Trotz hoher Zahlen: SVP Aargau will Covid-Massnahmen sofort abschaffen

Die wählerstärkste Partei will dafür voll auf den Schutz der Risikogruppe fokussieren. Das Virus gehe nicht so schnell weg. Genauso erfolglos könne man versuchen, die Erdumdrehung zu stoppen, sagt Nationalrat Andreas Glarner.

Mathias Küng
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Pascal Furer: «Auf Risikogruppe fokussieren.»

Pascal Furer: «Auf Risikogruppe fokussieren.»

Bild: Alex Spichale

Gestern wurde in der Schweiz eine neue vorläufige Höchstzahl von positiv getesteten Personen in der Schweiz bekannt. Viele rufen immer lauter nach mehr und vor allem einheitlichen Massnahmen. Nicht so die Aargauer SVP: «Die SVP würde alle Massnahmen sofort abschaffen und den Schutz auf die Risikogruppe fokussieren. Maskenpflicht bringt absolut nichts – was die steigenden Zahlen in Spanien, Frankreich und Italien ja beweisen.» Dies antwortete SVP-Kantonalsekretär und Grossratsvizepräsident Pascal Furer einem Wähler am 14. Oktober auf die Anfrage, was die Partei tun würde, wenn sie allein entscheiden könnte.

Kein formeller Beschluss, aber Position der SVP

Alle Massnahmen abschaffen, hiesse: Masken weg, Abstandsregel weg, Grossveranstaltungen nicht mehr limitieren. Ist das wirklich, was die SVP will? Furer bestätigt auf Anfrage, das brauche es alles nicht. Es gebe zwar keinen formellen Parteibeschluss, diese Position habe die SVP Aargau aber seit März zusammen erarbeitet und mit Mitteilungen immer wieder kommuniziert. Selbstverständlich sei Händewaschen gut. Er leugne Corona keineswegs, es könne zu schweren Verläufen kommen, vor allem bei alten, schon kranken Menschen, «aber das Virus hat sich schon stark abgeschwächt; die Massnahmen ­­ge- gen Corona führen zu mehr Todesopfern als Corona selbst».

Furer kritisiert die Massnahmen, weil man sehe, «welch dramatische Auswirkungen» die Lockdowns auf die vorher schon Ärmsten hätten. Alle Leute einfach wegschliessen funktioniere nicht. Die Risikogruppe schützen gehe: «Wichtig ist, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird. Davon war es im Frühjahr und ist es jetzt meilenweit entfernt.»

«Die Menschen können sich selbst schützen»

Wie soll man aber die Risikogruppen schützen, wenn niemand mehr Maske trägt und Abstand hält? Diese Gruppe sei nicht so gross, sagt Furer. Für sie gelte natürlich eine erhöhte Vorsicht wie gegenüber der Grip-pe: «Keinesfalls darf man diese Menschen wieder einsperren», so Furer. «Sie können sich auch selbst schützen, etwa, indem sie nicht an Grossveranstaltungen gehen.» Aber fühlen sich da Angehörige der Risikogruppen nicht von der SVP im Stich gelassen, wenn sie allein schauen müssen, dass sie sich nicht anstecken? Furer widerspricht vehement. «Es ist überhaupt nicht die Meinung, dass sie allein für sich schauen müssen. Wir lassen niemanden im Stich.»

Schützenhilfe erhält Furer von Parteipräsident und Nationalrat Andreas Glarner: «Zurück zur Normalität» sei das Motto der SVP zu Corona. Pascal Furer habe das etwas salopp for­muliert, letztlich laufe es aber darauf hinaus, sagt Glarner.

Glarner: «Risikogruppe kann weiterhin spazieren»

Das Virus gehe nicht so schnell weg. Genauso erfolglos könne man versuchen, die Erdumdrehung zu stoppen, sagt Glarner. Er ärgert sich sehr über den Empfänger von Furers E-Mail: «Wenn künftig alle solchen E-Mails direkt an die Medien gehen, kann man solche Anfragen halt nicht mehr beantworten!»

Aber lässt die SVP mit ihrer Haltung nicht die Risikogruppen allein? Das lässt Glarner nicht gelten. Wirklich gefährdete, etwa über 80-Jährige, die sich unsicher fühlten, könnten sich selbst schützen, etwa indem sie sich bei Grossveranstaltungen zurückhalten oder sich die Einkäufe liefern lassen. Aber werden sie so nicht faktisch eingesperrt? «Absolut nicht», findet Glarner. «Sie können vieles ausser Haus machen, wie spazieren, Freunde treffen oder wandern.»

Aebi: Maskenpflicht nein, Abstand halten ja

SVP-Grossrat und Gesundheitspolitiker Daniel Aebi ist Geschäftsführer einer Apotheke. Was sagt er dazu? Er betont, es dürfe keinesfalls mehr einen Lockdown geben: «Der im Frühling brachte nichts, kostete aber viel Geld.» Wie man heute wisse, sei zu Beginn des Lockdowns der grösste Peak an Ansteckungen schon überschritten worden, begründet Aebi.

Er würde stattdessen auf das Schwedenmodell setzen. «Keine Maskenpflicht, weil dies nach einer englischen Studie praktisch nichts bringt, aber gegenseitig Vorsicht walten lassen», erklärt er. Wer krank sei, «sollte schon eine Maske tragen, um die anderen zu schützen, auch wenn man bloss eine saisonale Grippe hat, weil die Maske beim Husten und Niesen Viren zurückhält». Regelmässiges Händewaschen sei selbstverständlich, sinnvoll sei auch Abstand, sagt Aebi.