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Nach Tötungsdelikt an Siebenjährigem: Die Schulpsychologin im Interview

Seit dem Tötungsdelikt an einem Siebenjährigen betreut das Team der obersten Schulpsychologin Karin Keller die Betroffenen. Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» erzählt Keller, wie sie den Vorfall erlebt hat und erklärt, was in der Kommunikation mit Kindern nun besonders wichtig ist.
Mélanie Honegger

Eine Schule mitten im Trauerprozess: Einen Tag nach dem Tötungsdelikt an einem siebenjährigen Jungen ist die Betroffenheit an der Gotthelf-Schule in Basel gross. Erste Anlaufstelle für Lehrpersonen, Schulkinder und Eltern ist seither der Schulpsychologische Dienst.

Frau Keller, am Donnerstag verlor ein erst siebenjähriger Schuljunge völlig unerwartet sein Leben. Wie gehen Sie als oberste Schulpsychologin mit einem derartigen Fall um?

Die Situation ist für unser ganzes Team aussergewöhnlich. Der Vorfall macht uns betroffen und traurig. Es bleibt ein Ereignis, das uns erschüttert und das wir nicht einfach wegstecken können. Gleichzeitig waren wir gefordert rasch zu handeln, uns mit der Situation vor Ort vertraut zu machen und unsere Beratung und Unterstützung der Schulleitung Gotthelf anzubieten.

Wir haben als Psychologen eine professionelle Rolle und müssen handlungsfähig bleiben. Selten kann es vorkommen, dass jemand des Teams nicht in der Lage ist, in den Einsatz wahrzunehmen. Dann nehmen wir intern einen Abtausch vor.

Wie schaffen Sie es, mit dieser Belastung umzugehen?

Das Allerwichtigste scheint mir, seine eigenen Grenzen zu kennen und die Möglichkeit zu haben, sich mit anderen auszutauschen. Ein solches Ereignis stemmen wir nicht als Individuen, sondern als Kollektiv. Das gilt nicht nur für unser Team, sondern sollte auch für die Lehrpersonen, die Eltern und die Kinder eine Selbstverständlichkeit sein. Niemand sollte mit seiner Trauer allein sein.

Das Notfallteam des Schulpsychologischen Dienstes hat sich am Freitagmorgen mit allen Lehrpersonen des Gotthelf-Schulhauses getroffen und mit ihnen besprochen, wie sie mit dem Thema in ihrer Klasse umgehen können. Bei den Lehrpersonen und der Schulleitung habe ich dieses Miteinander sehr stark gespürt. Die Betroffenen wussten: Gemeinsam schaffen wir das.

Was sollten Lehrpersonen und Eltern beachten, wenn sie mit Kindern über das Geschehene sprechen?

Es ist wichtig, keine Erwartungen an den Trauerprozess zu haben. Kinder trauern anders als Erwachsene. Häufig schwanken sie stark zwischen Emotionen. Einige zeigen vielleicht gar keine Reaktion, andere reagieren intensiv. Das können körperliche Reaktionen sein, beispielsweise ein starkes Weinen oder Herzrasen, das können aber auch Gefühle wie Angst oder Wut, Gedankenkreise oder Verhaltensveränderungen sein.

Als Erwachsene sollten wir diesen Trauerprozess annehmen und den Kindern zeigen, dass wir da sind für sie. Es ist wichtig, den Kindern zuzuhören. Das Zuhören wird häufig unterschätzt. Häufig sind die Bewältigungsstrategien der Kinder aber viel besser, als wir meinen. Wir gehen davon aus, dass sich die meisten Kinder nach wenigen Tagen bis Wochen wieder erholt haben. Bei einzelnen kann es aber länger dauern. Auf sie sollten wir Rücksicht nehmen.

Wie geht es den Kindern vor Ort?

Bisher war ich vor allem mit den Lehrpersonen in Kontakt. Aber natürlich habe ich mitbekommen, wie sich die Kinder verhalten. Einige weinen, andere spielen wie gewohnt Fussball. Was in ihnen drin vorgeht, das wissen die Lehrpersonen oder die Eltern am besten. Gerade die Lehrpersonen haben im Moment die unglaublich herausfordernde Aufgabe, selbst zu trauern, für ihre Klasse aber auch Ansprechperson und Vorbild zu sein.

