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TOURISMUS: «Auf vielen Hochzeiten tanzen»

Das Schweizer Hotelgeschäft stabilisiert sich auf mittelprächtigem Niveau. Doch die Aufhebung der Euro-Untergrenze schreckte die Branche erneut auf. Das sagt der Tourismus-Wissenschaftler zu den Folgen.
Interview Rainer Rickenbach
Asiatische Touristen, hier auf dem Titlis in Engelberg, bescherten der Schweiz im Jahr 2014 mehr Hotelübernachtungen. (Bild Philipp Schmidli)

Asiatische Touristen, hier auf dem Titlis in Engelberg, bescherten der Schweiz im Jahr 2014 mehr Hotelübernachtungen. (Bild Philipp Schmidli)

Interview Rainer Rickenbach

Urs Wagenseil, welche Folgen bringt es für das Tourismusgeschäft mit sich, wenn der Euro keine 1.20 Franken mehr wert ist?

Urs Wagenseil*: Bis zum Frühsommer dürften sich die Folgen in Grenzen halten, da ein schöner Teil der Verträge von Bergbahnen oder Hotels mit den Reiseveranstaltern und Direktbuchungen von Einzelreisenden noch vor dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank abgeschlossen wurden. Im Sommer und ganz bestimmt in der nächsten Wintersaison bekommt die Schweizer Tourismusbranche den noch stärkeren Franken aber wohl deutlicher zu spüren. Wenn auch regional unterschiedlich: Graubünden mit seinen vielen deutschen Gästen stärker als das Wallis mit den zahlreichen britischen und amerikanischen Wintersportlern. Dass die ohnehin schon teure Schweiz noch kostspieliger geworden ist, wird im Ausland sehr wohl wahrgenommen.

Was sagen die Leute dort?

Wagenseil: Ich komme soeben aus dem Ausland zurück. Dort hiess es oft: Wir wünschten gerne zu kommen, aber wir können uns die Schweiz nicht (mehr) leisten.

Die Marketing-Organisation Schweiz Tourismus setzt in erster Linie darauf, die Schweizer dazu zu bewegen, Ferien öfter im Inland zu verbringen. Genügen schöne Plakate an den Bahnhöfen als Mittel gegen günstigere und moderne Wellness-Hotels in Österreich?

Wagenseil: Schweiz Tourismus kommt gar nicht darum herum, um die Inländer zu buhlen. Es ist nicht nur eine Pflicht für die Tourismuswerber, sondern auch sinnvoll, denn die Schweizer Touristen sind in der Schweiz die wichtigste Gästegruppe und vergleichsweise reisefreudig und zahlungskräftig. Zahlreiche ausländische Touristendestinationen umwerben sie zukünftig zudem noch stärker. Es käme schlecht an, wenn ausgerechnet die eigenen Touristiker den Heimmarkt vernachlässigten, erst recht, weil sich hier das Währungsproblem nicht oder weniger stellt. Und die Schweiz hat mehr zu bieten, als sich viele ihrer Einwohner bewusst sind.

Trotzdem tummeln sich Zehntausende von Schweizern in Österreich oder in Südtirol für wenig Geld auf genauso schönen Pisten.

Wagenseil: Der Einkaufstourismus nach Waldshut, Weil, Konstanz usw. macht deutlich, dass die Schweizer die Vorteile des starken Frankens zu nutzen wissen. Warum sollten sie es bei ihrem Ferienverhalten nicht auch tun? Umso stärker sind die Schweizer Tourismusakteure und -vermarkter gefordert. Sie haben auch schon viel unternommen, doch sie allein können es nicht richten.

Wen braucht es denn noch?

Wagenseil: Die Politik auf allen Ebenen, national, kantonal, lokal, muss mithelfen. Ihre Abläufe müssen schneller werden, und tourismusförderliche wie -relevante Initiativen und Investitionen müssen Tourismusstrategie-konformer umgesetzt werden. Tourismus ist wohl eine Branche, aber primär ein volkswirtschaftlich bedeutsamer Wirtschaftszweig, der vielerorts die höchste Bedeutung hat; dies zum Beispiel im Bereich des Schaffens eines bedeutsamen Arbeitsplatzangebotes.

