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Transgender-Kinder: Coming-out in der Primarschule

Die Zahl der Buben und Mädchen, die sich im falschen Körper fühlen, steigt stark. Ein Kinderpsychiater spricht von fünfmal so vielen Diagnosen wie 2013. Natürliche Entwicklung oder gefährlicher Zeitgeist?
Yannick Nock
Ein Bub oder ein Mädchen? Immer mehr Kinder fühlen sich im falschen Körper. (Bild: Getty)

Ein Bub oder ein Mädchen? Immer mehr Kinder fühlen sich im falschen Körper. (Bild: Getty)

Die fünfjährige Luana trägt gerne pink, spielt oft mit Mädchen aus der Nachbarschaft und hält am liebsten die Babypuppe im Arm. Nie würde es ihr in den Sinn kommen, sich im Dreck zu wälzen, wie es ihr älterer Bruder tut. So weit, so gewöhnlich, bloss: Luana kam als Luca zur Welt. Dass sie anders ist, wird den Eltern früh klar. Schon mit drei zeigt Luca ein von anderen Buben stark abweichendes Verhalten. Das blieb so. «Ich bin kein Junge, sondern ein Mädchen», sagt das Kind.

Luana, die in einem Dok-Film vorgestellt wurde, ist kein Einzelfall. Heute wird bei Buben und Mädchen häufiger eine sogenannte Geschlechtsdysphorie diagnostiziert als noch vor fünf Jahren. Offizielle Zahlen fehlen, doch Kliniken, die auf die Behandlung von Transidentität spezialisiert sind, berichten von stark steigenden Zahlen. Viele Kinder und Jugendliche würden ihr biologisches Geschlecht ablehnen.

Schon im Kindergarten auffällig

Auffallend ist, dass die Buben und Mädchen zum Zeitpunkt der Diagnose jünger sind als vor einigen Jahren. Tanja Martinez vom nationalen Dachverband Transgender Network Switzerland sagt:

«Heute erreichen uns mehr Anfragen von Eltern, deren Kinder noch in die Primarschulen gehen.»

Bei einigen fällt der Nachwuchs bereits im Kindergarten auf – im Alter von vier oder fünf Jahren. «Die Geschlechtsidentität kann sich früh bilden.»

Leidet das Kind?

Dabei geht es nicht um Jungen, die einmal mit Puppen spielen, oder Mädchen, die sich bubenhaft geben. Es geht um Kinder, die sich komplett dem anderen Geschlecht angehörig fühlen. Zwar existieren keine handfesten Kriterien, nach denen sich das entscheiden liesse. Ein bedeutender Faktor ist aber, ob ein Kind sichtlich leidet, wenn es seinem biologischen Geschlecht zugeordnet wird.

Daneben gibt es Anhaltspunkte: Mädchen, die um keinen Preis lange Haare haben wollen, oder Buben, die fragen, ob das da unten irgendwann abfalle. Das können Anzeichen sein, müssen aber nicht. Die Entwicklung lässt sich auch an den Schulen erkennen. Lehrer und Schulleiter melden sich regelmässig bei Transgender Network Switzerland. «Sie wollen erfahren, wie sie das Thema ansprechen und mit den Kindern umgehen sollen», sagt Martinez.

Jugendliche trauen sich vielleicht eher

Dass sich heute mehr Jugendliche dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen als früher, sei trotzdem nicht sicher, sagt Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik in Zürich. Zwar spricht sie ebenfalls von einer deutlichen Zunahme der Anmeldungen. Es könne aber sein, dass sich die Jugendlichen nun einfach eher trauen würden, sich zu melden.

Die entsprechende Anlaufstelle gibt es noch nicht lange. Es war Pauli, die vor zehn Jahren die erste Sprechstunde der Schweiz einführte. Mittlerweile sind neue hinzugekommen, beispielsweise in Basel. Pauli sagt:

«Vorher gab es nichts, das Thema war tabu.»

