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TIERSCHUTZ: Streit um Geissen-Enthornung

Seit sieben Jahren dürfen Ziegenzüchter ihre Tiere nach einer Schnellbleiche selber enthornen. Tierärzte und Tierschützer laufen dagegen Sturm. Nun nimmt sich der Bund der Sache an.
Ein Geissbock mit Geissen, fotografiert auf dem Bramboden im Entlebuch. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Ein Geissbock mit Geissen, fotografiert auf dem Bramboden im Entlebuch. (Bild: Keystone/Sigi Tischler)

Mehr als 60 000 Menschen haben bereits die Volksinitiative der IG Hornkuh unterzeichnet, die dem Rindvieh wieder zu Hörnern verhelfen soll. Nur den wenigsten ist indes bewusst, dass sie sich mit ihrer Unterschrift auch für den Kopfschmuck der Ziege einsetzen – und dass es da im Gegensatz zur Kuh um Leben und Tod gehen kann.

In der modernen Landwirtschaft werden Kühe wie Ziegen in frühester Jugend ihrer Hörner beraubt, damit sie als erwachsene Tiere weniger Platz brauchen und einfacher zu halten sind. Es ist aber anspruchsvoller, ein Zicklein zu enthornen: Anders als beim Kalb, bei dem eine lokale Betäubung genügt, braucht es für den Eingriff beim Gitzi eine Vollnarkose. Ausserdem beanspruchen dessen Hörner einen grösseren Anteil der Schädeldecke, welche wiederum deutlich dünner ist als beim Kalb. Die Gefahr, das Gehirn zu verletzen, ist damit bei der Ziege viel grösser. Trotzdem dürfen Tierhalter diesen heiklen Eingriff seit 2008 selber vornehmen. Dazu müssen sie einen halbtägigen Kurs besuchen und das Gelernte auf dem eigenen Hof im Beisein eines Tierarztes anwenden – sprich den Hornansatz eines höchstens drei Wochen alten Gitzi ausbrennen. Danach dürfen sie die zur Vollnarkose nötigen Mittel beziehen und selber aktiv werden.

Dagegen laufen nicht nur Tierschützer Sturm. Auch Tierärzte, die sich vergeblich gegen die Lockerung der Vorschriften in der Tierschutzverordnung gewehrt haben, bekämpfen diese seitdem vehement. So distanzierte sich die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (STG) vor ein paar Monaten per Communiqué «von diesem gefährlichen und unverantwortlichen Vorhaben» – und rief ihre Mitglieder dazu auf, die Abgabe von Narkosemitteln an Personen ohne tierärztliche Ausbildung zu verweigern.

Ziegenzüchter dementieren

Nicht nur die Verabreichung einer Vollnarkose durch Laien sei potenziell tödlich, argumentieren die Tiermediziner. Der Eingriff an sich berge ebenfalls «nicht zu unterschätzende Risiken für die jungen Ziegen». Es könne zu einer «Überhitzung des Gehirns führen, wenn der heisse Enthornungsstab zu lange oder mit zu hohem Druck auf dem Köpfchen verbleibt». Kurz: Die Tiere leiden, wachen im Extremfall nicht aus der Narkose auf oder tragen Hirnschädigungen davon.

Die Tierärzte hätten ein finanzielles Interesse daran, die Hörner selber zu entfernen, weist Ursula Herren, die Geschäftsführerin des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes (SZZV), die Kritik zurück: «Mir ist kein einziger Fall bekannt, in denen die Schmerzausschaltung und Enthornung mit dem Tod des Tieres geendet hat.» Hingegen kenne sie Fälle von ernsthaften, durch Hörner verursachte Verletzungen, sagt die SZZV-Geschäftsführerin und untermauert ihre Aussage mit einem wenig appetitlichen Bild eines aufgeschnittenen Ziegeneuters.

Nur leichte Blessuren durch Hörner

Geissen könnten sehr gut mit ihren Hörnern umgehen, kontern Tierschützer und Tierärzte. «Ich habe noch nie eine Ziege mit einer von den Hörnern einer Artgenossin stammenden Verletzung gesehen», sagt Cesare Sciarra, der seit 15 Jahren den Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes leitet. «Wir sehen in unserer Klinik praktisch nie solche Fälle», bestätigte auch Adrian Steiner, Leiter der Wiederkäuerklinik an der Universität Bern, letzte Woche in der Sendung «Netz Natur» des Schweizer Fernsehens. Wenn es dennoch zu Verletzungen kommen sollte, so handelt es sich gemäss der Tierärzte-Gesellschaft meistens um leichte Blessuren wie Hautschürfungen oder Blutergüsse. Auf die Frage, was aus tiermedizinischer Sicht gefährlicher sei – eine Enthornung oder Verletzungen durch Hörner? –, nennt die Medienstelle der SGT unmissverständlich die Enthornung.

In Bern ist das Problem erkannt: «Es hat sich effektiv gezeigt, dass es in der Praxis mit der Enthornung Schwierigkeiten geben kann», sagt Nathalie Rochat vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Sie stellt in Aussicht, dass man die Angelegenheit zusammen mit den für die Kontrolle zuständigen Kantonen anschauen werde.

Eine Frage der Haltung

Mengenmässig handelt es sich um ein verhältnismässig kleines Problem. In der Schweiz leben nur etwa 85 000 Ziegen, gegenüber 1,5 Millionen Rindviechern. Man nimmt an, dass etwa 90 Prozent der Kühe inzwischen ein hornloses Dasein fristen. Bei den Ziegen wagt niemand eine Schätzung. Wildbiologen und Tierschützer weisen nur darauf hin, dass man ihnen besser die Hörner lassen sollte, da sie diese zur Kommunikation und zur Körperpflege benötigten. Letztlich sei es eine Frage der Haltung, sagt Martin Grisiger, stellvertretender Kantonstierarzt der Urkantone: «Wenn die Geissen genug Platz haben und dieser sinnvoll strukturiert ist, kommen sie auch mit Horn aneinander vorbei.»

Eva Novak

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