Die Tourismusverbände fordern von der Politik, den zeitlich begrenzten, vergünstigten Mehrwertsteuer-Beherbergungssatz von 3,8 Prozent in der Verfassung zu verankern. Nur: Ist dieses Anliegen mit Blick auf die anderen Exportbranchen berechtigt?

Wagenseil: Es mag nach einer Sonderbehandlung aussehen. Doch auch die anderen Ausfuhr-Wirtschaftszweige kommen in den Genuss von staatlicher Unterstützung, sie stehen damit bloss nicht so sehr im Schaufenster wie der Tourismus. Die Exportrisikogarantie oder Währungsabsicherungen sind zwei Beispiele dafür.

Das Tourismusland Schweiz hat mit sinkenden Zahlen von Gästen aus dem Euroraum zu kämpfen und schleust gleichzeitig immer mehr asiatische Gäste durch die touristischen Hotspots des Landes. Welche Strategie empfehlen Sie bei dieser Ausgangslage?

Wagenseil: Die Schweiz soll auf vielen Hochzeiten tanzen. Während der zurückliegenden Jahre nahm zum Beispiel die Zahl der Gäste aus Russland stark zu. Dieses Jahr dürfte sie sinken. Ist die Wirtschafts- und Politkrise dort überwunden, kommen sie wieder. Ähnlich verhielt es sich mit den Japanern, die vor 30 Jahren zum ersten Mal in Gruppen die Schweiz besuchten und hier heute vermehrt als Individualgäste unterwegs sind. Ein ähnliches Auf und Ab könnte es auch mit den Chinesen, Brasilianern, Arabern oder Südkoreanern geben, die zurzeit die Hotels in der (Inner-)Schweiz füllen.

Was bedeutet das für die Tourismusvermarkter?

Wagenseil: «Viele Hochzeiten» heisst, Risiken zu minimieren und weniger störungsanfällig zu werden. Wir müssen international denken und handeln. So lassen sich Klumpenrisiken vermeiden, wie sie heute zum Beispiel der deutsche Markt in einigen Regionen darstellt. Nicht überall herrscht Krise. Die Schweiz hat ein ausgezeichnetes Produkt zu bieten. Je bekannter es in möglichst vielen Ländern ist, desto leichter fällt es, eine Eurokrise zu überwinden.

Was die Hotelübernachtungen angeht, wachsen Luzern und Umgebung dank den Reisenden aus Asien entgegen dem nationalen Trend Jahr für Jahr. Doch die Wertschöpfung beschränkt sich weitgehend auf das Uhren- und Souvenirgeschäft. Wie lässt sich das ändern?

Wagenseil: Das ist schwierig. Die Gäste geben den Takt vor. Wenn ein Reisender aus Asien sich einen oder zwei Tage in der Innerschweiz aufhält, will er nicht unbedingt das Richard-Wagner-Museum oder das Verkehrshaus sehen, sondern Schnee auf dem Titlis berühren und eine Schweizer Uhr mit einer weltbekannten Marke kaufen. So verhalten sich Touristen nun einmal. Wir besteigen auf einer Kurzvisite in Pisa auch primär den Schiefen Turm und lassen eine lokal bedeutsame Kapelle, die möglicherweise gleich attraktiv ist, links liegen. Die Geschäfte in der Umgebung der touristischen Hotspots können davon durchaus profitieren. Und tun es auch!

Wie?

Wagenseil: In Luzern sind Bucherer, Gübelin und Casagrande Touristenmagnete. Die Confiserie Bachmann beispielsweise, die sich einen Standort in der Nähe leisten kann, verdient ebenfalls an den Reisenden. Ähnlich verhält es sich mit Kleiderläden oder anderen Geschäften. Es ist wichtig, zu Luzern als Touristenziel grosse Sorge zu tragen und es weiterzuentwickeln. Tun wir es nicht, suchen und finden die Reiseveranstalter und Individualgäste Alternativen zu Luzern auf den vielfältigen Touristenwegen in Europa.

* Professor Urs Wagenseil (52) lehrt am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern.

Urs Wagenseil. (Bild: PD)

Urs Wagenseil. (Bild: PD)

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