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TOURISMUS: Kampf um die Eigernordwand

Die Jungfrau-bahnen wollen Touristen schneller auf das Jungfraujoch bringen. Mit dem geplanten «Eiger-Express» werde die Sicht auf die Eigernordwand zerstört, so Alpenschützer.
Reto Wyssmann, Grindelwald
Die geplante Streckenführung des «Eiger-Express» führt am Fuss der eindrücklichen Eigernordwand entlang. (Bild PD/Bearbeitung Janina Noser)

Die geplante Streckenführung des «Eiger-Express» führt am Fuss der eindrücklichen Eigernordwand entlang. (Bild PD/Bearbeitung Janina Noser)

Reto Wyssmann, Grindelwald

«Tourismus darf keine Kraft sein, die zerstört, was sie anzieht», sagt Andreas von Allmen. Von seinem Hotel Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg sieht er tagtäglich an die gleichsam faszinierende wie bedrohliche Eigernordwand. Sie ist für das Berner Oberland, was das Matterhorn für das Wallis ist. An kaum einem anderen Fels wurde so viel Berggeschichte geschrieben.

Die aktuellen Pläne der Jungfrau-Bahnen bereiten Hotelier von Allmen allerdings Sorgen. Das vor allem dank Touristen aus Asien erfolgreiche Privatunternehmen möchte in den nächsten Jahren über 200 Millionen Franken in seine Anlagen rund um das Jungfraujoch investieren. Unter anderem will es neues Rollmaterial für ihre Zugstrecken beschaffen, unterhalb von Grindelwald ein Parkhaus bauen und die Gondelbahn auf den Männlichen ersetzen.

In 15 Minuten auf dem Eigergletscher

Zentrales Element des sogenannten V-Projekts ist jedoch der «Eiger-Express». Ab 2019 soll eine neue Luftseilbahn mit 44 Gondeln mit jeweils 28 Sitzplätzen Touristen in 15 Minuten von Grindelwald zur Station Eigergletscher am Fusse der Nordwand bringen. Dort können sie dann auf die Jungfrau-Bahn umsteigen und sind so in weniger als einer Stunde auf dem 3454 Meter hohen Joch. Heute dauert diese Reise mindestens eine halbe Stunde länger. Für das Unternehmen ist das Projekt von zentraler Bedeutung: «Es sichert mittel- und langfristig die erfolgreiche touristische Zukunft der gesamten Region.»

Die Einsprachefrist für die neuen Bahnen ist bereits abgelaufen. In einem nächsten Schritt muss das Bundesamt für Verkehr über die Genehmigung entscheiden. In der Region selber gibt es kaum noch Widerstand. An der Gemeindeversammlung wurde das Projekt mit über 70 Prozent gutgeheissen. Öffentlich gegen den wichtigsten Arbeitgeber der Region anzugehen, wagt kaum jemand. Andreas von Allmen ist eine Ausnahme – obschon auch er von den Jungfrau-Bahnen abhängig ist und bereits Druck zu spüren bekommen hat. «Es braucht Mut, denn Demokratie ist manchmal relativ», sagt er.

Den Hotelier stört vor allem die Linienführung des «Eiger-Express». Im oberen Teil verläuft sie direkt vor der Eigernordwand, die zum Unesco-Welterbe gehört und Teil des Inventars der Landschaften von nationaler Bedeutung ist. Die je nach Perspektive vor der schwarzen Wand gut sichtbaren Masten, Seile und Gondeln wurden auch schon als «Wöschhänki» bezeichnet. Von Allmen hat nicht nur Einsprache gegen das Projekt erhoben, sondern zusammen mit prominenten Alpenschützern auch einen offenen Brief verfasst.

«Keine Rücksicht auf Landschaft»

«Die geplante Direktlinie nimmt keine Rücksicht auf die Bedeutung und Schönheit der Landschaft», kritisieren darin unter anderem Schriftsteller und Liedermacher Franz Hohler, Bergautor Emil Zopfi oder Katharina Conradin, Geschäftsleiterin der Schutzorganisation Mountain Wilderness (siehe Interview unten). Ähnliche Bedenken äussern Pro Natura und Stiftung Landschaftsschutz Schweiz in eigenen Einsprachen.

