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Tragt Sorge zu unserem Stil!

Journalist Peter Gysing: Als Rückkehrer aus dem Ausland staunt man nicht schlecht. Galt die Schweiz doch bisher als Terrain, auf dem politische Gegner nur zurückhaltend miteinander kämpfen und sich meist einvernehmlich zu einem Kompromiss zusammenraufen.
Der Journalist Peter Gysling wirkte bis Ende 2015 als Auslandskorrespondent in Moskau, heute lebt er in Hergiswil (Nidwalden). (Bild: Keysone)

Der Journalist Peter Gysling wirkte bis Ende 2015 als Auslandskorrespondent in Moskau, heute lebt er in Hergiswil (Nidwalden). (Bild: Keysone)

In Russland, wo ich die letzten acht Jahre gelebt habe, ist dies insbesondere seit der politisch umstrittenen dritten Amtszeit von Präsident Vladimir Putin anders. Der russische Präsident lässt ernst zu nehmende Oppositionelle an politischen Ausmarchungen oft gar nicht erst teilhaben. In der Propaganda des Staatsfernsehens wird gegen Andersdenkende gehetzt, wer die Geschehnisse der russischen Gegenwart nicht regimetreu interpretiert, gilt als Verräter.

Eine solche Hetze haben vor gut zwei Wochen auch die Besucher eines Anlasses der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial erfahren müssen. Memorial hatte in einem Moskauer Kulturhaus die Gewinner eines Schülerwettbewerbs auszeichnen wollen, die in Archiven geforscht und Zeitzeugen über Menschenrechtsschicksale unter Stalin befragt hatten. Memorial führt diesen Wettbewerb jedes Jahr durch. Diesmal war zur Preisverleihung auch die berühmte russische Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja eingeladen, die – notabene – auch bei der russischen Führung Anerkennung geniesst.

Doch bei ihrem Eintreffen vor dem Moskauer «Hauskino» wurden die geladenen Schülerinnen und Schüler von organisierten jungen Aktivisten der patriotischen Jugendbewegung NOD empfangen und beschimpft. Sie seien allesamt «Faschisten», welche die siegreiche Rote Armee unter Stalin zu wenig ehrten. Einer der Protestierenden, der eine rote Sowjetflagge schwenkte, meinte, man müsse die fehlgeleiteten Kinder, die am Memorial-Wettbewerb teilgenommen hatten, medizinisch behandeln, ihnen «den Teufel austreiben». Die 73-jährige Schriftstellerin Ulizkaja wurde mit einem grünen Antiseptikum besprayt und verhöhnt. Die Moskauer Polizei, die bei solchen Ansammlungen stets zugegen ist, hat das Geschehen beobachtet, aber nicht eingegriffen.

Auch wenn sich später Putins Pressesprecher Dmitri Peskow von der Aktion der regierungsnahen Aktivisten distanziert hat: Angriffe auf Andersdenkende gehören in Russland mittlerweile zum Alltag. Sie sind – so denke ich – das Resultat der radikalen Propaganda.

Weshalb ich dieses Vorkommnis schildere? Es ist ebenfalls zweieinhalb Wochen her, als «Weltwoche»-Verleger und SVP-Politiker Roger Köppel im Nationalrat seine verbale Breitseite auf Bundesrätin Simonetta Sommaruga abgefeuert hat. Gewiss, auch ich mag deutliche Worte! Doch jedem, der das köppelsche Feuerwerk auf dem Bildschirm mitverfolgt hat, musste doch klar werden, dass dem SVP-Politiker wohl kaum daran gelegen war, mit Sommaruga in einen Dialog zu treten. Die Justizministerin sollte vielmehr öffentlichkeitswirksam provoziert werden. Deshalb ist es auch nicht von Belang, ob die Magistratin dem politischen Wadenbeisser ihr Gehör geschenkt oder den Saal verlassen hat.

Geärgert hat mich der Provokationsstil vor allem deshalb, weil ich während meiner Auslandaufenthalte den gewohnt schweizerischen Politikstil besonders schätzen gelernt habe – die Art und Weise, wie in Bern, wie in den Kantonen und Gemeinden zwischen den Polen um konstruktive Lösungen gerungen wird. Wenn aber der jüngste Provokationsstil Schule machen sollte, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn in gewissen Kreisen gegenüber den jeweils politisch Andersdenkenden wichtiger Respekt immer mehr verloren geht und an dessen Stelle Hass geschürt wird.

Deshalb, so rege ich hier an, sollte auch uns in der Schweiz die eingangs beschriebene Moskauer Szene im Sinne einer Warnung zu denken geben!

Hinweis

* Der Journalist Peter Gysling wirkte bis Ende 2015 als Auslandskorrespondent in Moskau, heute lebt er in Hergiswil (Nidwalden).

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