Wir möchten als Notfall-Team im Hintergrund aktiv sein. Es ist uns wichtig, dass den Kindern ihr gewohntes Umfeld erhalten bleibt und die Lehrperson die erste Ansprechperson bleibt. Den Lehrpersonen legen wir nahe, eine klare und ruhige Haltung einzunehmen. Dann strahlen sie Sicherheit aus. Das wirkt auf die Kinder stärker als Worte.

Und wenn die Kinder Fragen stellen, mehr wissen wollen?

Generell raten wir Lehrpersonen und Eltern, mit Informationen zurückhaltend zu sein. Wenn ein Kind aber mehr wissen möchte, dann ist das ein guter Prozess. Meist sind Kinder sehr gut darin, genau jene Fragen zu stellen, die ihnen die Bewältigung eines Erlebnisses erleichtern. Dann sollten die Erwachsenen ihre Fragen ehrlich beantworten. Es ist erlaubt, auch zu sagen, dass man etwas nicht weiss. Allerdings sollten sie dabei auf Spekulationen verzichten und die geeigneten Worte wählen. Die Sprache ist sehr wichtig, was den Verarbeitungsprozess betrifft.

Inwiefern?

Worte sind mächtig. Sie beeinflussen die Wahrnehmung und Interpretation eines Ereignisses. In diesem Fall würde ich darauf verzichten, im Gespräch mit einem Kind von „Gewaltakt“ oder „niederstechen“ zu sprechen. Das gilt auch für die Medien. Wir tragen als Gesellschaft eine Verantwortung dafür, keine zusätzliche Angst zu schüren. Es ist paradox, wenn wir vom Schulpsychologischen Dienst alles daran setzen, den Betroffenen Halt zu geben und gleichzeitig findet eine unsorgfältige Berichterstattung statt.

Der Psychologe Thomas Steiner riet in einem Interview mit «20 Minuten» Eltern, ihre Kinder fortan zur Schule zu begleiten. Was meinen Sie zu diesem Ratschlag?

Diese Aussage ist mir bekannt. Ich finde es bedauerlich, dass Fachpersonen das Gefühl haben so schnell eine Antwort bieten zu müssen. Ich glaube nicht, dass es eine adäquate Antwort ist, Kinder fortan zu begleiten. Das ist meiner Meinung nach eine vorschnelle Reaktion. Stattdessen wären Ruhe und Sachlichkeit angebracht.

Natürlich habe ich auch wahrgenommen, dass am Freitag viele Kinder zur Schule begleitet wurden. Das ist nachvollziehbar am ersten Tag nach einem solchen Ereignis. Allerdings glaube ich, ein derartiger Ratschlag bringt Eltern nur noch mehr in Bedrängnis. Er führt zu mehr Fragen, als er Antworten liefert.

Stehen Sie mit den Eltern der Kinder im Austausch?

Ja. Am Freitagmorgen fand in der Aula ein Informationsanlass für die sich spontan eingefundenen Eltern statt. Wir geben den Eltern die Botschaft mit, für ihr Kind da zu sein, seine Gefühle anzunehmen, ihm Zeit zu geben und auf seine Fragen altersadäquat und ehrlich zu beantworten. Alle Eltern, die zusätzliche Unterstützung brauchen, können sich an den Schulpsychologischen Dienst oder ans Universitäts- und Kinderspital UKBB wenden.

Wie werden die Eltern des verstorbenen Jungen unterstützt?

Die Schulleitung steht in Kontakt zu den betroffenen Eltern und geht da sehr feinfühlig vor. Die Schule fragt, was die Familie braucht, bietet die entsprechende Unterstützung an und weist auf das Unterstützungsangebot des Schulpsychologischen Dienstes hin. Es ist aber auch wichtig, die Eltern nun nicht mit Kontaktanfragen zu überhäufen. Wir machen ihnen Angebote, drängen uns aber nicht auf.

Welchen Ratschlag möchten Sie den Betroffenen mitgeben?

Ich hüte mich davor, Ratschläge zu erteilen. Grundsätzlich möchte ich allen Direktbetroffenen viel Kraft wünschen. Und ich hoffe, dass wir uns die Zeit nehmen können, dieses Ereignis auch langfristig zu verarbeiten. Bei solch tragischen Vorfällen besteht häufig die Gefahr, dass wir sowohl von uns als auch den Kindern erwarten den Trauerprozess bald abzuschliessen. Von diesem Druck sollten wir uns lösen. Ich hoffe, dass es die Gotthelf-Schule schafft, diesem Verarbeitungsprozess gemeinsam zu begegnen und ihm Vorrang zu geben.

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