Für Andreas von Allmen und seine Mitstreiter ist unverständlich, warum die Jungfrau-Bahnen nicht den sogenannten Plan B weiter­verfolgen, der seit längerem in den Diskussionen herumgeistert. Dieser umfasst eine alternative Linienführung, bei der die Sicht auf die Eigernordwand nicht verstellt würde. «Es geht nicht darum, das Projekt zu verhindern», heisst es im offenen Brief, «sondern mit einer besseren Linienführung die Ansicht auf das alpine Monument zu erhalten.»

Die Jungfrau-Bahnen haben den «Plan B» als eine von vielen Varianten geprüft, jedoch wieder verworfen. «Die vorgesehene Streckenführung wurde gemeinsam mit Fachstellen von Bund und Kanton begutachtet und entspricht der ökologisch besten Variante», hält das Unternehmen fest. Die Bahn werde bestmöglich in das Landschaftsbild integriert, betonen die Jungfrau-Bahnen.

Fahrerlebnis vor Eigernordwand

Das Bergbahnunternehmen kann sich auch auf einen Bericht der Natur- und Heimatschutzkommission stützen, die festhält: «Die neue Bahn wird von der überwiegenden Zahl der möglichen Betrachtungsstandorte die Wirkung der Eigernordwand nicht oder nicht erheblich schmälern.» Das «Fahrerlebnis vor der Eigernordwand» ist für die Jungfrau-Bahnen aber durchaus auch ein wichtiges Argument für die gewählte Variante.

Andreas von Allmen wird die «Wöschhänki» täglich vor Augen haben. Mit der neuen Bahn gehen ihm zudem Tagestouristen verloren, da sie nicht mehr via Kleine Scheidegg verkehren werden. Der Hotelier steht dazu, mit seinem Widerstand auch seine eigenen Interessen zu wahren – «wie das alle Einheimischen tun sollten». Nach seiner Ansicht dient der «Eiger-Express» lediglich den Interessen der Jungfrau-Bahnen und nicht, wie diese betonen und mit Studien untermauern, der ganzen Region. Die Talstation in Grindelwald Grund liege weit ausserhalb des Dorfs und die Bahn führe lediglich dazu, dass die Gäste die Region noch schneller wieder verliessen, so von Allmen.

Im letzten Jahr besuchten erstmals über eine Million Gäste das Jungfraujoch. Vor allem asiatische Touristen reisen jedoch oft schon am gleichen Tag weiter, weil sie Europa in einer Woche besichtigen. Mit dem «Eiger-Express» würden sie immerhin 42 Minuten Zeit gewinnen.

«Viele neue Infrastrukturen rentieren nur schlecht»

Interview Yasmin Kunz

In den 70er-Jahren wurde das Verbandsbeschwerderecht geschaffen, weil die Kompetenzen der Kantone beim Natur- und Heimatschutz begrenzt waren. Mountain Wilderness Schweiz ist eine Alpenschutzorganisation, die sich für mehr Respekt gegenüber der Bergwelt einsetzt. Sie engagiert sich für den Schutz der ursprünglichen Bergnatur und für einen naturverträglichen Bergsport. Der Sitz der Organisation befindet sich in Bern. Mountain Wilderness hat beispielsweise beim geplanten Zusammenschluss Andermatt/Sedrun/Disentis Einsprache erhoben und damit einige Verbesserungen für die Natur erreicht.

Katharina Conradin, die Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness, erklärt die Notwendigkeit der Organisation und erklärt, warum sie enttäuscht ist.

Katharina Conradin, Sie versuchen solch grosse Projekte wie in der Jungfrauregion zu verhindern. Weshalb?
Katharina Conradin: Die Funktion von Mountain Wilderness ist die eines Anwalts für die Natur. Wir prüfen, ob Projekte den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Natürlich gibt es hier immer Interpretationsspielraum – doch wenn wir wirklich das Gefühl haben, ein Projekt stehe im Widerspruch zum geltenden Gesetz, dann ist es unsere Aufgabe, die Interessen der Natur mit dem Verbandsbeschwerderecht zu verteidigen.

