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TÜRKEI/REFERENDUM: Auch im Stimmlokal in Bern scheiden sich die Geister

Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein machtgieriger Herrscher: Präsident Erdogan spaltet die Türken – auch hierzulande, wie ein Augenschein vor einem Stimmlokal in Bern zeigt.
Maja Briner, Bern
Rund 95000 Türken können hierzulande ihren Stimmzettel einwerfen. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer, Bern, 27. März 2017)

Rund 95000 Türken können hierzulande ihren Stimmzettel einwerfen. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer, Bern, 27. März 2017)

Maja Briner, Bern

Auf den ersten Blick scheint alles seinen gewöhnlichen Gang zu nehmen im noblen Berner Kirchenfeld-Quartier. Es ist Mittagszeit, Schüler sind mit dem Velo unterwegs, Jogger drehen ihre Runden. Doch vor der türkischen Botschaft ist die Strasse für Autos gesperrt, Polizei und Sicherheitsdienst schieben Wache. Die Botschaft, ein gräulicher, mit einem fünf Meter hohen Zaun gesicherter Betonbau, ist einer von schweizweit drei Orten, an denen hiesige Türken und Türkinnen über das umstrittene Verfassungsreferendum abstimmen können. Mit diesem will Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Macht ausbauen.

Trotz der gemächlichen Berner Kulisse gehen die Emotionen im Gespräch mit manchen türkischen Stimmbürgern rasch hoch. Besorgnis mischt sich mit Wut, Misstrauen und Angst. Aus Furcht vor Erdogan-freundlichen Spitzeln ist ein kurdisches Paar um die fünfzig extra von Zürich nach Bern gefahren – obwohl die beiden auch im Konsulat in Zürich hätten abstimmen können. «Dort sind aber überall Beobachter», erzählen die beiden Erdogan-Kritiker. Der Mann sagt, er kenne Landsleute, die aus Angst nicht an die Urne gingen. In Bern ist rund um die Botschaft kaum jemand unterwegs, doch auch hier wird die Frau bald unruhig, blickt immer wieder umher. «Du musst keine Angst haben», versichert ihr Mann.

Andere geben sich hingegen ohne Scheu als Erdogan-Kritiker zu erkennen. «Wir haben gegen ihn gestimmt», sagt eine junge Westschweizerin mit schwarzen Locken, die mit einem älteren Mann aus der Botschaft kommt und sich eine Zigarette ansteckt. Sie seien Kurden, antworten die beiden auf die Frage, warum sie gegen die Verfassungsänderung stimmen. Mit dieser Volksgruppe befindet sich Erdogan auf Konfrontationskurs: Der Konflikt zwischen der verbotenen kurdischen PKK ist nach einer Waffenruhe erneut aufgeflammt; zudem wurden im November mehrere Parlamentarier der prokurdischen Partei HDP verhaftet.

«Er hat das Land vorwärtsgebracht»

Erdogan-Befürworter scheinen an diesem Tag in Bern weniger zahlreich zu sein, aber es gibt sie durchaus. «Natürlich haben wir Ja gestimmt», sagt eine adrett geschminkte Frau mit Kopftuch um die fünfzig, die gemeinsam mit ihrem Mann die Botschaft verlässt. Auch ein junger Mann in Trainingsanzug und mit Baseballmütze ist voll des Lobes über Erdogan: «Er hat das Land vorwärtsgebracht.» Der in der Schweiz aufgewachsene Türke nervt sich über die Medien, die seiner Ansicht nach einseitig berichten. «Erdogan ist demokratisch gewählt», betont er.

Während seine Begleiterin, eine junge Frau mit Kopftuch und langem schwarzen Kleid, sich mit ihrem Smartphone beschäftigt und schweigt, redet er sich in Rage: Auch Länder wie die USA hätten ein Präsidialsystem, aber nur bei der Türkei werde es kritisiert, sagt er. Der junge Mann ärgert sich auch über das «Kill Erdogan»-Plakat an der Demo in Bern und insbesondere darüber, dass die Urheber noch nicht bestraft wurden. «Wenn ich ein ‹Kill Blocher›-Plakat gemacht hätte, hätten sie mich schon lange eingelocht», sagt er.

Gegenseitige Beschuldigungen

Die Gegner der Verfassungsänderung sehen die Türkei hingegen auf dem Weg in eine Diktatur, sie fürchten um die Menschenrechte und um die von Staatsgründer Atatürk eingeführte Trennung zwischen Religion und Staat. Die Gräben sind tief, auch bei den Schweizer Auslandtürken, das zeigt sich in den Gesprächen. Beide Lager prangern die Gegenseite an, machen sie gar für Tote verantwortlich. In Brüssel eskalierte die Situation letzte Woche: Bei Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern Erdogans wurden mehrere Menschen verletzt. Bei der Botschaft in Bern kam es laut Polizei bisher aber zu keinen Zwischenfällen.

Auch das Abstimmen verläuft problemlos und korrekt, wie alle Befragten berichten. Vertreter verschiedener Parteien – Gegner wie Befürworter der Verfassungsänderung – überwachen die Abstimmung gemäss Angaben der türkischen Botschaft in allen Stimmlokalen, in Bern ebenso wie in der Türkei. Manche befürchten dennoch Manipulationen, so etwa eine Frau mit kurzen Haaren, die mit ihrem kleinen Sohn an ihrem freien Tag nach Bern gekommen ist, um ein Nein in die Urne zu legen. «Vielleicht lassen sie wieder den Strom ausfallen», meint sie. Während der Kommunalwahlen 2014 hatte es in der Türkei Stromausfälle gegeben, die Opposition sprach damals von Wahlfälschung. Obwohl die Frau Manipulationen befürchtet, findet sie, man müsse abstimmen. «Sonst wird es schlimmer und schlimmer», sagt sie. Hat sie Angst? Sie schüttelt den Kopf: «Wenn wir Angst haben, hat er schon gewonnen.»

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