TRANSIDENTITÄT: «Das Leben ist bunter, seit ich Frau bin»

Im falschen Körper – mit diesem Thema beschäftigt sich ein Symposium in Luzern nächstes Wochenende. Eine Betroffene berichtet vom Frau-Werden.

Interview Aleksandra Mladenovic
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Die Baarerin Susanne Wolf (52) ist glücklich, seit sie ihr Leben als Frau bestreiten kann. (Bild: Nadia Schärli)

Die Baarerin Susanne Wolf (52) ist glücklich, seit sie ihr Leben als Frau bestreiten kann. (Bild: Nadia Schärli)

Ein breites Lächeln und ein sanftmütiger Blick durch eine stilvolle Brille schweben einem entgegen, wenn man auf Susanne Wolf zuschreitet. Die 52-Jährige Baarerin engagiert sich am «Kulturkopfkino Sommerfest 13» im Theater Pavillon in Luzern als Vertreterin des Luzerner Filmfestivals «Pink Panorama». Das Symposium wird erstmals durchgeführt und steht im Zeichen von Transidentitäten (Kasten unten rechts). Susanne Wolf war lange gefangen im Körper eines Mannes. 2012 hat sie eine Hormontherapie begonnen und sich an ihrem Arbeitsplatz – der Informatikabteilung eines Luzerner Unternehmens – als Frau geoutet. Kommenden Winter folgt eine geschlechtsanpassende Operation.

Susanne Wolf, woran haben Sie gemerkt, dass Sie eine Frau sind?

Susanne Wolf: 2006, mit 45 Jahren, hatte ich eine Midlife-Krise. Alles ging rückwärts. Meine Mutter starb an Krebs, ich war seit fünf Jahren von meiner Frau geschieden, mit der ich zehn Jahre lang verheiratet war, und ich war beruflich auf die Schnauze gefallen. Ich hatte mir schon Szenarien überlegt, wie ich Wohnung und Bankkonten auflöse, das Auto verkaufe und alles beende. Dann habe ich mich entschieden, doch auf dieser Welt zu bleiben – erst einmal provisorisch. Und vor allem nur noch das zu machen, was mir Freude bereitet.

Und das war das Frau-Sein?

Wolf: Ja. Ich erinnere mich an das unglaubliche Herzklopfen, als ich im Laden vor dem Kosmetikregal stand und mir einen Nagellack in der Farbe «Passionate Red» aussuchte. Später kam Damenunterwäsche hinzu – keine aufreizenden Dessous – einfach gewöhnliche Unterwäsche. Ein Schritt kam nach dem anderen. Erst habe ich mir nur die Zehennägel farbig lackiert. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, den Lack für das Karatetraining zu entfernen. Natürlich kamen Fragen. Die Leute haben aber immer positiv auf meine Erläuterungen reagiert. Als ich noch mit einem Bartschatten herumgelaufen bin, haben mich die Leute manchmal komisch angesehen – negative Kommentare gab es aber nie. Ich hatte Glück. Das alles fand erst nur in meiner Freizeit statt. Am Arbeitsplatz bin ich zunächst noch als Mann aufgetreten. Als Erstes habe ich mir am Freitag nach Feierabend jeweils die Fingernägel lackiert.

Sie arbeiten in einer von Männern dominierten Branche. Wie hat man da auf Ihre Verwandlung reagiert?

Wolf: Wunderbar. Vor rund einem Jahr schickte die Geschäftsleitung ein E-Mail an alle, in dem stand, dass ich ab Montag nach meinen Ferien Susanne heissen und als Frau in Erscheinung treten werde und dass das Unternehmen mich bei meiner Wandlung unterstützt. Ich war erleichtert, dass das von allen positiv aufgenommen wurde. Mein alter Vorname ist seit besagtem Montag nie wieder gefallen.

Sie waren lange verheiratet. Kam das Thema Kinder denn nie auf?

Wolf: Wir hatten beide nicht den starken Wunsch, Kinder zu bekommen. Heute bin ich sehr froh darüber. Ich kann mein Leben leben ohne Angst, jemanden, der mir sehr nahesteht, dadurch zu verlieren. Ich bin Single, habe keine Kinder, meine Eltern leben nicht mehr. Das hat mir die Transition zur Frau leichter gemacht.

Und bis vor kurzem wusste niemand von Ihrer Transsexualität?

Wolf: Natürlich habe ich als Kind schon die hochhackigen Schuhe meiner Mutter anprobiert. Das fiel aber nicht weiter auf. Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Die Probleme kamen erst in der Pubertät, als mein Körper anfing, Testosteron zu produzieren. Für mich war das pures Gift. Die Natur hat sich gegen mein Menschsein gestellt – das Hormon wollte mich steuern, und ich musste den sexuellen Drang kontrollieren. Das hat mich stark belastet. Ich war nie ein typischer Mann. Meine Vertrauten waren immer Frauen. Ich habe unter Freunden früher manchmal erwähnt, dass, wenn ich bei einer guten Fee einen Wunsch frei hätte, dieser wäre, eine Frau zu sein. Dass das tatsächlich realisierbar ist, hat mir aber erst sehr spät gedämmert.

