TRAUERRITUAL: Kleiner Stein als Visitenkarte

Wenn Jüdinnen und Juden um geliebte Menschen trauern, pflegen sie auch Rituale. Und oft haben diese einen ganz konkreten Sinn.

Benno Bühlmann
Drucken
Teilen
Hugo Benjamin auf dem jüdischen Gräberfeld in Luzern neben dem städtischen Friedhof. (Bild: Pius Amrein)

Hugo Benjamin auf dem jüdischen Gräberfeld in Luzern neben dem städtischen Friedhof. (Bild: Pius Amrein)

Mittwochnachmittag, 14 Uhr: Hugo Benjamin (77), Präsident der jüdischen Gemeinde Luzern, öffnet mit seinem Schlüssel das Eisentor bei der Israelitischen Friedhofshalle an der Sedelstrasse. Dann betritt er das jüdische Gräberfeld, das unmittelbar an den städtischen Friedhof im Friedental grenzt. Die rund 400 Grabsteine sind mit hebräischen Schriftzeichen versehen. Und es fällt auf, dass auf den Gräbern keinerlei Blumenschmuck zu finden ist.

Früher Schutz vor Raubtieren

Anstelle von Blumen legt Hugo Benjamin einen kleinen Stein auf den Grabstein seiner Eltern und seines Bruders. Diese Steine seien so etwas wie eine unbeschriftete Visitenkarte, erklärt er: «Die Angehörigen möchten damit sichtbar machen, dass sie da gewesen sind, um ihrer Toten zu gedenken.»

Vermutlich geht der Brauch auf biblische Zeiten zurück, als die Israeliten noch Nomaden waren. Damals konnten Gräber nicht sehr tief ausgehoben werden. Deshalb hat man zum Schutz vor Raubtieren – und um den Bestattungsort zu markieren – möglichst viele Steine auf die Gräber geschichtet. Hugo Benjamin hält vor dem Grab seiner Mutter und seines Vaters inne und spricht in hebräischer Sprache ein Segensgebet. Das macht er jedes Jahr auch am Todestag seiner Eltern: «An diesem Tag zünden wir ein Licht an, das während 24 Stunden brennen soll. Zudem verzichten wir darauf, Musik zu hören oder ins Theater zu gehen.»

Für Benjamin sind Rituale rund um Tod und Trauer wichtig, denn sie helfen den Gläubigen beim Abschiednehmen von Menschen, die ihnen nahe sind. Er stellt sich regelmässig als Freiwilliger zur Verfügung, um in der Friedhofshalle bei der Totenwaschung mitzuhelfen. Am Körper selbst wird nichts verändert, Autopsie ist im Judentum verboten, ebenso die Kremation.

Ein Totenhemd ohne Taschen

«Der Körper wird nach der Waschung in ein einfaches, weisses Totenhemd gekleidet, das keine Taschen hat. Denn der Verstorbene kann nichts von dieser in die kommende Welt mitnehmen.» Zudem sei es Brauch, die Männer vor dem Einsargen in einen Tallit (Gebetsmantel) zu hüllen. «Auch der Sarg ist für alle gleich aus roh gehobeltem Holz, denn im Tod sind alle sozialen Unterschiede aufgehoben», sagt Benjamin.

Die Zeit vom Eintritt des Todes bis zur Beerdigung ist möglichst kurz. Diese finde nach Möglichkeit am selben Tag und in einfachem Rahmen statt: «Es gibt keine Musik, keine Blumen, und auch der Nachruf, meist vom Rabbiner gesprochen, ist knapp gehalten.» Es gehe darum, die Realität des Todes zu akzeptieren. Wichtig ist, dass bei der Bestattung der Sarg mit dem Fussteil nach Jerusalem ausgerichtet wird.

Sieben Tage trauern

Bei den direkten Verwandten des Verstorbenen ist es Brauch, dass sie bei ihrer Kleidung einen gut sichtbaren Einriss machen, um damit den tiefen Schmerz zum Ausdruck zu bringen.

Nach der Beisetzung beginnt die eigentliche Trauerzeit, die durch Rituale ausgestaltet wird: Die erste Periode der Trauer heisst Schiwah (hebräisch: sieben) und dauert sieben Tage. «In dieser Zeit sitzen die Trauernden auf niedrigen Stühlen mit dem eingerissenen Kleid und verrichten keine Arbeit.» Sie werden aber nicht allein gelassen. Im Gegenteil: Es ist heiliges Gebot, den Trauernden mit einem Besuch Trost zu spenden und ihnen nach Möglichkeit Mahlzeiten mitzubringen.

Nach den sieben Tagen folgt die Zeit der Schloschim, dreissig Tage nach der Bestattung, während der die Trauerriten gelockert werden. Männer sollen sich aber Haare und Bart noch nicht schneiden, und für alle Trauernden gilt, dass sie keine Musik hören und an keinen fröhlichen Veranstaltungen teilnehmen sollen. Die Trauerzeit der engsten Angehörigen endet nach einem Jahr mit der Setzung des Grabsteins.