ÜBERGANGSRITEN: «Zu Allah kehren wir heim»

Bei der Bestattung muslimischer Verstorbener werden viele rituelle Bestimmungen befolgt. So spielt etwa Mekka eine wichtige Rolle.

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Yusuf Sabadia, Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (links), und Abdulkerim Sadiku, Imam, auf dem muslimischen Grabfeld des Friedhofs Friedental Luzern. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Yusuf Sabadia, Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (links), und Abdulkerim Sadiku, Imam, auf dem muslimischen Grabfeld des Friedhofs Friedental Luzern. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Donnerstag, 14.30 Uhr: Abdulkerim Sadiku und Yusuf Sabadia haben sich auf dem muslimischen Grabfeld im Friedental Luzern eingefunden. Vor den Gräbern sprechen sie ein Gebet für die Verstorbenen. Ein Halbmond mit Stern ist auf den Grabsteinen und schlicht gehaltenen Holztafeln eingraviert, darunter steht in arabischen Zeichen ein Zitat aus dem Koran: «Siehe, wir gehören Allah, und zu ihm kehren wir heim.»

Ausdruck der Integration

In seiner Funktion als Imam (Vorbeter) der albanischen Moschee in Emmenbrücke war Sadiku dabei, als die Überreste eines Verstorbenen von Rothenburg nach Luzern transferiert wurden, denn die Muslime aus acht Luzerner Gemeinden haben erst seit Sommer 2008 die Möglichkeit, verstorbene Angehörige in der Stadt Luzern zu bestatten. Damals wurde im Friedental ein muslimisches Grabfeld geschaffen, das Platz für rund 300 Grabstellen bietet. Für Yusuf Sabadia, Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL), bringt dies auch den Willen zur Integration der muslimischen Minderheit in der Schweiz zum Ausdruck: «Für viele hier lebende Muslime ist die Schweiz zur Heimat geworden. Sie fühlen sich hier verwurzelt.» Deshalb sei die Überführung von verstorbenen Familienangehörigen ins alte Heimatland keine geeignete langfristige Lösung. «Für uns ist es wichtig, dass wir unsere Verstorbenen in der Schweiz in Würde begraben können, und auch der Gräberbesuch hat eine grosse Bedeutung.»

Leichenaschung und Totengebet

Für gläubige Muslime ist es wichtig, dass vor der Bestattung das Ritual der Leichenwaschung vollzogen werden kann, bei dem meistens ein Familienmitglied des Verstorbenen dabei ist. Dieser Dienst am Verstorbenen gilt im Islam als gute Tat. Die Leiche wird anschliessend mit einfachen weissen Leintüchern eingewickelt und dann für den Transport in einen Sarg gelegt (in den Herkunftsländern werden normalerweise keine Särge verwendet). «Das Grab sollte quer zur Richtung der Kaaba in Mekka angelegt werden. Die Leiche wird mit dem Gesicht nach rechts, nach Mekka blickend ins Grab gelegt», erklärt Sabadia. Unmittelbar vor der Beerdigung wird das Totengebet verrichtet: Es besteht aus dem Glaubensbekenntnis (Schahada), dem Gebet der ersten Sure des Korans, Bitt- und Fürbittgebet und dem Friedensgruss.

Oftmals organisieren die Verwandten nach dem Begräbnis gemeinsame Koranrezitationen. «Nach albanischer Tradition wird während einer Trauerzeit in der Familie sogar der ganze Koran gelesen», ergänzt Sadiku und betont, dass sich die Bräuche rund um die Bestattung von Land zu Land stark unterscheiden können.

Zu Kompromissen bereit

Für Yusuf Sabadia ist klar, dass die Muslime in der Schweiz bei der Umsetzung ihrer Bestattungsrituale auch Hand zu Kompromissen bieten müssen. Beispielsweise sei es in der Schweiz nicht möglich, dass die Beerdigung innert 24 Stunden nach dem Tod stattfinden könne. Zudem müsse aus Platzgründen auch ein Verzicht auf die im Islam verbreitete ewige Grabesruhe in Kauf genommen werden. Doch immerhin sei eine Dreifachbelegung der Gräber technisch problemlos möglich: Die erste Bestattung ist in 2 Meter Tiefe vorgesehen, die zweite erfolgt nach 20 Jahren in 1,75 Meter und die dritte nach weiteren 20 Jahren in 1,5 Meter Tiefe.

Obwohl es in der Schweiz heute in vielen Städten muslimische Grabfelder gibt – etwa in Zürich, Genf, Basel, Bern und Winterthur –, werden immer noch viele Verstorbene aus der muslimischen Gemeinschaft zur Bestattung in ihre alte Heimat repatriiert. So gibt es in der Schweiz darauf spezialisierte muslimische Bestattungsunternehmer.

Einer von ihnen ist der Kosovare Enver Fazliji, der im solothurnischen Bellach lebt. Er bietet seine Dienste aus einer inneren Berufung an: «Es ist eine grosse Ehre, wenn Angehörige einem ihre Verstorbenen anvertrauen. Vor allem im Islam.» Wenn ihn Menschen anrufen und vom Tod eines Angehörigen erzählen, dann müsse er ruhig und überlegt vorgehen. Der Tod sei von Gott gewollt, erzähle er dann den Trauernden. Was er damit meint, erläutert er so: «Wir Muslime glauben daran, dass nichts von selber passiert. Alles im Leben ist vorherbestimmt. Im dritten Schwangerschaftsmonat kommt der Engel vorbei und bringt dem werdenden Kind drei Dinge mit: die Seele, das Schicksal und das Todesdatum.»