Sie sind jetzt im Prozess der Transition und nehmen Hormonpräparate zu sich. Was hat sich verändert?

Wolf: Ich bin eine komplett neue Person geworden. Es ist zwar nicht einfach, damit umzugehen, dass das alles erst so spät stattfindet. Der Gedanke, dass ich die beste Zeit meines Lebens irgendwie verpasst habe, ist schwierig. Ich habe als Mann das Beste versucht aus dem Leben zu machen, aber ich wusste nicht, dass so viel fehlt. Das Leben ist viel bunter, blumiger und kompletter, seit ich eine Frau bin. Meine Partnerin hat mich früher manchmal darauf hingewiesen, dass ich komisch in der Gegend herumstehe. Heute muss ich keine Angst mehr haben, dass meine Körpersprache eigenartig wirkt – ich kann einfach ich sein. Ich habe neue Interessen entdeckt – gehe etwa gerne tanzen, will zeichnen lernen und engagiere mich gemeinnützig beim Luzerner Filmfestival «Pink Panorama». Eines ist gleich geblieben: Ich fühle mich weiterhin zu Frauen hingezogen. Doch meine Gedanken verändern sich. Während ich als Mann beim Einparkieren darauf versessen war, das Auto so zu parkieren, dass es kein bisschen schräg in der Lücke steht, ist mir das heute egal. 80 Prozent des Autos in der Parklücke reichen aus. (lacht) Heute habe ich auch Mühe, links von rechts zu unterscheiden, da ich diesen Begriffen als Mann unterbewusst Werte zugeordnet habe und heute wohl wertfreier denke.

Existiert Ihr früheres Ich nicht mehr?

Wolf: Doch, es ist nun mein «Bruder». Ich kannte ihn gut, aber er ist nicht ich. Vor einem Jahr ist er mit seinem letzten Arbeitstag gegangen – endgültig.

Ihr Körper wird erst noch Ihrer Geschlechtsidentität angepasst – ein sehr grosser Eingriff. Bereitet Ihnen dieser keine Sorgen?

Wolf: Diese Operation ist für mich ein Muss, sonst bin ich nicht komplett. Heute bin ich eine Transfrau. Danach bin ich eine normale Frau mit einem Trans-Hintergrund. An den körperlichen Veränderungen durch die Hormonpräparate habe ich grosse Freude. Aber die Testosteron-Blocker vertrage ich gesundheitlich nicht gut, und ich bin froh, wenn ich sie nicht mehr benötige. Nachdem ich mir bewusst geworden war, dass ich eine Frau bin, hatte ich erst Wut-Gefühle gegenüber meinem Körper – Wut darüber, dass ausgerechnet ich im falschen Körper stecke. Heute denke ich mir einfach, das ist alles Ausgangsmaterial für zukünftige Freuden. (lacht) Die Risiken der Operation sind es mir allemal wert.

Manche Transsexuelle gehen noch weiter – operativ gibt es heute ja ganz viele Möglichkeiten von Stimmbänder- bis Schönheitsoperationen.

Wolf: Jede Frau ist anders. Ich persönlich will kein Herumgebastel an mir. Den Gedanken, nach einer Operation meine eigene Stimme nicht mehr wiederzuerkennen, finde ich erschreckend. Dafür gehe ich zu einer Sprachtherapeutin. Viele Frauen sind top gestylt. Als ich anfing, mich als Frau zu zeigen, habe ich mich im Vergleich wie ein Landei gefühlt. Ich habe aber gemerkt, dass ich das nicht brauche. Ich will einfach eine ganz normale Frau sein.

Juristische Unklarheiten bei Transsexualität

mla. Die Schweiz kennt kein spezielles Gesetz für Transmenschen. Sie können jedoch, basierend auf dem Zivilgesetzbuch, Vornamen und Geschlechtsangabe im Zivilstandsregister ändern lassen. Die gerichtliche Handhabe ist allerdings oft verfassungswidrig, da das Menschenrecht der körperlichen Integrität verletzt wird, wie Alecs Recher*, Jurist und Gründer des Transgender Network Switzerland (TGNS) weiss: «Die Gerichte gewähren den Betroffenen meist erst eine Anpassung der Geschlechtsangabe, wenn sie nachweisen können, dass sie durch einen operativen Eingriff dauerhaft fortpflanzungsunfähig sind. Dabei urteilte das Zürcher Obergericht bereits vor rund zwei Jahren, dass ein operativer Eingriff als Erfordernis für eine Anpassung verfassungswidrig ist. Inzwischen gibt es mehrere erstinstanzliche Urteile, die das bestätigen.»

