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Schweizer Psalm: Schüler im Tessin müssen ab sofort Hymnentests ablegen

Der Schweizerpsalm ist Pflichtstoff an der Volksschule im Kanton Tessin. Ein SVP-Kantonsrat stellt in einer Umfrage aber grosse Defizite fest. Jetzt reagiert das Erziehungsdepartement.
Kari Kälin
Bundesrat Ignazio Cassis geniesst den Auftritt der Kinder des Chores der Grundschule von Collina d’Oro während eines Festaktes zu seinen Ehren. (Bild: Francesca Agosta/Ti-Press (Montagnola, 18. Oktober 2017))

Bundesrat Ignazio Cassis geniesst den Auftritt der Kinder des Chores der Grundschule von Collina d’Oro während eines Festaktes zu seinen Ehren. (Bild: Francesca Agosta/Ti-Press (Montagnola, 18. Oktober 2017))

Als musikalisches Vorbild taugt die Schweizer Fussballnationalmannschaft nur bedingt. Die meisten Spielerlippen erstarren, wenn vor Anpfiff die Nationalhymne ertönt. Solche Nachlässigkeiten können sich die Schüler im Kanton Tessin künftig nicht mehr erlauben. Das Erziehungsdepartement (Decs) von Regierungsrat Manuele Bertoli (SP) hat Schulinspektoren, Schulleiter und andere Zuständige angewiesen, in diesem Schuljahr Hymnentests durchzuführen. Sie müssen prüfen, ob die Kinder den Schweizerpsalm (auf Italienisch: Quando bionda aurora il mattin c’indora ...) singen können. Das Decs will die Ergebnisse der Kontrollen so schnell wie möglich präsentieren, schreibt der Regierungsrat in der Antwort auf einen Vorstoss von Kantonsrat Tiziano Galeazzi (SVP). Wenn nötig, wird das Decs Massnahmen zur Verbesserung der Hymnensituation ergreifen.

Das Decs schickt die Inspektoren nicht ganz freiwillig auf Hymnenmission. 2013 votierte das Tessiner Parlament für ein Obligatorium an der Volksschule. Im letzten Jahr aber fand Tiziano Galeazzi dank einer privaten Umfrage via Facebook und weiteren Recherchen heraus, dass längst nicht alle Kinder mit den patriotischen Klängen vertraut sind. In einem Vorstoss listete er eine ganze Reihe von säumigen Schulen in diversen Gemeinden auf.

«Auch auf der Strasse haben mir viele Eltern bestätigt, dass ihre Kinder den Psalm an der Schule nicht gelernt haben», ergänzt Galeazzi.

Er gewann den «befremdlichen Eindruck», dass die Lehrer keine klaren Anweisungen zum Schweizerpsalm erhielten.

Der Regierungsrat räumte ein, das Decs habe die Hymnenkompetenz der Schüler bis anhin nicht spezifisch untersucht. Er verspricht nun, «dass der Entscheid des Kantonsrats respektiert wird». Deshalb prüfen die Schulinspektoren im Rahmen ihrer üblichen Besuche in den kommenden Wochen und Monaten auch, wie es um die Nationalhymne steht. Am Ende der Primarschule müssen ihn die Kinder singen können. Und zum Schluss der Sekundarschule müssen sie zum Beispiel reflektieren können, inwiefern der Schweizerpsalm nationale Identität stiftet.

Auch Kanton Genf kennt ein Obligatorium

Das Tessin ist nicht der einzige Kanton, an dem patriotische Gesänge Pflichtstoff sind. Auch der Kanton Genf kennt ein Hymnenobligatorium. Auf Inspektionen verzichtet jedoch das Erziehungsdepartement. Der Grosse Rat des Kantons Aargau stimmte im Jahr 2008 zwar einem Vorstoss zu, der die Landeshymne für obligatorisch erklärte. Den politischen Auftrag hat die Regierung aber nicht umgesetzt. Die Hymne sei jedoch in allen gängigen Lehrmitteln Bestandteil des Liedguts, teilt Simone Strub, Sprecherin des Bildungsdepartements, mit. Das Walliser Kantonsparlament hiess vor gut drei Jahren einen Vorstoss gut, welcher die Lehrer dazu ermuntert, an der Primarschule die Hymne zu unterrichten. Genau das Gleiche entschied im Jahr davor das Neuenburger Kantonsparlament.

In anderen Kantonen scheiterten politische Bemühungen zur Förderung des Schweizerpsalms. Der Solothurner SVP-Kantonsrat Roberto Conti wollte mit einer Hymnenpflicht dem «bereits fortgeschrittenen Identifikationsverlust in unserem Land» begegnen. Die Mehrheit des Parlaments lehnte es aber im vergangenen Mai ab, den Lehrern operative Vorgaben für den Schulalltag zu machen. Auch im Kanton Zürich scheiterte die SVP mit einem ähnlichen Vorstoss. In Schweizer Schulbüchern gehört die Landeshymne zur Standardausstattung. Im Lehrplan 21 figuriert der Schweizerpsalm als möglicher Schulstoff. Direkte Vorgaben erlassen die meisten Kantone nicht, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt.

Übrigens: Autor des Tessiner Vorstosses zur Hymnenpflicht war 2013 Marco Chiesa, der unteressen zum Nationalrat aufgestiegen ist. Das Obligatorium stärke die Schweizer Werte und Traditionen, sagte er gegenüber dem Tessiner Fernsehen. Er selber hat den Psalm nicht als Schulbube, sondern erst als gestandener Mann im Militär gelernt.

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