Wie SRF, Bund und Private um die perfekte Wettervorhersage wetteifern

In der Schweiz gibt es drei verschiedene Sorten Wetterdienste. Während der aktuellen Hitzewelle sind die Prognosen der Meteorologen besonders gefragt. Ein Rundgang.

Pascal Ritter
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Im Situation Room der Hitzewelle: Meteorologe Roland Mühlebach (Bild: Severin Bigler)

Im Situation Room der Hitzewelle: Meteorologe Roland Mühlebach (Bild: Severin Bigler)

Wüstenstaub trübt den blauen Himmel am Horizont. Aus dem Abluftschacht der Kantine dringt Frittierölgeruch. Meteorologe Jan Eitel steht im hellgrauen Polo-Shirt auf dem Dach des Fernsehhochhauses Leutschenbach. Ein Kameramann hält auf ihn. Jetzt live. «Schöne guete Obe, herzlich willkomme bi Meteo, es isch wiider extrem heiss gsi», sagt er auf Baseldeutsch. Aus den Wohnzimmern der Nation verfolgen die Menschen, wie er die Höchsttemperaturen präsentiert: 36,8 Grad in Sitten.  Jan Eitel und seine vierzehn Kolleginnen und Kollegen versorgen Radio, Fernsehen und die Internetkanäle von SRF in fünf Schichten mit dem Wetterbericht. 

SRF-Meteorologe Jan Eitel auf dem Dach des Fersehstudios Leutschenbach. (Bild: Pascal Ritter)

SRF-Meteorologe Jan Eitel auf dem Dach des Fersehstudios Leutschenbach. (Bild: Pascal Ritter)

Ein Stunde vorher im Studio von Meteonews, der privaten Konkurrenz von SRF Meteo. Es befindet sich nur 500 Meter entfernt in einem Bürogebäude im dritten Stock. Bildschirme und Kameras funktionieren nun wieder. Am Nachmittag hatte ein Stromausfall sie ausgeknipst. Zu viele Klimaanlagen hingen an der gleichen Sicherung.

Wettermoderatorin Cindy Amherd stellt sich im pinken Sommerkleid vor die grüne Wand. Die roten Nike-Air-Turnschuhe wird man später auf der Aufnahme nicht sehen. Sie drückt auf die Fernbedienung. Die Aufnahme läuft automatisch, einen Kameramann gibt es nicht. In atemberaubendem Tempo sagt sie auf Walliserdeutsch: «Das isch ihre churz, knackig wie au heiss Gruess us de Wetterchuchi» und präsentiert die Höchsttemperaturen. Meteonews hat 37 Grad in Bern-Belpmoos gemessen. Kurze darauf geht das Video versehen mit etwas Werbung  auf Schweizer Newsportalen live.

Cindy Amherd von Meteonews moderiert das Wetter im Studio in Zürich-Oerlikon (Bild: Pascal Ritter)

Cindy Amherd von Meteonews moderiert das Wetter im Studio in Zürich-Oerlikon (Bild: Pascal Ritter)

Das Team von Meteonews rund um den Geschäftsführer Peter Wick versorgt verschieden Portale mit Videos und liefert Wetterberichte für Smartphone-Apps wie «Landi» und die meisten Tageszeitungen in der Schweiz. So auch für CH Media, zu dem auch dieses Portal gehört. 

Quotenbringer Wetter

Es gibt nichts, was die Menschen so sehr interessiert wie das Wetter. Meteo ist das ganze Jahr über die meistgesehene tägliche Sendung des Schweizer Fernsehens. Und in den Zeitungen und Newsportalen interessieren in dieser Woche die Hitzewelle besonders. Während das Land in Büros und auf Baustellen schwitzte, lieferten sich die verschiedenen Wetterdienste einen Kampf um Aufmerksamkeit.

Das war nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts wehrten sich Meteorologen gegen Wetterberichte in Zeitungen. Sie kritisierten tägliche Prognosen als unwissenschaftlich. Doch die Bauern wollten wissen, wann der Regen kommt. 