Zu Beginn suchten drei bis fünf junge Menschen jährlich Hilfe bei ihr, heute sind es rund hundert.

Ein Zeitgeistphänomen?

Andere Experten sehen den Grund allerdings nicht im Ende eines Tabus, sondern in einem beunruhigenden Trend. Für Aufsehen sorgte zuletzt das Interview eines Kinderpsychiaters im Magazin «Spiegel»: Alexander Korte, Oberarzt am Klinikum der Universität München, bereitet die Zunahme der Fälle Sorge. «Wir haben es hier offensichtlich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun», sagt er. Die Zahl der Diagnosen sei heute fünfmal so hoch wie 2013. Sie würden von Anfragen überschwemmt, die Wartezeit für neue Patienten betrage bis zu einem Jahr.

«Das Thema ist einfach en vogue.»

Das gilt nicht nur für Deutschland und die Schweiz. In den USA fühlen sich gemäss einer Studie 150'000 Teenager im Alter von 13 bis 17 als transgender. Auch in Grossbritannien meldeten sich im vergangenen Jahr über 2500 Kinder bei der Anlaufstelle. 2010 waren es noch 97. Die Weltgesundheitsorganisation hat im Juni reagiert. Transgendermenschen gelten nicht länger als psychisch krank.

Suizidgefahr steigt

Korte bleibt dennoch skeptisch. Zweifellos gebe es Betroffene, bei denen es sich tatsächlich um Transsexualität handle. Aber das Thema werde einfach sehr gehypt, egal ob auf Youtube, Instagram oder im Fernsehen. Bei «Germany’s Next Topmodel» nahmen beispielsweise Transmädchen teil, die für viele zum Vorbild geworden sind. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Transjungen, die auf den sozialen Kanälen zu Stars wurden – mit tausenden jugendlichen Followern.

Korte glaubt deshalb an einen Nachahmungseffekt. Auf seiner Patientenliste stünden beispielsweise drei Mädchen und ein Junge – alle im selben Alter und alle aus demselben kleinen bayerischen Ort. «Das widerspricht jeder statistischen Wahrscheinlichkeit.»

Die Zürcher Chefärztin Pauli sieht das allerdings anders. Sie glaubt nicht an ein Zeitgeistphänomen:

«Der Leidensdruck vieler Transgenderjugendlicher ist oft sehr gross.»

Die Rate von jungen Menschen mit Depressionen, Suizidalität und Selbstverletzungen sei bei Transmenschen in der Pubertät besonders hoch. Sie liege bei ungefähr 70 Prozent. «Warum sollten sich die Betroffenen diesem Leid wegen eines Trends aussetzen?», fragt Pauli.

Tatsächlich berichten Kinderpsychiater von Fällen, in denen die Jugendlichen sagen:

«Macht doch endlich, sonst bringe ich mich um.»

Mit dieser Extremform war Pauli noch nie konfrontiert. Bei stabiler und andauernder Transidentität im Jugendalter solle man mit dringend gewünschten pubertätshemmenden oder geschlechtsangleichenden Massnahmen nicht zu lange warten, rät sie. Bei Kindern auf der Primarstufe sei das anders. Pauli empfiehlt Eltern, offen zu sein und mitzuteilen: «Wenn es dir wichtig ist, dann bist du jetzt das, was du sein möchtest.» Ein Kind brauche noch keine medizinische Behandlung, jedoch viel Freiraum und keine Kategorien, die sein Geschlecht definierten.

Ähnlich sieht es Kinderpsychiater Korte. Er ergänzt aber, dass Freiraum auch eine andere Seite beinhalte: Man dürfe dem Kind nicht das Konzept «trans» überstülpen, nur weil es sich so benehme. «Es geht nicht darum, seinem Kind das Verhalten auszutreiben – aber man muss es nicht unnötig darin bestärken.»

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