Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Tomatensaft sorgt bei der Swiss-Crew für rote Köpfe

Als die Fluggesellschaft kürzlich Tomatensaft auf allen Europaflügen einführte, jubelten viele Passagiere. Doch beim Kabinenpersonal gehen die Wogen hoch. Die Kritik kommt nicht von ungefähr.
Benjamin Weinmann
Der Swiss-Crew stösst der Tomatensaft-Service sauer auf. (Bild: Keystone)

Der Swiss-Crew stösst der Tomatensaft-Service sauer auf. (Bild: Keystone)

Normalerweise verschickt die Fluggesellschaft Swiss Medienmitteilungen, wenn sie Wichtiges zu berichten hat: Den Kauf von teuren Flugzeugen, veränderte Ausreiseformalitäten in den USA oder Kooperationen mit anderen Airlines. Ende Juli dann dies: «Swiss führt Tomatensaft auf Europaflügen ein».

Auch wenn die Relevanz dieser News als gering bezeichnet werden darf, so war das mediale Echo gross. Auch zahlreiche Kunden meldeten sich auf Social Media zu Wort und bejubelten den Entscheid, da das rote Fruchtgemüsegetränk bisher nur auf der Langstrecke verfügbar war, und auf Europaflügen nur in der Business-Klasse. Dieser Misere setzte die Swiss ein Ende.

Doch nun zeigt sich: Der Entscheid stösst dem Swiss-Personal sauer auf. Im neusten Magazin des Kabinencrew-Personalverbands Kapers schreibt ein Vorstandsmitglied über die Ärgernisse, welche die Erweiterung des Saftsortiments an Bord mit sich bringt. Denn der Platz in den Getränketrolleys ist begrenzt. Die Flight Attendants müssen sich also entscheiden, was sie auf Kosten des Tomatensafts nicht beladen, zum Beispiel Cola oder Kaffee. Doch wenn es dann einem Passagier just nach diesem Getränk gelüstet, ist der Gang in den Küchenbereich nötig – was zusätzlichen Stress fürs Personal bedeutet, um alle Passagiere rechtzeitig bedienen zu können.

«Unausgegorene Idee»

Das Kapers-Vorstandsmitglied kommt im Editorial des Verbandsmagazins deshalb zum Schluss: «Es ist unmöglich, alle vorgesehen Getränke in die Schublade auf den Trolley zu stellen.» Getränke ausserhalb der Schublade zu platzieren sei auch keine gute Idee, «da diese beim kleinsten Schubs umfallen und sich über die nichtsahnenden Passagiere ergiessen.»

Es handle sich hier um eine unausgegorene Idee der Firma, für die keine Testflüge durchgeführt worden waren. Die Swiss habe das Thema «marketingtechnisch ausschlachten» können. «Aber sind wir ehrlich, ich glaube niemand bucht einen Flug extra bei Swiss, nur weil er/sie dort einen Tomatensaft bekommt.» Komme hinzu, dass aufgrund der Arbeitserfahrung des Vorstandsmitgliedes pro Flug im Schnitt gerade mal ein Tomatensaft verlangt werde.

Die Swiss sieht es anders, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt. Man habe Tomatensaft «auf vielfachen Kundenwunsch» eingeführt und nach zwei Monaten sehe die Bilanz positiv aus: «Das Angebot wird von unseren Fluggästen sehr geschätzt.» Nichtsdestotrotz nehme man die Kritikpunkte der Kabinencrew ernst und man befände sich mit dem Verband im kontinuierlichen Austausch.

Finanzielle Einbussen

Im Kern geht es aber nicht nur um den Tomatensaft. Kapers-Präsident Denny Manimanakis sagt, der Tomatensaft sei bei der Crew ein Sinnbild geworden für den stetigen Serviceaufbau, den die Swiss in den vergangenen Jahren zu Lasten des Personals vollzogen habe. «Der Tomatensaft hat das Fass quasi zum Überlaufen gebracht», sagt Manimanakis.

Denn die Arbeit in der Kabine werde immer anspruchsvoller und zeitintensiver, so dass gar sicherheitsrelevante Kernaufgaben und gesetzlich vorgeschriebene Pausen dadurch gefährdet würden. Deshalb begrüsse er die Gesprächsbereitschaft der Swiss. Komme hinzu, dass auch der Duty-Free-Verkauf unter dem Zusatzaufwand massiv leide, was bei der Firma und den erfolgsbeteiligten Mitarbeitenden für finanzielle Einbussen sorge.

Der Fall zeigt, dass das Verhältnis zwischen Kabinenpersonal und Management nach wie vor angespannt ist. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen bezüglich den Anstellungsbedingungen, zum Beispiel im Bezug auf die Einsatzplanung, den Lohn oder die einst ausgebliebene Weihnachtsgratifikation.

Fakt bleibt, dass Tomatensaft bei vielen Flugreisenden eine fast schon mythische Beliebtheit geniesst. Laut der Swiss gibt es dafür durchaus Gründe. So seien Tomaten Träger des Umami-Geschmacks, womit würzige Noten bezeichnet werden. Nach salzig, süss, bitter und sauer gelten sie als fünfte Dimension des Geschmacks. Und da die Geschmacksnerven in der Luft generell weniger sensitiv seien als am Boden, hätten Passagiere ein verstärktes Bedürfnis nach etwas besonders Würzigem – so die Erklärung der Airline.

Shitstorm bei United

Die Swiss-Mutter Lufthansa ging dem Thema noch genauer auf den Grund. Sie beauftrage ein wissenschaftliches Institut die Geschmackswahrnehmung zu analysieren. Demnach wird Tomatensaft am Boden geschmacklich als erdig und muffig beschrieben, während er unter Kabinendruck mit angenehm fruchtigen Gerüchen aufwartet und süsse, kühlende Eindrücke dominieren. Bei der Luftgesellschaft im Nachbarland Österreich werden laut Angaben der Austrian Airlines 180 000 Liter Tomatensaft pro Jahr konsumiert.

Wie emotional der rote Saft im Plastikbecher ist, zeigte zuletzt der Fall von United. Die US-Fluggesellschaft nahm den Tomatensaft aus dem Verkehr – und sorgte damit online für einen «Shitstorm». Und dies, obwohl genaue Datenanalysen gezeigt hatten, dass nur eine sehr kleine Anzahl der Gäste tatsächlich Tomatensaft bestellen, wie die Digitalchefin der Airline sagte. «Aber diese Tomatensaft-Trinker sind offenbar extrem lautstark und präsent auf sozialen Medien», sagte die Digitalchefin der Airline. Und dennoch: Der Aufschrei wirkte. Seither gibt es auch an Bord von United wieder Tomatensaft.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.