Was stört Mountain Wilderness am Projekt Jungfrau-Bahnen?
Conradin: Es sind eigentlich zwei Tatsachen, die gegen den Ausbau sprechen. Einerseits, dass das Gebiet zum Unesco-Welterbe gehört und eine Landschaft von nationaler Bedeutung ist – die neue Bahn ist ein bedeutender landschaftlicher Eingriff. Andererseits stört uns die Art von Tourismus, die dadurch gefördert wird.

Wie meinen Sie das?
Conradin: Indem die Gäste schneller von A nach B kommen, wird insbesondere der Tagestourismus gestärkt. Dieser bringt der Region jedoch wenig Wertschöpfung. Profitieren werden nebst den Jungfrau-Bahnen vor allem ausländische Unternehmen, wie zum Beispiel Carfirmen. Ausserdem wird der Verkehr in der Grindelwald-Region durch den Ausbau des Skigebiets stark zunehmen.

Generell: Lassen sich Freizeitsport und Umweltschutz überhaupt vereinen?
Conradin: In kleinen Gebieten lässt sich das sicher vereinen. Ein Beispiel aus der Region Bern: Das Skigebiet Selital liegt rund 15 Kilometer von Bern entfernt. Dieses bietet mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kombinierte Eintrittskarten an. Dadurch wird die Umwelt geschont, und trotzdem findet Skisport statt. In der Schweiz zeigt sich jedoch die Tendenz, dass die Skigebiete immer weiter ausbauen wollen, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein. Darunter leidet die Umwelt. Die Anfahrten werden länger, die Strassen stärker belastet und damit auch die Umwelt geschädigt. Zudem führen solche Zusammenschlüsse von mehreren Skigebieten auch dazu, dass die kleineren auf längere Dauer wohl kaum mehr bestehen können.

Bei immer mehr Bergdestinationen gehen die Erträge aus dem Wintergeschäft zurück, und sie sind gezwungen, ihr Sommergeschäft ausbauen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Conradin: Der Ausbau des Sommertourismus kann eine Lösung sein, wenn er auf eine naturverträgliche Art passiert. Will heissen: Destinationen müssen sinnvolle und für die Region authentische Angebote schaffen. Aktuell passiert aber oft das Gegenteil: Auch im Sommer wird die Natur immer mehr inszeniert. Mit Hängebrücken, Rodelbahnen, Aussichtsplattformen oder Funparks wird die Landschaft oft regelrecht möbliert. Viele dieser neuen Infrastrukturen haben keine lange Lebensdauer oder rentieren nur schlecht. Hier kommt es in der Tat vermehrt zu Einsprachen.

Wie wird der Widerstand von Umweltverbänden von den Einheimischen aufgenommen?
Conradin: Wir spüren oft Skepsis, dass sich jemand von aussen einmischt. Gewisse Leute wollen auch nicht mit Umweltschutzverbänden in Verbindung gebracht werden. Häufig begrüsst die Bevölkerung Ausbaupläne. Zudem gibt es auch Einwohner, die unsere Arbeit schlicht als überflüssig bezeichnen. Aber natürlich haben wir auch Mitglieder aus den Berggebieten, die unsere Arbeit sehr schätzen.

Zurück zu den Jungfrau-Bahnen. Das Projekt ist fast in Stein gemeisselt. Die Bevölkerung hat es bei der Abstimmung 2014 deutlich (mit über 70 Prozent) angenommen, und die eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission beurteilt den landschaftlichen Eingriff als vertretbar. Eine Schlappe für den Verband?
Conradin: Das stimmt – grundsätzlich lässt sich das Projekt nicht mehr verhindern. Doch im Detail gibt es noch Optimierungspotenzial. Aber klar: Wir sind enttäuscht darüber und goutieren diese Art der touristischen Entwicklung nicht.

Hinweis

Katharina Conradin (34) hat an der Uni Basel Geografie studiert und in Bern promoviert. Sie arbeitet
seit fünf Jahren bei dem im Jahr 1994 gegründeten Verband Mountain Wilderness. Insgesamt beschäftigt der Verband 5 Teilzeitmitarbeiter, die sich 270 Stellenprozent teilen.

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