TRÄUME: Sardische Separatisten umgarnen Schweizer

Sezessionswillige Sarden werben in Lausanne für den Schweiz-Beitritt der Insel. Doch nicht bei allen kommt die Strassenaktion gut an.

Kari Kälin, Lausanne
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Sie wollen der Schweiz beitreten: Andrea Caruso, Toni Crisà und Enrico Napoleone (von links nach rechts) kämpfen in Lausanne für einen Anschluss Sardiniens an die Schweiz. (Bild Kari Kälin)

Sie wollen der Schweiz beitreten: Andrea Caruso, Toni Crisà und Enrico Napoleone (von links nach rechts) kämpfen in Lausanne für einen Anschluss Sardiniens an die Schweiz. (Bild Kari Kälin)

Im Stadtzentrum von Lausanne weht die Fahne des «Canton Marittimo», des Meerkantons. Autohändler Enrico Napoleone (51) und Zahnarzt Andrea Caruso (51), beide aus Cagliari, haben einen Informationsstand aufgebaut, an dem sie Passanten ihre brisante Idee erläutern: die Abspaltung der Insel Sardinien von Italien zwecks Beitritt zur Schweiz. Support vor Ort leistet ihnen Toni Crisa. Der 22-jährige Sarde ist vor zweieinhalb Jahren in die Schweiz gezogen, lebt in Lausanne und will an der dortigen ETH studieren, um dereinst Karriere im Pharmabereich zu machen.

Napoleone, Caruso und Crisa sind alle desillusioniert von Italien. Der Zentralstaat agiert in ihren Augen nicht nur höchst ineffizient, sondern bremst auch eine gesunde Entwicklung der Regionen. Als leuchtendes Gegenbeispiel eines funktionierenden, da föderalistisch organisierten Staates haben sie die Schweiz identifiziert. Seit zwei Jahren arbeiten sie deshalb mit Herzblut am Schweiz-Beitritt. Das Projekt hat in der internationalen Presse grosse Wellen geschlagen. Bei ihrer Werbetour durch die Schweiz werden sie von einer Journalistin der renommierten Zeitung «Wall Street Journal» aus New York begleitet.

300 Personen machten Halt

Zum ersten Mal sind die Napoleone und Caruso in die Schweiz geflogen, um der hiesigen Bevölkerung Sardinien mit seinen 24 000 Quadratkilometern Fläche und 1,6 Millionen Einwohnern schmackhaft zu machen. Am Montag starteten sie ihre Informationsoffensive bei Genfer Lokalpolitikern. Gestern Abend erklärte ihnen der langjährige kantonale Parlamentarier Jacques Perrin (FDP), wie der Waadtländer Kantonsrat politisiert. Das Ziel der sardischen Separatisten: Sie wollen Schweizer Politiker für ihre Ideen gewinnen, um ein günstiges Klima für eine Aufnahme Sardiniens zur Eidgenossenschaft zu schaffen. Auf der Strasse in Lausanne haben Napoleone und seine Mitstreiter gestern gepunktet. Rund 300 Personen machten gestern zwischen 11 und 15 Uhr Halt beim Canton-Marittimo-Stand. «Die meisten Schweizer finden die Idee gut, die Sarden sowieso», sagt Napoleone. Nur die Italiener stemmten sich gegen eine Sezession Sardiniens. «Sie sind sich gar nicht bewusst, wie stark Rom unsere Entwicklung behindert, und denken, wir hätten uns über nichts zu beklagen.»

Dave van Gestern reiste aus Luzern an, um sich mit den Promotoren des Canton Marittimo auszutauschen. «Mir gefällt ihre Idee», sagt van Gestern. Übertriebene Hoffnungen, dass unser Land bald Meeranstoss haben wird, macht er sich indes keine. Bis zu einem Beitritt zur Schweiz seien viele und grosse Hürden zu überwinden, gibt der 46-Jährige zu bedenken. In der Tat: Die italienische Verfassung lässt keine Abspaltung eines Landesteils zu und die Schweizer müssten eine Aufnahme Sardiniens an der Urne gutheissen.

Vergleich mit dem Eisernen Vorhang

Stehen Napoleone, Caruso und Crisa also an der Spitze einer realitätsfremden Bewegung? «Nein», sagt Napoleone. Einen Termin für eine Abspaltung Sardiniens nennt er nicht und verweist auf den Fall des Eisernen Vorhanges. «Wenn 1987 jemand gesagt hätte, in zwei Jahren werde die Berliner Mauer abgerissen, hätte man ihn auch für verrückt erklärt.» Die Promotoren des Canton Marittimo wollen nun den kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen der Schweiz und Sardinien intensivieren, um eine engere Bande zu schaffen. Zudem steht ein Schweizer Ableger der Vereinigung «Sardinien Canton Marittimo» kurz vor seiner Gründung. Ein inoffizieller Botschafter ist bereits gefunden: Toni Crisa.

Kari Kälin, Lausanne