Corona
«Die Menge ist völlig überrissen»: Jeder und jede könnte sich dieses Jahr vier Mal gegen Covid impfen lassen

34 Millionen Covid-Impfdosen stehen der Schweiz dieses Jahr zur Verfügung. Nun wird Kritik laut: Der Bund beschaffe zu viel. Bereits müssen erste Dosen vernichtet werden.

Maja Briner
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Der grosse Ansturm ist vorbei: Derzeit lassen sich nur noch wenige impfen.

Der grosse Ansturm ist vorbei: Derzeit lassen sich nur noch wenige impfen.

Bild: Andrea Tina Stalder

Zu Beginn der Impfkampagne war der Covid-Impfstoff ein knappes, begehrtes Gut. Es gab einen derartigen Ansturm auf die Termine, dass mancherorts die Anmeldesysteme zusammenbrachen.

Tempi passati. Derzeit lassen sich pro Tag rund 1200 Personen piksen. Eine beschauliche Zahl angesichts der 34 Millionen Dosen, die der Schweiz dieses Jahr zur Verfügung stehen. Damit könnte jeder und jede hierzulande vier Mal gegen Covid geimpft werden. Bereits muss Impfstoff entsorgt werden, weil er abgelaufen ist. Betroffen sind 620’500 Dosen von Moderna, wie das Westschweizer Radio und Fernsehen RTS berichtete.

Beschafft der Bund zu viel Impfstoff? Mit dieser Frage befasst sich kommende Woche das Parlament. Der Bundesrat beantragt Nachtragskredite für die Beschaffung von Impfstoffen für 2022 und 2023. 15 Millionen Dosen will der Bund für nächstes Jahr kaufen. Der Nationalrat beugt sich am Montag über das Thema, der Ständerat am Mittwoch.

Nicht mehr so viele Reserven nötig

Manche Bürgerliche finden die Anzahl Impfdosen zu hoch. In der Finanzkommission des Nationalrats setzten sich SVP und Mitte für eine Kürzung der Kredite ein. SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi sagt, es sei grundsätzlich richtig, Impfstoff zu beschaffen. «Aber was der Bundesrat vorschlägt, ist zu viel.» In der Vergangenheit sei man bei der Beschaffung zu grosszügig gewesen:

«Das zeigt sich jetzt etwa daran, dass Impfdosen – und damit Steuergelder – vernichtet werden müssen.»

Nun müsse man vorsichtiger sein, gerade angesichts der finanziellen Lage des Bundes.

Noch deutlicher wird SVP-Finanzpolitiker Lars Guggisberg: «Die Menge, die der Bund beschaffen will, ist völlig überrissen.» Die Ausgangslage sei eine andere als zu Beginn der Pandemie. Die Produktionskapazitäten seien viel höher, der Impfstoff werde weltweit kaum wieder knapp werden. «Deshalb müssen wir nicht derart viele Reserven beschaffen.»

Gewappnet für den Herbst

Konkret geht es im Parlament um einen nachträglichen Voranschlagskredit über 314 Millionen Franken und einen zusätzlichen Verpflichtungskredit über 780 Millionen. Eine knappe Mehrheit der nationalrätlichen Finanzkommission wehrte sich gegen eine Kürzung, in der Schwesterkommission unterlag sie.

«Es ist ein relativ hoher Betrag, der schmerzt», räumt SP-Nationalrätin Sarah Wyss ein. Aber der Bund habe überzeugend dargelegt, dass diese Beschaffungen nötig seien. «Es geht darum, für den Herbst und Winter gewappnet zu sein», sagt sie. «Und man muss sehen: Es wäre viel teurer, wieder harte Massnahmen wie Schliessungen zu treffen und Wirtschaftshilfen auszuzahlen.» Daher sei die Impfstoffbeschaffung gut investiertes Geld. Störend sei allerdings die mangelnde Transparenz. Die Impfstoffverträge sind immer noch geheim.

«Schlicht skandalös»

Ziel des Bundes war stets, genügend Impfstoff zu haben – für alle möglichen bösen Überraschungen, welche die Pandemie bringen könnte. Dass dadurch zu viel beschafft werden könnte, nahm er in Kauf. Wird der Impfstoff nicht gebraucht, könne man ihn weitergeben, so die Idee.

Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel (Mitte) sagt: «Dass in der Vergangenheit zu viel Impfstoff beschafft wurde, kann man niemandem vorwerfen.» Die Unsicherheiten, welcher Impfstoff wie gut wirke, seien damals gross gewesen. Wichtig sei aber, dass überschüssige Impfdosen an ärmere Länder weitergegeben würden. «Wenn Impfdosen entsorgt werden, ist das schlicht skandalös.»

Eigentlich hat der Bundesrat im Februar entschieden, bis zu 15 Millionen Impfdosen an andere Länder weiterzugeben. Geschehen soll dies prioritär via die sogenannte Covax-Initiative. Allerdings folgten dieser Ankündigung bisher keine Taten. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt: «Die Verhandlungen zwischen Covax, den Herstellern und dem Bund laufen noch.» Um den Impfstoff weiterzugeben, brauche es zusätzliche Vereinbarungen. Woran es harzt, ist unklar. Gleichzeitig tickt die Uhr: Der Moderna-Impfstoff ist nur neun Monate haltbar, jener von Pfizer/Biontech zwölf.

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