Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

TIERRECHTE: «Wir streicheln und schlagen sie»

Der Basler Philosophieprofessor Markus Wild hält unser Verhältnis zu Tieren für schizophren. Er fordert ein Umdenken im Umgang. Tiere sollen von Menschen nicht mehr als Eigentum erworben werden dürfen.
Dominik Weingartner
Ein Wellensittich sitzt in seinem Käfig in einem Tierheim. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Kloten, 20. Januar 2010))

Ein Wellensittich sitzt in seinem Käfig in einem Tierheim. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Kloten, 20. Januar 2010))

Interview: Dominik Weingartner

Markus Wild, ist es moralisch vertretbar, ein Haustier zu halten?

Ja, meines Erachtens ist es moralisch vertretbar, wenn man mit Haustieren wie Hunden oder Katzen zusammenlebt. Natürlich hängt alles von drei Faktoren ab: Wie lebt man mit Haustieren zusammen? Wie kommt man zu den Haustieren? Wie werden die Haustiere ernährt?

Können Sie das erklären?

Die artgerechte Haltung bezieht sich auf die Art von Tier, mit dem man zusammenlebt, die tiergerechte Haltung auf die individuellen Umstände der Haltung. Der letzte Punkt ist wichtig, weil es auch Bedürfnisse von Tieren aufgrund von Krankheit, Unfall oder Behinderung gibt, die ganz individuell sind. Wer mit einem Haustier zusammenlebt, aber nicht bereit ist, bei Krankheit, Unfall oder Behinderung Aufwand zu leisten, betrachtet das Haustier nur als «Sonnenscheingefährten», die weg müssen, wenn die Situation schwierig wird. Das geht gar nicht.

Wie sieht es mit dem Kauf von Haustieren aus?

Manche Quellen sind juristisch und moralisch sehr problematisch, wie etwa der unerlaubte Import von Welpen und der anonyme Handel im Internet. Man sollte sich auf jeden Fall überlegen, ob man nicht ein Tier aus einem Heim übernehmen kann. Weiter sollte man auf das Motiv achten. Tiere werden manchmal verschenkt, damit Kinder nicht mehr jammern, um mit ihnen einen Deal zu machen oder um ihnen Verantwortung beizubringen. In allen diesen Fällen ist das Tier Mittel zum Zweck, und der Schenker tut etwas Fragwürdiges.

Sollen Haustiere denn selber Fleisch essen dürfen?

Haustiere fressen oft Fleischprodukte, diese kommen in der Regel aus konventionellen Schlachthöfen, man wird dadurch Teil der Tierindustrie, zu der auch die konventionelle Landwirtschaft in der Schweiz gehört. Alle wissen, dass die Tierindustrie höchst problematisch ist. Sie verursacht Leid und Tod bei Tieren, belastet die Umwelt und die Gesundheit von Menschen. Da dies in vielerlei Hinsicht ethisch problematische Wirkungen der Tierindustrie sind, sollte man sich dabei nicht zum Komplizen machen. Alternativ kann man Bioprodukte benutzen, Hunde vegetarisch ernähren – bei Katzen wohl sehr schwierig – oder Hunde vegan – bei Katzen vermutlich nicht möglich.

Ist es überhaupt haltbar, das Haustier als sein persönliches Eigentum zu betrachten?

Gesteht man Tieren Grundrechte zu, und das bin ich bereit zu tun, sollte man Tiere nicht als Eigentum behandeln, denn das ist mit der Würde nicht vereinbar, sondern stattdessen andere rechtliche Beziehungen zu ihnen etablieren.

Wie könnte diese rechtliche Beziehung aussehen?

Gewisse Tiere sollten Grundrechte erhalten, nämlich ein Recht auf Leben und ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Mit der Würde eines Tieres ist es unvereinbar, dass man es besitzen, kaufen, verkaufen, als Eigentum erwerben kann. Das tun wir mit Kindern auch nicht.

