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TERRORISMUS: «Schweiz ist keine Insel der Glückseligkeit»

Erschüttert und traurig ist man nach den Terroranschlägen von Paris beim Muslimischen Verein Bern. Imam Mustafa Memeti sagt, jeder Einzelne, Muslim oder nicht, sei gefordert, sich gegen die Radikalisierung einzusetzen.
Imam Mustafa Memeti (53), fotografiert im Haus der Religionen in Bern. (Bild: Beat Mathys/«Berner Zeitung»)

Imam Mustafa Memeti (53), fotografiert im Haus der Religionen in Bern. (Bild: Beat Mathys/«Berner Zeitung»)

Interview Deborah SToffel

Mustafa Memeti, was haben Sie nach den Anschlägen in Paris empfunden?

Mustafa Memeti*: Meine Reaktion war dieselbe wie die unserer ganzen Gesellschaft: Mit grosser Trauer habe ich davon erfahren. Ich bin traurig, als Imam, als Prediger, als Muslim und als Bürger des Landes. Nicht nur die französische Bevölkerung ist betroffen von den Attentaten, sondern die ganze europäische Gesellschaft, ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit.

Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines solchen Anschlags in der Schweiz ein?

Memeti: Sie wissen, die Schweiz ist keine Insel der Glückseligkeit. Die kompetenten Instanzen sollten sich mit dieser Gefahr auseinandersetzen. Ich finde es in Ordnung, wenn die Schweiz präventive Massnahmen ergreift.

Es ist bekannt, dass junge Frauen und Männer oft in Moscheen für den Dschihadismus rekrutiert werden. Hat Ihr Verein ein Konzept, um das zu erkennen oder zu verhindern?

Memeti: Jeder Mensch in unserer Gesellschaft, und dazu gehören auch Moscheen und Vereine, ist verpflichtet, sich für die Prävention einzusetzen, jeder gemäss seinen Möglichkeiten. Grundsätzlich müssen sich alle verantwortlich fühlen. Unser Verein ist im Haus der Religionen an einem besonderen Ort. Hier sind Toleranz und Akzeptanz schon festgelegt. Diese Werte stehen bei uns über fast allem. Wir richten unsere Tätigkeiten immer nach diesen Werten aus. Ich kann von 99 Prozent der Leute, die meine Gemeinde frequentieren, sagen, dass sie von den Anschlägen erschüttert sind.

Was ist mit dem restlichen 1 Prozent?

Memeti: Die kennen wir nicht. Wir haben aktive und passive Mitglieder, und ich kann nicht für alle 100 Prozent versichern, dass sich darunter kein radikalisierter Muslim befindet.

Trotzdem: Wo sehen Sie Ihre Pflichten, etwas gegen die Rekrutierung für den Dschihadismus zu tun?

Memeti: Das Haus der Religionen gilt weltweit als Vorbild, was das Zusammenleben von Kulturen und Religionen betrifft. Wir sind konstruktiv im religiösen Dialog, es besteht zwischen Leuten verschiedener Glaubensrichtungen ein völliges Vertrauen. Wir stehen alle zusammen gegenüber Gefahren wie Terrorismus, Extremismus, Fundamentalismus, Patriotismus. Unser oberstes Ziel ist, dass sich immer mehr Leute kosmopolitisch verhalten, dass sie also offen und menschlich sind.

Terroranschläge können genau das Gegenteil bewirken, nämlich dass Muslime ungeachtet ihrer Gesinnung ausgegrenzt und als Feindbild gesehen werden. Droht uns diese Entwicklung in der Schweiz?

Memeti: Das Szenario scheint mir übertrieben. Wir befinden uns in der Schweiz in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat, der Freiheit und Privatsphäre rechtlich garantiert. Ich denke, die Muslime sollten keine derartigen Vorbehalte oder Ängste haben. Es gibt hier ja auch Instanzen, die Diskriminierung und Rassismus bekämpfen. An diese kann sich jeder, der missbraucht oder misshandelt wird, wenden.

Das ist die rechtliche Seite, haben Sie keine Sorge, dass die Stimmung kippt?

Memeti: Ich hoffe, dass sich das Klima gegenüber Muslimen nicht verschärft. Selber habe ich keine derartige Erfahrung gemacht. Zwar richtet sich die barbarische Attacke vom letzten Freitag auf den ersten Blick gegen Andersgläubige. Doch das ist nur ein Deckmantel. Sonst richtet sich Terrorismus gegen alle, auch gegen Muslime. Wir müssen gemeinsam eine Plattform aufbauen und gegen dieses Phänomen kämpfen und nicht einen Parallelismus errichten in unserer Gesellschaft. So schaffen wir nur Ängste auf beiden Seiten. Das ist genau, was die Terroristen wollen: alle Muslime in einen Topf werfen. Aber es ist falsch, dem Angriff eine religiöse Farbe zu geben. Terrorismus hat mit dem Menschen zu tun und nicht mit seiner Religion.

Inwiefern übernehmen Sie als Imam Verantwortung für die Menschen, die bei Ihnen ein und aus gehen?

Memeti: Wir sind einer von schweizweit etwa 300 muslimischen Vereinen. Und wir haben keine Kontrolle über alle, die unsere Gemeinden besuchen. Wir überwachen sie nicht. Wie anfangs gesagt, sollte jeder Einzelne seinen Beitrag leisten. Hat jemand negative Gefühle, weil sich etwa eine Person komisch verhält, sind wir verpflichtet zu intervenieren. Mit dem Ziel, den Menschen zu retten.

Haben Sie schon einmal persönlich interveniert?

Memeti: Nein, in meiner Gemeinde gab es noch nie den Verdacht, dass sich jemand radikalisieren könnte. Das Einzige, was ich als Imam machen kann, ist, mein Konzept in der Öffentlichkeit darzustellen. Es reicht nicht, in den Moscheen über Religion zu reden. Im Vordergrund sollten immer das Zusammenleben und die Freiheit der Menschen stehen. Ich bin Imam und Prediger, habe aber immer wieder klargemacht, dass es mir nicht primär um die Religion geht: Unsere Aufgabe sind die Menschen und ihre Bedürfnisse. Diesen wollen wir gerecht werden. Dann ist es unnötig, zwischen West und Ost zu richten.

Hinweis

* Mustafa Memeti (53) stammt aus Südserbien. Er hat in Syrien, Tunesien und Saudi-Arabien Theologie studiert. Seine Freitagspredigt wird jeweils in verschiedene Sprachen übersetzt, «damit sie nicht national verschlossen bleibt».

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