Zudem muss der Käufer einen Pass vorweisen.

Der Besitzerwechsel muss dem Kanton und je nach Käufer auch dem Bund gemeldet werden und wird registriert. Denkbar wäre zwar, dass Amri sich mit gefälschten Dokumenten behalf. Doch wahrscheinlicher ist, dass er sich eine illegale Pistole kaufte. Rund 1,2 Millionen Schusswaffen sind in den Schweizer Registern eingetragen. Gemäss einem Bericht der angesehenen Genfer Organisation Small Arms Survey von 2014 dürften aber knapp dreimal so viele Waffen im Umlauf sein. Damit dürfte auch die jüngste Verbesserung der Waffenkontrolle den Behörden im Fall Amri nicht weiterhelfen. Seit November 2016 kann die Polizei mit einer einzigen Suche sämtliche kantonalen Register durchsuchen und den aktuellen Inhaber ausfindig machen, was Nachforschungen vereinfacht.

Fabian Fellmann