Hat sich aus Ihrer Sicht der Umgang der Gesellschaft mit Tieren in den letzten 20 Jahren verbessert oder verschlechtert?

Der Umgang mit Tieren hat sich sowohl massiv verbessert als auch massiv verschlechtert. Verbessert in der Theorie, weil wir mehr über Tiere wissen, weil wir moralisch über Tiere nachdenken, weil wir Gesetze zum Schutz von Tieren erlassen. Verschlechtert in der Praxis, weil wir unser Wissen von unserem Alltag trennen, weil wir trotz moralischem Nachdenken immer mehr Tiere züchten, einsperren, töten und verschwenden. Das mag paradox wirken, spiegelt aber unser Verhältnis zu Tieren, das schizophren ist: Wir streicheln und schlagen sie, wir füttern und essen sie, wir betrachten sie als Lebewesen und als Maschinen.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?

Im Konsum von Tierprodukten. Fleisch und andere tierliche Produkte werden im grossen Stil industriell hergestellt. Wie bereits gesagt: Alle wissen, dass die Tierindustrie – und dazu gehört auch die Schweizer Landwirtschaft – ethisch problematisch ist. Die Lösung ist ganz einfach: Verzicht auf Fleisch, Leder, Pelzkragen und weitgehend auf tierliche Produkte.

Die Tierschützerszene in der Schweiz ist sehr heterogen. Schadet diese Heterogenität und teilweise auch der Extremismus nicht dem Anliegen des Tierschutzes?

Ja, die Szene ist heterogen. Ein kleiner Teil davon greift auch zu extremen Mitteln in dem Sinn, dass die Grenzen des rechtlich Zulässigen überschritten werden. Ein grosser Teil der Szene wird demgegenüber als extrem wahrgenommen oder diffamiert, obwohl er sich im Rahmen des Rechts bewegt, aber einfach eine Ansicht vertritt, die vielen Menschen nicht passt.

Berühmt für militante Aktionen ist die Animal Liberation Front (ALF). So wurden kürzlich in Deutschland Jäger-Hochsitze zerstört. Befürworten Sie solche Aktionen?

Ich stimme mit den Zielen wie jenen der ALF überein. Allerdings stimme ich nicht mit allen Mitteln überein, die die ALF zur Erreichung dieser Ziele einsetzt. Zu diesen Mitteln, mit denen ich nicht übereinstimme, gehört in erster Linie die Sachbeschädigung ohne direkten Nutzen für ein Tier, das sich in Not befindet. Das ist das Beispiel der Zerstörung der Hochsitze. Wie ist es aber mit einer Sachbeschädigung, die direkt einem Tier in Not hilft? Wenn man in einem Hundekurs fragt, ob es richtig sei, das Fenster eines Autos zu zerschlagen, das in praller Sonne steht und einen offensichtlich überhitzten und dehydrierten Hund enthält, dann sagen die meisten Kursbesucher: Aber sicher! Das ist Sachbeschädigung mit rechtfertigendem Notstand.

In England stören Menschen die Fuchsjagd, in Österreich die Gatterjagd auf Wildschweine. Das sind beides allen Grundsätzen der Waidgerechtigkeit widersprechende und höchst unwürdige Praktiken, sodass es legitim erscheint, sie zu stören. Auch die ökonomische Schädigung jener, die vom Leid der Tiere profitieren, kann ohne Sachbeschädigung erfolgen, indem man die Produkte boykottiert oder zum Boykott aufruft.

Es gibt viele Zusammenschlüsse junger Menschen in der Schweiz jenseits der ALF, die innovative Ansätze verfolgen und Initiativen lancieren, um Tieren zu ihrem Recht zu verhelfen. Ich richte meine Hoffnungen auf solche Gruppen wie Tier im Fokus, Animal Sentience oder Animal Rights Switzerland.

Zur Person

Markus Wild (46) ist seit 2013 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.