TOURISMUS: «Der Wintersport wird immer elitärer»

Andreas Steibl gilt als treibende Kraft des österreichischen Wintersportortes Ischgl. Im Interview erklärt er, was ihm an Schweizer Skigebieten nicht passt.

Interview Dominik Buholzer
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Laut Andreas Steibl vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl wird der Wintersport deutlich teurer werden. Im Bild: Szene aus St. Moritz (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Laut Andreas Steibl vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl wird der Wintersport deutlich teurer werden. Im Bild: Szene aus St. Moritz (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Interview Dominik Buholzer

Er gilt als bunter Hund des Wintersports: Andreas Steibl aus Ischgl. Der 48-jährige Geschäftsführer des Tourismusverbandes Paznaun-Ischgl tut vieles, um Gäste in den österreichischen Wintersport zu holen. Um dem Ort zu zusätzlicher Publicity zu verhelfen, lässt er zusammen mit der Seilbahn auch schon Rockstars wie Robbie Williams oder James Blunt auffahren. Die Rechnung scheint aufzugehen. Allein in den Wintersaisons 2009 bis 2014 steigerte Ischgl die Zahl der Schweizer Übernachtungen um 31 Prozent. Und für die laufende Wintersaison sind die Ambitionen nicht geringer.

Andreas Steibl, wann waren Sie das letzte Mal in der Schweiz in den Winterferien?

Andreas Steibl: Ui, das ist lange her ... Ich glaube, das war vor drei Jahren in St. Moritz.

Und hat es Ihnen gefallen?

Steibl: Es ist natürlich nicht so wie in Ischgl. Spass beiseite: Es fällt einem nicht schwer, dazubleiben. Die Schweiz ist für mich nach wie vor sehr interessant. Sie ist gut aufgestellt, und St. Moritz ist ein unglaublicher Markenartikel. Bei den Bahnen hinkt die Schweiz aber hintennach.

Das lässt sich als Österreicher natürlich einfach sagen. Bei Ihnen greift der Staat dem Tourismus ja tüchtig unter die Arme.

Steibl: Das ist ein Irrglaube mit der staatlichen Unterstützung. Hinter jedem Erfolg steht eine Seilbahn, und die ist privatwirtschaftlich organisiert.

Und was ist das Erfolgsrezept?

Steibl: Das ist bei uns sehr einfach. Die Aktionäre in Ischgl sind alles Einheimische, und die verzichten auf Dividenden und wollen stattdessen, dass das Geld gleich wieder investiert wird.

Wo bleibt da der Nutzen?

Steibl: Die meisten Einheimischen sind selber im Tourismus tätig und profitieren davon, wenn das Interesse am Skigebiet gross bleibt.

Das heisst, die Schweizer Skigebiete müssten mehr in die Infrastruktur investieren?

Steibl: Es genügt nicht, nur in Bahnen zu investieren. Die Schweiz verfügt zwar grundsätzlich über ein gutes Image. Nur mit der Freundlichkeit habt ihr es nicht immer so, das muss ich schon sagen. Manchmal bekommt man den Eindruck, die Schweizer Wintersportorte hätten es am liebsten, wenn die Gäste das Geld überweisen und dann gar nicht anreisen. Wenn die Software nicht stimmt, nützt auch eine neue Hardware nichts.

Ischgl zieht jährlich Tausende Schweizer Wintersportler an. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, uns so viele Gäste abspenstig zu machen?

Steibl: Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Das gehört zum Geschäft.

Was zeichnet den Schweizer Gast aus?

Steibl: Er ist sehr gesellig und sehr seriös. Ist der Schweizer zufrieden mit dem Angebot, dann ist er auch gerne bereit, den entsprechenden Preis dafür zu zahlen. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Die russischen Gäste bleiben in diesem Winter grossmehrheitlich aus. Wer soll die Lücke füllen?

Steibl: Wir hoffen unter anderem auf mehr Schweizer. Für diese Saison rechnen wir mit einem Zuwachs von 10 Prozent. Vor allem in der Ost- und der Westschweiz orten wir noch ein grosses Potenzial.

In Ischgl gibt es keine grossen Hotelketten. Weshalb?

Steibl: Die möchten zwar schon sehr gerne zu uns kommen. Doch Familienbetriebe haben bei uns Vorrang. Wir wollen keine grossen Hotelklötze im Ort. Das wäre unserem Image abträglich.

Die Schweizer haben im März 2012 die Zweitwohnungsinitiative angenommen und wollen so gegen kalte Betten in Tourismusorten vorgehen. Halten Sie dies für eine gute Idee?

Steibl: Jedes Mittel, das verhindern kann, dass es zu viele kalte Betten gibt, ist gut. Denn kalte Betten sind Gift für den Tourismus.

Schauen wir noch kurz in die Zukunft: In welche Richtung entwickelt sich der Wintersport?

Steibl: Der Wintersport wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren immer elitärer, man wird dafür über ein gewisses Budget verfügen müssen.

Wo orten Sie das grösste Potenzial?

Steibl: Bei den Wiedereinsteigern. Das ist ein unglaublicher Markt. Weshalb hat jemand aufgehört Ski zu fahren? War der Preis ausschlaggebend? War es die Infrastruktur? Diesen Fragen müssen wir uns in Zukunft noch viel mehr stellen.

Was halten Sie von Gratisabos für Kinder?

Steibl: Von Verschenken halte ich gar nichts. Ein kostenloser Skipass für Kinder im Zusammenhang mit einem Familienpaket, wieso nicht. Aber was nichts kostet, ist nichts wert.

Wovon träumen Sie?

Steibl: Von vielen Schweizer Gästen ...(lacht) Von einer ruhigen Wirtschaftslage in Europa.

«Die Schweiz verfügt über ein gutes Image. Nur mit der Freundlichkeit habt ihr es nicht immer so.» Andreas Steibl, Tourismusverband Paznaun-Ischgl. (Bild: PD)

«Die Schweiz verfügt über ein gutes Image. Nur mit der Freundlichkeit habt ihr es nicht immer so.» Andreas Steibl, Tourismusverband Paznaun-Ischgl. (Bild: PD)

Tourismuskennzahlen zwischen der Schweiz und Österreich. (Bild: Quelle: WEF Travel and Tourism Competitiveness Report 2013.)

Tourismuskennzahlen zwischen der Schweiz und Österreich. (Bild: Quelle: WEF Travel and Tourism Competitiveness Report 2013.)