Mehr als 100 Jahre lang blieb die Wetterprognose ein staubtrockenes Geschäft. Und als in den USA bereits Wettermoderatorinnen in aufwändigen Shows die Aussichten präsentierten, las in der Schweiz der Nachrichtensprecher am Ende der Tagesschau die Prognose vor. Erst in den 1990er Jahren wurde bei SRF das Wetter aus der Tagesschau ausgegliedert und ein eigenes Format.

Wetterberichte neben der Startbahn

Als Roland Mühlebach in gestreiftem Kurzarmhemd und mit fassungsloser Brille am Mittwoch um 6 Uhr in der Prognose- und Flugwetterzentrale von Meteo Schweiz seinen Dienst antrat, leuchteten die Temperaturangaben auf der Karte hellgelb. Jetzt färben sie sich orange, rot und pink.

Meteo Schweiz alias Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie ist die staatliche Variante der Wetterdienste. In der Zentrale am Flughafen Zürich, wenige Meter von den Start- und Landepisten entfernt, gibt es keine Studios. Mit dem Fernsehen haben die Meteorologinnen und Meteorologen von Meteo Schweiz nichts zu tun, auch wenn immer wieder SRF-Zuschauer anrufen, um sich zu beschweren.

Der Standort am Flughafen ist nicht zufällig gewählt. Das Flugwetter ist eine der wichtigsten Aufgaben von Meteo Schweiz. Für die Piloten gibt es eine Ecke mit Bildschirmen, auf denen sie sich über Flugbedingungen informieren können. Einmal kommt ein Pilot herein und fragt nach der Temperaturentwicklung. Ist es heiss, können Flugzeuge weniger Fracht laden: zu wenig Auftrieb beim Start. 

Meterologe Roland Mühlebach in der Zentrale von Meteo Schweiz (Bild: Severin Bigler)

Meterologe Roland Mühlebach in der Zentrale von Meteo Schweiz (Bild: Severin Bigler)

Am Arbeitsplatz von Roland Mühlebach ziehen auf Radarbildern Wolken über England, Temperaturkarten zeigen, wo die Schweiz nun richtig ins Schwitzen kommt. 

Am vergangenen Sonntag wurde von hier aus eine Hitzewarnung ausgelöst. Stufe drei für die ganze Schweiz. Am Montag wurde für Basel und Wallis, am Dienstag fürs Tessin auf Stufe vier erhöht. Die Warnungen sind noch bis Montagabend gültig.

Abweichende Prognosen

Wie konnten die Hitzewelle vorausgesagt werden? Meteorologen wie Roland Mühlebach oder Jan Eitel stützen sich auf Modelle. Diese errechnen aus Daten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Wind Szenarien, wie sich das Wetter weiterentwickeln könnte. Die Rechnungen werden jeweils mehrfach mit leicht abweichenden Daten gerechnet, so dass eine grosse Zahl an möglichen Szenarien entsteht.

Vergangene Woche ergab eine Mehrheit der errechneten Szenarien Temperaturen zwischen 30 und 37 Grad. Dass sich die Meteorologen auf dem Dach im Leutschenbach, im Studio von Meteonews oder vor den Bildschirmen am Flughafen nicht immer einig sind, hat verschiedene Gründe. So stützen sich die  Wetterdienste oft auf unterschiedliche Rechenmodelle. Und diese müssen dann zuerst interpretiert und für jeden Ort justiert werden. In der Schweiz, mit ihren Bergen, Tälern und Ebenen, gibt es besonders viel Spielraum für Diskussionen. In den Zentralen der Wetterdienste wurde diese Woche darum über einzelne Grade gestritten.

Bei Meteo Schweiz am Flughafen versammelt sich nun ein halbes Dutzend Meteorologen vor einer Wand mit Satelliten-Bildern und Wetterkarten. Mühlebach erklärt seinen Kollegen, wie die Aussichten sind. Quintessenz: Es wird nach der Hitzewoche wieder etwas weniger heiss. Es wird Gewitter geben. Am Montag oder Dienstag. Wann genau sie kommen, kann auch er noch nicht sicher sagen.

Vielleicht kommen sie auch schon am Sonntag.