Seltener Ausnahmefall

Was passiert, wenn ein Betroffener verheiratet ist, zumal das Schweizer Recht keine gleichgeschlechtliche Ehe vorsieht? «Das Zivilgesetzbuch erlaubt eine Auflösung einer Ehe aufgrund der Änderung der Geschlechtsangabe nicht. Die Verfassung gibt dem Staat auch die Aufgabe, funktionierende Ehen zu schützen, nicht aufzulösen», sagt Recher. Lediglich freiwillig kann das Paar die Ehe in eine eingetragene Partnerschaft konvertieren – es muss aber nicht. Aus der rechtlichen Situation heraus ergibt sich hier also ein seltener Ausnahmefall.

Transidentität ist keine Krankheit

Strittig ist in Fachkreisen auch, was als Transsexualität zu bezeichnen ist. Gemäss der internationalen Klassifizierung von Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Transsexualität eine Geschlechtsidentitätsstörung. Noch bis in die 60er-Jahre galt Transsexualität als schwere psychische Erkrankung.

Die Betroffenen «heilen» zu wollen, sei Unsinn, sagt der klinische Psychologe Udo Rauchfleisch*: «Transidentität kann nicht als Krankheit bezeichnet werden, zumal es sich um eine Variante von Identität handelt. Die ICD-10 ist revisionsbedürftig.» Rauchfleisch benutzt prinzipiell nicht den Begriff Transsexualität, zumal Transidentität nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun habe. Transidentität sei per Diagnose eine nicht veränderbare Überzeugung – eine Tatsache, die heute in Fachkreisen grossmehrheitlich anerkannt ist. «Dennoch gibt es leider auch jetzt noch Fachleute, die Hormontherapie sowie operative Geschlechtsanpassungen ablehnen», sagt Rauchfleisch und fügt an: «Transmenschen brauchen viel Kraft, um sich ihrer Identität bewusst zu werden und dies der Umgebung zu vermitteln. Auch heute noch können einem nach einem Coming-out berufliche Nachteile erwachsen.»
Bei der therapeutischen Begleitung legt Rauchfleisch Wert darauf, die Betroffenen als Individuen zu behandeln: «Sie haben unterschiedliche Lebensgeschichten und machen alle eine andere Entwicklung durch. Manche streben die operative Geschlechtsanpassung an, anderen reicht eine Hormontherapie. Wichtig ist in allen Fällen aber die soziale Integration.» Betroffene, aber auch Angehörige sollen, so Rauchfleisch, Rat und Begleitung bei erfahrenen Fachleuten suchen.

Operative Geschlechtsanpassungen gab es in der Schweiz nur vereinzelt, bevor die Behandlungen Transsexueller 1970 am Universitätsspital Basel intensiviert wurden. 1989 hat Rauchfleisch dort eine Arbeitsgruppe mitbegründet, die sich ausschliesslich mit Transidentitäten beschäftigt. Heute werden operative Geschlechtsangleichungen auch an den Universitätsspitälern Zürich und Lausanne vorgenommen.

Hinweis
* Udo Rauchfleisch ist emeritierter Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel und Psychotherapeut. 1970 bis 1999 war der heute 70-Jährige in der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel tätig, seit 1999 führt er eine private Praxis. Er gilt als der Experte für Transidentität in der Schweiz.
* Alecs Recher (37) ist Heilpädagoge, Jurist und Zürcher Gemeinderat. Er ist Rechtsberater des Transgender Network Switzerland (TGNS) und Vorstandsmitglied von Transgender Europe.
Weitere Informationen unter: www.tgns.ch; www.udorauchfleisch.ch

Events zum Thema

mla.«Kulturkopfkino Sommerfest 13», der Event der Luzerner Kultur- und Management-Agentur Kulturkopf und der Programmgruppe Kopfkino findet am 1. und 2. Juni im Theater Pavillon und im Treibhaus in Luzern statt. Auf dem Programm stehen eine Lesung, ein Podiumsgespräch, ein Konzert und die Kopfkino-Party am Samstagabend sowie der Sommer-Brunch und eine Filmvorführung am Sonntag. Der Eintritt kostet jeweils 10 Franken für den Samstag, die Kopfkino-Party und den Sonntag. Der Event ist offen für alle Interessierten und soll künftig halbjährlich zu gesellschaftlich tabuisierten Themen durchgeführt werden. Auch das diesjährige Lesbischwule Filmfestival «Pink Panorama» (14. bis 20. November) im Luzerner Stattkino behandelt das Thema Transsexualität. Das Programm steht noch nicht.

Hinweis
Infos: www.kulturkopf.ch/presents_kulturkopfkino.html und www.pinkpanorama.ch